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Die Welt · 1905-04-07 · 14 (7.4.1905) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „b«f # W*It« Nr. 14 trachten. Diese Ansicht, dass dem Golus des jüdischen Volkes kein Ende bereitet werden kann, ist ja nicht neu. Neu ist nur ihr Auftreten innerhalb der zionistischen Partei. Wiejkonnte diese merkwürdige Meinung, die den Zionismus, die nationale Wiedergeburt, die Staatswendung Judas in Frage stellt, in unseren Reihen so festen Fuss fassen, dass die Zentrale der russischen Zioni Zion einen Aufsatz, der sich gegen den Territorialismus richtet und dabei auch die erwähnte Theorie enthält, in ihrem Flugblatt empfehlen konnten? Auf der einen Seite enthält die ganze Theorie weiter nichts, als die Achad-Haam'sche Anschauung vom kulturellen Zentrum allerdings in verschlimmerter Auflage. Auf der andern Seite aber ist sie ein alter, guter Bekannter, den uns die Antizionisten so oft in Versammlungen vorgestellt haben, nämlich der Einwand: Der Zionismus ist eine Utopie, denn man kann eben die Juden nicht nach Palästina bringen. Dass man eine kleine Minorität in Palästina ansiedeln kann, das haben auch die heftigsten Antizionisten zugegeben. Der allgemeinen jüdischen Mutlosigkeit und Verzweiflung entspricht der Einwand der Utopie, auch wenn er sich mit scheinbar noch so verstandesklaren Gründen drapiert. Der zionistischen Mutlosigkeit und Vei zweiflung entspringt die Ansicht, die Juden müssten ewig in der Diaspora bleiben; in Palästina werde man doch nur höchstens eine Minorität des jüdischen Volkes unterbringen. Geg?n diese Mutlosigkeit, die schon beginnt — wie bei uns Juden nur natürlich — sich in ein allerschönstes und wohl ausspintisiertes theoretisches Mäntelchen zu kleiden, muss von Anfang an auf das Schärfste Front gemacht werden. Wir politischen Zionisten haben von Anfang an betont, dass die ökonomische, kulturelle und nationale Not durch den Zionismus gelöst werden muss, dass unser Ziel also die Lösung der Judenfrage überhaupt ist. Nur so, indem wir das berechtigte und wohlbegründete Postulat der Lösung der Judenfrage durch den Zionismus aufstellten, gewannen^ wir die öffentliche Meinung und lenkten die Aufmerksamkeit der Regierungen auf uns. Denn, wenn der Zionismus nur die Minorität der Juden betrifft, wenn die grosse Masse der Juden ewig in den Ländern des Golus bleibt, welches Interesse sollten dann die Regierungen beziehungsweise die Völker haben, die Judenfrage als eine internationale Angelegenheit aufzufassen, deren Lösung auch in ihrem eigenen Interesse liegt? Denn ich lege mit Dr. Pasmanik auf dieses Eigeninteresse der Mächte als einen realen, politischen Faktor einen ausserordentlichen Wert, um so mehr, als ich der Meinung bin, dass dieses Eigeninteresse in Zukunft wachsen wird, auch wenn der von Herrn Feiwel zitierte »russische Frühling" den Juden in Russland gewisse Erleichterungen bringen wird. Dass die erwähnte Anschauung von Russland aus zu uns kommt, ist nicht weiter verwunderlich; herrscht doch gerade dort der Trieb, sich~an der Gegenwartsarbeit zu beteiligen, und es ist auch ohne weiteres zuzugeben, dass dort eine vernünftige Gegenwartsarbeit unumgänglich notwendig ist. Aber bedarf es, um sich mit Gegenwartsarbeit zu beschäftigen, wirklich einer so absurden Theorie zur Begründung? Ist es nicht selbstverständlich, dass wir unser Volk nicht verelenden lassen können, dass wir einer schöneren Zukunft zuliebe nicht die Gegenwart opfern dürfen? Ausserdemist es|ein selbstverständliches Gebot, dass wir unseren staatsbürgerlichen Pflichten genügen müssen, dass wir aber auch unter keinen Umständen unsere staatsbürgerlichen Rechte