Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 „bie weit« Seite 3 Lehre, die Rasse gestaltet das Leben," meint er und in dieser Beziehung ist er vollkommen mit Repan einverstanden, der gleichfalls alle Eigentümlichkeiten des jüdischen Volkes, dessen Religion und Weltanschauung aus der Rasse ableitet. „Wie die Natur keine allgemeinen Blumen und Früchte, keine allgemeinen Tiere und Pflanzen, sondern nur Pflanzen- und Tiertypen produziertso der Schöpfer in der Geschichte nur Volks typen." (ib. 58). Das ist das Credo des Nationalismus, wie ihn Hess philosophisch zu begründen suchte. Ein Gedanke, der bereits vor Hess auf die deutsche Geschichte angewendet wurde, der gleichfalls von allen Rassentheoretikern vertreten wird von Gobineau bis auf Chamberlain. Und im Sinne seiner gesamten Weltanschauung meint Hess, „dass es sich heute darum handelt, die verschiedenen Volkstypen frei hervortreten und sich entwickeln zu lassen". Ist das nicht die moderne Begründung der jüdisch nationalen Bewegung, wie sie jetzt geboten wird? Sich frei entwickeln — zu welchem Zwecke? Diese Frage würde ein Moderner beantworten, indem er die freie Entwicklung des Individuums uud des Volksstammes als Selbstzweck betrachtet, Hess konnte noch von den alten Geschichtskonstruktionen nicht lassen. Ihm war das Judentum der Kultus der Geschichte, ihm schien das Judentum berufen zu sein, neue Werte zu bieten. Welche sie seien und wie sie geartet sein sollten, hat er uns nicht näher definiert. Doch eines ist ihm klar, dass „im Exil" diese Entwicklung unmöglich ist. Wie wir somit sehen, war Hess nicht nur ein Vorläufer. Er war nicht ein Stammler von halben Wahrheiten. Im Gegenteil, er war konsequenter, vielseitiger, tiefer als wir modernen Zionisten. Er hat alle Seiten der Frage verslanden, alle in Betracht gezogen. Und wenn er, wie er seit jeher gewohnt war, auch die Judenfrage nicht blos als M a g e n fr a g e, sondern auch als ideelle Frage auffasste, so war es das Streben nach einer einheitlichen, geschichtlichen und philosophisch begründeten Weltauffassung. Er hat seinen Nationalismus von Spinoza abzuleiten geglaubt, er hat ihn jedoch von Hegel abgeleitet. Immerhin war es ein Versuch nach spinozistischer Methode, die Sache „sub specie aeternitatis" zu betrachten. Ob es ihm gelang, ist eine Frage, auf die eine absolute Antwort zu geben unmöglich ist. Denn Weltanschauungen sind subjektive Anschauungen. Man kann gegen sie mit den Mitteln der Logik und der Wissenschaft kämpfen, widerlegen kann man sie nicht. Destoweniger eine Geschichtskonstruktion, wie die von Hess, die poetisch und tiefsinnig, aber willkürlich ist. Die Begründung des Hess'schen Nationalismus mag fallen oder bleiben, die Raisonements, mit denen er seine Ausführungen begleitet, mögen uns gefallen oder nicht, der Kern der Frage bleibt unberührt. Hess hat es als der erste in einer klaren und präzisen Form ausgesprochen, in der Form eines soziologischen Gesetzes formuliert, dass die jüdische Nation existiert, dass sie ein Recht auf Selbstbestimmung hat, dass sie zu diesem Behufe ein eigenes Land braucht, dass dieses Land Palästina sein muss, dass die Juden durch eigene Kräfte mit Unterstützung Frankreichs dieses Ziel erreichen können, und dies sind ja die Prinzipien des ganzen modernen Zionismus. Dass sie nicht beachtet wurden, ist die Schuld der Umstände, ist die Schuld Hess', dass er zufrüh kam. Es ist eine indirekte Widerlegung