Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „bi* # weit11 Nr. 14 zösisehen Revolution. Es war das Ideal der alten Revolutionäre : Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Gleichheit nach allen Richtungen, auch und vorwiegend in der wirtschaftlichen — daraus der Kommunismus. Das politische System war ihm Nebensache. n . . . Nicht diese noch jene Klasse ist die Ursache des Bestandes und Fortbestandes unserer vielfachen Uebelstände. Ebenso gewiss ist es, dass nicht diese oder jene Regierungsform die Grundursache der Uebelstände unserer Gesellschaft ist," meinte Hess in der Einleitung zu seiner Zeitschrift „Gesellschaftsspiegel" (1846). Ein Sozialismus aber, der weder die theoretischen Grundlagen der Sozialdemokratie, wenigstens in der Form, wie sie von Marx ausgebillet und zur Weltmacht gemacht wurde, nämlich den Klassenkampf, noch die praktischen Forderungen derselben, nämlich den Kampf um die politische Macht, anerkannte, konnte natürlich keinen Boden fassen, musste elenden Schiffbruch leiden. Sowohl die Liberalen als auch die Sozialisten kehrten Hess den Rücken. Arnold Rüge grollte dem „Kommunisten-Rabbi Moses" wegen dessen Kommunismus, Marx und seine Anhänger wegen dessen Systems des „wahren" Sozialismus. Und Hess musste, wie er selbst erzählt, freiwillig in die Verbannung gehen, vor seinen Freunden fliehen, bis diese Verbannung durch die Reaktion von 1848 eine unfreiwillige wurde. Und er flüchtete s:ch nach Frankreich, wo seine Theorie eine noch einseitigere,nochabstraktereForm annahm. Von einem anderen der damaligen „utopistischen" Sozialisten, speziell von den Franzosen, hätte man einfach ihre Theorie aus einer gewissen Konfusion im Denken und aus Deklamationssucht erklären können, was ja hier bei Hess nicht der Fall ist. Sogar seine Gegner, wie es der offizielle Geschichtsschreiber der deutschen Sozialdemokratie ist, anerkennen seine Verstandesschärfe und Denkfähigkeit. Woran lag es nun, dass Hess sich abseits von der Bewegung stellte, sich immer mehr in den Mystizismus vertiefte? Ich glaube, keine gewagte psychologische Hypothese aufzustellen, wenn ich es eben darauf zurückführe, was er selbst später als die Grundlage der Geschichte annahm — auf den Rassencharakter, und zwar den j üd i s c h e n. Und da ist das Streben nach dem absoluten, nach dem unbegrenzten, uneingeschränkten Ideal, dem Ideal, das alles in seiner Vollkommenheitumspannt und einschliesst, nach der metaphysisch-kosmischen Seite— das Ewige— Unbegrenzte, das All und Eine,nach der irdisch-menschlichen Seite die absolute Gerechtigkeit, die uneingeschränkte Gleichheit. Dieser Zug im Judentum ist ein auffallender. Ein italienischer Soziologe und Judenfreund, der geistreiche Guglielmo Ferrero, hebt in seinem Buche über das „Junge Europa" dieses Charakteristikum des jüdischen Stammes hervor, deutet dadurch die Tätigkeit aller jüdischen Grossen und Mächtigen im Reiche des Geistes — Lassalle und Marx, Brandes und Lombroso. Und wenn bei jemand, trifft die Definition bei Hess am besten zu. Nicht dass es bei anderen Völkern keine Träumer, keine fanatischen Wahrheitssucher gäbe. Aber was ihnen fehlt, das ist die Einheit der Auffassung, die strenge Logik der Durchführung, Und wo sie diese Lehre akzeptieren — folgen sie Spinoza. Hess war ein Spinozist pur sang. Ein Spinozist, der nicht nur die Ethik des Meisters, sondern auch dessen „Tractatus politico-theologicus" akzeptierte. Und je weiter sich Hess entwickelte, desto stärker wurde sein Spinozismus, desto ausgeprägter sein Judentum. Er trat im Jahre 1836 zum ersten Mal mit einer Schrift über die „heilige Geschichte der Menschheit", von „einem Jünger Spinozas" auf und endete mit seinem historisch-philosophischen Spionizismus in „Rom und Jerusalemu und in den Aufsätzen über Geschichte und Geschichtsphilosophie. Die Periode der sozialistischen Propaganda, die dazwischen lag, die Zeit, in der er sich als Deutscher fühlte und für Deutschlands Zukunft arbeitete, war eine Episode und vielleicht eine verfehlte. „Da steh ich wieder nach einer zwanzigjährigen Entfremdung in der Mitte meines Volkes und nehme Anteil an seinen Freuden- und Trauerfesten, an seinen Erinnerungen und Hoffnungen, an seinen geistigen Kämpfen im eigenen Hause und mit den Kulturvölkern, in deren Mitte es lebt, mit welchen es aber, trotz eines zweitausendjährigen Zusammenlebens und Strebens nicht organisch verwachsen kann." Das sind die Einführungsworle seiner Briefe an die Freundin, die „Rom und Jerusalem" ausmachen. Entfremdet? Nein. Ein Mensch, der zwanzig Jahre seinem Volke entfremdet war, könnte nicht so zurückkehren, s o urjüdisch fühlen, so grundjüdisch denken können. Er ist immer Moses geblieben, immer ein guter, treuer Jude, auch wenn er Hess war, auch wenn er dem deutschen Volke sein Hirn und seine Kräfte zur Verfügung stellte. Er blieb immer Moses, der Enkel des alten, frommen Bonner Juden, des Nachkommen des grossen jüdischen Schriftgelehrten Mohrich, des bewussten Nationaljuden, der von „keinen Zukunftsplänen wissen wollte, da wir im Golus sind". Von ihm und an ihm hat der jungeMoses gelernt, dass „der jüdische Nationalismus kein germanischer Nebel ist, der sich in Sein und Schein, in Realismus und Idealismus scheiden lässt," dass „es ein naturwahres Gefühl ist, das in seiner Ursprünglichkeit und Einfachheit weder demonstriert zu werden braucht, noch wegdemonstriert werden kann" (R. u. J. 14) So einfach war denn doch die Sache nicht, so klar war ihm-die Frage nach dem jüdischen Nationalismus doch nicht immer. Es hat ja auch eine Zeit gegeben, in der er sich für das Deutschtum begeisterte wie Arndt, Jahn, die „Teutomanen" in altdeutschen Trachten. Und als Nikolas Becker sein stolzes und nationaldeutsches Lied „Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein" dichtete, da sandte ihm der begeisterte Hess eine Vertonung des Liedes ein. Aber der deutsche Biedermeier und Freiheitssänger erinnerte den enthusiastischen rheinländischen Juden, dass er doch nur „Moses" sei. Und Moses Hess knirschte vor Wut. In vielen seiner Worte klingt es wie Trotz und Erbitterung, wie bitterer Sarkasmus einer verschmähten Liebe. „Ich selbst habe es nicht nur bei Gegnern, sondern bei meinen eigenen Gesinnungsgenossen erfahren, dass sie in jedem persönlichen Streite von dieser Hep-Waffe Gebrauch machten, die in Deutschland selten ihre Wirkung verfehlt. Ich habe mir vorgenommen, ihnen die bequeme Waffe noch bequemer zu machen, indem ich fortan meinen alttestamentarischen Namen Moses adoptieren werde, und bedaure nur, dass ich nicht Itzig heisse!" In diesen letzten Worten liegt nicht Trotz, sondern Hohn gegen eine Gesellschaft, die er einst so liebte . . . Den Anstoss gab also der Antisemitismus, zuerst das Blutmärchen von Damaskus, dann das allgemeine Aufwachen des Judenhasses allüberall, besonders in Deutschland. Dann aber sieht Hess die Unzulänglichkeit dieser Begründung seines jüdischen Nationalismus ein. Er sieht ein, dass dieser soziale Pessimismus nicht haltbar, jedenfalls nicht Grundlage einer nationalen Bewegung sein könne. Und trotzdem er früher meinte, der jüdische Nationalismus brauche nicht demonstriert zu werden, sucht er nach einer tiefen philosophischen Begründung und findet sie in seiner Rassentheorie. „Nicht die