vernachlässigen dürfen, wenn wir nicht zu vollständig rechtlosen Parias herabsinken wollen. Zur Begründung all dieser Selbstverständlichkeiten, die in sich die Gegenwartsarbeit begreifen, bedarf es aber nicht der so absurden Auffassung, dass die Juden in ihrer grossen Masse in der Diaspora bleiben werden. Warum behaupten diese Propheten nicht auch, dass die Juden seit ewig in der Diaspora sind? Angesichts all der verwirrenden Anschauungen, die sich heute hervordrängen, ist es notwendiger denn je, den politischen Zionismus in seiner ursprünglichen Form — das Vermächtnis Theodor Herzls — mehr als je, zu betonen. Die Phalanx der zionistischen Partei wird nach wie vor daran festhalten, dass die Judennot in allen ihren Formen durch den politischen Zionismus, wie er im Baseler Programm festgelegt ist, gelöst wird. Zur Ostafrikafrage/) Von Dr. E. Simonson. Mit Recht hat man in der zionistischen Presse schon jetzt mit der Erörterung des Ostafrikaprojektes begonnen, ohne das Ergebnis der Expedition abzuwarten; denn nur so kann für die auf dem VIII. Kongress notwendig herbeizuführende Verständigung der Boden bereitet werden. Eine gesunde Einigung kann nämlich nicht in der Weise erzielt werden, dass die eine Richtung sich sagt: Die anderen haben nun einmal eine Kräftigere Stimme, eine Spaltung ist ein Unglück, also müssen wir nachgeben und den Plan mit Anstand aus der Welt schaffen. Diese Resignationsstimmung scheint z. B. in dem von unserem deutschen Führer an die Mitglieder des D. C. gerichteten Rundschreiben wirksam gewesen zu sein, in, dem er die zuversichtliche Hoffnung ausspricht, dass die Ostafrikafrage im Laufe dieses Jahres für uns endgültig erledigt sein werde. Das ist nicht der Weg, der zu einem dauerhaften Ausgleich führen kann. Vielmehr kann eine Klärung und ein gesunder Friede nur durch ausgiebige Diskussion erzielt werden, durch die angesammelte Missverständnisse zerstreut werden und der eine vorn anderen erst recht erfährt, welches seine wirkliche Meinung ist. Vielleicht wird sich dann zur beiderseitigen freudigen Ueberraschung herausstellen, dass die Unterschiede gar nicht so fundamental sind, wie es unter der Herrschaft der Parteischlagworte den Anschein hatte. Von vornherein will ich hervorheben, dass ich als Befürworter des Projektes zu Ihnen sprechen werde, und zwar nicht etwa bloss aus „diplomatisierenden" Rücksichten, um dem Angebot der britischen Regierung ein der Bedeutung des Offerierenden entsprechendes Begräbnis erster Klasse zu sichern, sondern weil ich glaube, d:ass es gelingen werde, auf den angebotenen 15 000 Quadratkilometern in 15—20 Jahren eine halbe Million (?? Red.) und mehr heimatloser Juden unter demSchutze der englischen Freiheit bodenständig zu machen und sie so d e m jüdischen Volke und dem jüdischen Volkstum zu erhalten. Weil ich ferner der Hoffnung lebe, dass die Kolonie unter entsprechender Leitung nach bodenreformerisehen Grundsätzen für uns eine volkswirtschaftliche Versuchsstation werden kann, welche die von der Palästinakommission geplante landwirtschaftliche Versuchsstation an Bedeutung weit überragen würde, deren Wert und Wichtigkeit ich im übrigen im vollen Umfange wohl zu schätzen weiss. Drittens endlich, weil ich von der zuversichtlichen Hoffnung beseelt bin, dass diese Wohltätigkeitsaktion in grossem Massstabe, weit entfernt, den Zionismus zu schädigen, vielmehr eine gewaltige Förderung seiner materiellen und geistigen Machtmittel, und damit eine Beschleunigung in. der Herbeiführung s e i ii es Endzieles bringen w ü r d e. *) Referat, gehalten in der Berliner Zionistischen Vereinigung am 23. Februar 1905.

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