seiner soziologischen Ansichten. Hess „hasste und verabscheute die Revolution*, wie er in einer seiner Schriften sagte, aber er vergass, dass ohne die Revolution, ohne die politische Freiheit, auch die historische Mission, das soziale Volkommenheitsideal absolut unerreichbar und undurchführbar sind. Auch die nationalen geknechteten, entrechteten Juden können keine wahren Nationaljuden sein. Denn national sein, heisst bewusst und nicht bloss „der Not gehorchend" sein Volkstum lieben. Nur ein politisch freies Volk kaun an Kulturwerte denken. Hess, der Nationaljude, hat Hess, den Sozialpolitiker widerlegt. Und Hess der Nationaljude widerlegt auch die Nationaljuden von heute, die von der Befreiung der grossen Masse in R.ussland schlimme Folgen für die Nationalbewegung befürchten, widerlegt die Erwartung derjenigen, die von der Aenderung des politischen Regimes in Russland die Entnationaliesierung der Juden erhoffen. In diesen beiden Fällen kann uns Hess als Ratgeber dienen. Nicht sls praktischer und auch nicht in der Theorie ganz und gar. Nur in einem gewissen Sinne, in einer gewissen Richtung. In der Gefühlsrichtung. Auch das können wir an Hess lernen, dass nicht der Ueberbau, die theoretische Strucktur jeder Bewegung und auch der unseren das wichtigste ist Grundverschieden in philosophischer Hinsicht von Hess, ihm diametral entgegengesetzt, können auch wir d. h. diejenigen, die nicht so die Geschichte deuten wie er, in der Frage der jüdischen Zukunft und Gegenwart zusammengehen. Ein Wink für die Gegenwart, eine Lehre für die Zukunft. Und sucht man in den Büchern, wo die Namen der Grossen und Mächtigen eingetragen sind, seinen Namen findet man nicht. Dem Besiegten wird kein Pardon gegeben. Er hat aber lange die Sache der Besiegten vertreten. Wenn wir Sieger werden — dann wird auch Hess Namen mit unverwischbaren Zeichen in unser Buch der Grossen eingetragen — weil er den Mut hatte das zu sein, was er war. A. C o r a 1 n i k. Zeit- und Streitfragen im Zionismus. IV. Wir gelangen jetzt zum wichtigsten Streitpunkt im Zionismus. Charter- oder Ghowewe-Zionismus? Rechtlich gesicherte Garantien, oder einfach Palästinatätigkeit? Es wäre von grossem Interesse, die von vielen Zionisten in bezug auf diese Frage durchgemachte Evolution näher zu verfolgen, aber hier ist nicht der Platz dafür. Eins wollen wir konstatieren : viele, sehr viele von denen, die früher sich nicht einmal mit rechtlichgesicherten begnügten, sondern unbedingt völkerrechtlich gesicherte Garantien verlangten, erheben jetzt die „Palästinatätigkeit auf eine politische Höhe". Dagegen finden wir andrerseits, dass Leute, die mit der praktischen Kleinkolonisation begonnen haben, jetzt energisch den Standpunkt des politischen Zionismus betonen, „von der Erkenntnis ausgehend, dass für eine wirtschaftliche Entwicklung Palästinas gleichzeitig zu erwerbende p o Ii t is ch eGarantien unbedingt notwendig, übrigens auch durchaus möglich seien." (Von uns unterstrichen.) So sprach ein genauer Kenner der Frage, Herr Professor Warburg in einer Berliner Versammlung am 6. Februar d. J. Andrerseits aber können wir absolut nicht billigen, wenn man die jetzige „Arbeitswut für Palästina" als „hysterisch" bezeichnet. Darin liegt ein gesunder Kern, darin liegt die Erkenntnis des grossen Weges, den man vom Beginne der Tätigkeit bis zur integralen Verwirklichung eines sozialpolitischen Programmes zurücklegen muss. Das Ziel ist nichts, die