Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1905-04-07 · 14 (7.4.1905) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316128-3316147--46743-3341604
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 14 „w* * weit11 Seite 5 beiden Aktionen sich zusammenreimen, so dass ein objektiver Beobachter wohl mit Recht schreiben kann, dass dieses Diplomatisieren (der reinen Palästinenser) uns auf keinen breiten Weg hinausführen wird", denn es steht in keinem Zusammenhange mit der vorgeschlagenen Gegenwartsarbeit in Palästina. Es handelt sich nur um einen Opportunismus ohne Ziel und Zweck. Eben deshalb ist dieser Opportunismus viel gefährlicher, als der offene Chowewe-Zionismus. Im Grunde genommen ist der ganze Plan Ussischkins, der doch so praktisch aussieht, in Wirklichkeit die reinste Phantasie. Seine „Praktischkeit" erinnert an die aller kleinbürgerlichen Soziologen: sie halten das Nächstliegende für das leichter Ausführbare. Erstens verlangt er, dass man im ersten Punkte des Baseler Programmes vor den Worten : „in Palästina" das Wörtchen „Nur" hinzufügen soll, wobei kein künftiger Kongress das Recht hätte daran zu rütteln. Dadurch wäre also jegliche Arbeit in den Nebenländern Palästinas unmöglich gemacht. Zweitens sollen wir diplomatisieren— damit soll sich eine Gruppe von Personen beschäftigen — und zwar gleichzeitig in den europäischen Parlamenten und und Volksversammlungen einerseits und in Kostantinopel andrerseits. Das heisst Wasser und Feuer harmonisch vereinigen. Entweder — oder: entweder wir erwarten alles von Europa, dann haben wir in Konstantinopel nichts zu tun. Oder aber wir erwarten alles von der Türkei, dann haben wir jetzt nur in Konstantinopel zu arbeiten. Ueber dieses Dilemma muss man sich klar werden und nicht alles in einen Topf schleudern", in der Meinung, es wird am Ende doch was gutes herauskommen. Drittens, sollen wir den Boden vor dem Charter loskaufen. Wir haben ja schon gesehen, wie Herr U s s i s c hkin die Rollen zwischen dem Nationalfonds, „Ica" und „Geula" verteilt. Wie soll gekauft werden? Wie man nur kann : auf den Namen von türkischen Untertanen, auf den Namen privater Personen und ganz dumpf wird von einer juridischen Persönlichkeit gesprochen. Dass bei den jetzigen Kämpfen sehr viel Missstände zutage treten, darüber wird ^hinweggegangen. Der gekaufte Boden soll kolonisiert werden mit . . . den schon jetzt in Palästina vorhandenen Kolonisten oder aber Privatpersonen werden Plantagenwirtschaft treiben, dabei soll man unsere Jugend einladen, drei Jahre für diese privaten Leute zu dem landesüblichen Lohn zu arbeiten — eine Art zionistischer Militärpflicht. Dass dabei gerade die kräftigsten Elemente unter den Juden, vor allem in ihrem Heimatsorte, wirklichen Militärdienst leisten müssen, Avird ausser acht gelassen. Man vergisst auch, dass der Städter erst in drei Jahren mit der Landwirtschaft vertraut wird, so dass wir nach dem Plane Ussischkins eigentlich nie wirkliche bodenständige Landarbeiter hätten. Und dann sieht man doch nicht ein, warum junge Leute, um anderen Profit zu verschaffen, drei Jahre ihres besten Lebens hergeben sollen! Und dieser Plan wird als das letzte grosse Wort verkündet! Das heisst ein praktisches Programm! Und die Wilnaer Konferenz scheint diesen Plan als eine Prophetenverkündigung angenommen zu haben, als einen Ausfluss der Staats Weisheit! Nein, für diesen Plan können sich höchstens unsere Ideologen erwärmen, aber nicht unsere Jugend und nicht die breite Masse des jüdischen Proletariats. Denn diese Masse wird in diesem Plane eben nicht mehr als „Nebbiehkeit" erblicken, denn auf diese Weise kann man Palästina nie und nimmer ökonomisch beherrschen und wenn sogar der ganze Boden dieses Landes in unseren Händen sich befände. Wirtschaftliche Probleme, besonders aber das Problem der jüdischen Arbeit, können nicht durch Ideologie gelöst werden. Da müssen die egoistischen Interessen der Arbeitermassen berücksichtigt werden. Der Bau muss auf einem viel solideren Grund aufgeführt werden. Der Grund war früher der Charter. Es wäre schön, ist aber unmöglich.*) Daher bleibt uns nichts übrig als der Weg der loyalen Verständigung mit der Türkei auf Grund von Konzessionen, wobei wir die Möglichkeit schaffen sollen, offen den Boden anzukaufen und offen diesen Boden mit jüdischen Arbeitern zu kolonisieren, die nicht für andere, sondern für sich der Erde ihre Früchte in harter Arbeit abringen werden. Wir resümieren: 1. Die territoriale Lösung der jüdischen Frage kann nur in Palästina mit ihren Nebenländern gesucht werden — aus subjektiven und objektiven Gründen. Nur da kann die normale Verteilung der ökonomischen Funktionen innerhalb des jüdischen Volkes am leichtesten erreicht werden. 2. Es muss die Möglichkeit einer Massenkolonisation nach diesen Ländern in kürzester Zeit angestrebt werden, vor allem auf Grund des Baumwollprojektes in Nordsyrien. 3. Unsere diplomatische Arbeit muss in Konstantinopel konzentriert werden zwecks Erreichung von Konzessionen, die uns ermöglichen sollen, legalerweise Boden in Palästina anzukaufen und ihn zu kolonisieren, nicht bloss mit Palästinenser, sondern auch mit frisch immigrierten Juden. 4. Die konsequente Durchführung der Beschlüsse der Wilnaer Konferenz wäre die unverhüllte Rückkehr zum kleinbürgerlichen und sterilen Chowewe Zionismus und würde jedenfalls die Masse des arbeitenden jüdischen Proletariates dem Zionismus vollständig entfremden. * * * Im folgenden Artikel werden wir uns mit der Frage der „Erziehung zur nationalen Gesinnung", die von den Herren Greenberg und Dr. Z 1 o c i s t i als etwas ganz Spezielles behandelt wurde, befassen. Genf den 16. März 1905. Dr. D. P a s m an i k. Golus und Zionismus. Von Dr. Felix Pinkus. In Nr. 11 der „Welt"hat Gg. Dr. D. Pasmanik bereits der merkwürdigen Anschauung Erwähnung getan, wonach der Zionismus mit seinem Endziele nur für die Minorität des jüdischen Volkes mit der Lösung der Judenfrage identisch wäre, da die grosse Masse ewig in der Diaspora bleiben müsse. Insofern sich diese Ansicht auf das Argument stützt, dass eine Grosskolonisation, die Millionen von Juden in unserer Heimat ansiedeln könnte, unter keinen Umständen möglich ist, hat Herr Dr. Pasmanik bereits die Gegengründe geltend gemacht und ich habe nicht nötig auf dieses fadenscheinige Argument näher einzugehen. Dagegen halte ich es für ausserordentlich interessant, die Konsequenzen dieser Anschauung, deren Richtigkeit den Bankerott des Zionismus bedeuten würde, näher zu be- *) Wollen wohl sagen, „für jetzt unmöglich", Herr Doktor? Anm. d. Herausgebers.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.