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Die Welt · 1905-03-31 · 13 (31.3.1905) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 13 „bie # w^it" Seite 7 Die Juden im deutschen Heere. Im deutschen Reichstage wurde dieser Tage wieder einmal ein Kapitelchen der Judenfrage in die Debatte gezogen. Der Abgeordnete Eickhoff von der freisinnigen Volkspartei machte, wie schon im Vorjahre, darauf aufmerksam, dass den Juden gegenüber im Heere keineswegs das Prinzip der Gleichberechtigung gewährt werde. Die Juden nehmen im Heere eine inferiore Stellung ein, und besondere Aufmerksamkeit werde darauf verwendet, den Juden die Offizierslaufbahn zu versperren. Diese Zurücksetzung der Juden innerhalb des Heeres bedeute ersichtlich eine Verfassungsverletzung. Der Abgeordnete Ledebrun pflichtet den Feststellungen des Abgeordneten Eickhoff bei und bestätigt, dass in der Armee ein Vorurteil gegen die Juden herrsche, welches vor allem darin zum Ausdrucke kommt, dass Juden nicht zu Offizieren befördert werden. Die Antwort, die Kriegsminister von Einem auf diese Anschuldigung fand, fiel recht lau aus. Der Kriegsminister erklärte, „dass die jüdische Religion unter keinen Umständen einen Grund abgeben kann, jemanden nicht zu befördern." Nämlich dass die Verfassung keinerlei Verfügung enthalte, wonach die Juden in der Armee eine Rolle minderen Ranges spielen sollen. Eine Konstatierung, die wohl nicht als kräftige Widerlegung angesehen werden kann, denn es hatte niemand die Behauptung aufgestellt, dass der Wortlaut des Gesetzes einen judenfeindlichen Tenor aufweise. Die Reinwaschung der Staatsgrundgesetze war also einigermassen deplaziert und sie konnte umso leichter glücken, als niemand bezweifelt hatte, dass den Juden die Gleichberechtigung verfassungsmässig garantiert ist. Die übrigen Teile der Rede des Kriegsministers hingegen sahen eher wie eine Bestätigung der vom Abgeordneten Eickhoff erhobenen Anklagenaus, als wie eine Widerlegung. Stattdagegen Einspruch zu erheben, dass die Juden in der Armee durchaus nicht gerne gesehen sind, gab der Kriegsminister mit grosser Offenheit die Gründe an, weshalb die Juden mit scheelen Blicken betrachtet werden. Er sagte: „Aber tatsächlich besteht bis in die weitesten Volkskreise hinein ein Gegensatz zum Judenthum. Der christliche Kamerad dient nicht gerne mit einem Juden zusammen. Aber dieser muss ertragen werden, nicht von mir, sondern von denen, die ihn nicht wollen, er muss ertragen werden auch von dem Abgeordneten Böckler.* Wenn man wollte, könnte man den letzten Satz der Wortfolge gemäss zweideutig auffassen und glauben, das Wort „dieser" im Satze „Aber dieser muss ertragen werden etc.% beziehe sich auf den knapp vorhergehenden „Juden"; wonach sich dann der Sinn ergäbe, dass mit nachsichtsvoller Milde dazu gemahnt wird, den Juden zu „ertragen." (etwa so, wie man seufzend eine gar nicht angenehme Bürde „ertragen" muss.) Ein weiterer Abschnitt der Rede des Kriegministers war — eine Anklage wider die „Blätter*4, die unter jüdischer Leitung stehen, und mit jüdischem Gelde subventioniert werden.* Als sich der Kriegsminister von seinem Sitze erhob, da hatten vielleicht manche gemeint, er wolle eine Lanze für die Juden brechen; aber sieh' da, die Lanze bohrte sich gelegentlich gegen die Juden. -- Der Kriegsminister argumentierte: die jüdischen Blätter sagen immer, das Offizierskorps stehe nicht mehr auf der Höhe; wie darf also der Anspruch erhoben werden, dass die Jaden Gleichberechtigung im Heere geniessen sollen?--- Der Kausalnexus zwischen diesen beiden Sätzen ist nicht ganz klar. Man könnte dem Kriegsminister mit der populären Gegenfrage antworten: „Wie kommt Das zu Dem?" Weil einzelne „Judenblätter" einen antimilitaristischen Zug haben, sollte die inferiore Stellung aller Juden im Heere berechtigt sein? Schwer zu begreifen! Der Kriegsminister konnte schliesslich nicht umhin, zuzugeben: „Gegen die jüdischen Soldaten ist nichts zu sagen, sie tun überall ihre Schuldigkeit im Frieden und würden sie auch im Kriege tun.tt — Besten Dank! N. N. * * * Wieder einmal eine Judendebatte im Reichstag. Eine Judendebatte, deren Verlauf und Charakter nicht von dem bekannten aller anderen Judendebatten abwich. Freilich, im Wiener Parlamente, weiches für seine parlamentarischen Umgangsformen überhaupt tonangebend ist, sind auch speziell die Hauptarrangeure von Judendebatten überaus distinguierte, zarte Gesellen, die auch die Diskussion auf das entsprechende Niveau bringen. Dieses Ideal einer Judendebatte hat die Verhandlung im deutschen Reichstage noch nicht erreicht. Es entspinnt sich eine kleine Polemik; man streitet über die Militärbefähigung der Juden, wobei allerlei Unsinn und Unwahrheit für die Antisemiten eine durchaus nicht verschmähenswerte Waffe ist. Dagegen wird der Antisemitismus durch Zitate von autoritativster Seite totgeschlagen. Nun bleibt aber der Abschluss doch nicht ohne Belehrung. Der Minister erklärt in seiner Aufrichtigkeit tund Offenherzigkeit unumwunden, dass die preussischen Gesetze und er, ihr Hüter, ganz machtlos seien gegenüber der Tradition und dem faktischen Willen des preussischen Volkes, wenn er sich auch in ganz unberechtigten Vorurteilen äusserte. Dieses offene Geständnis hat zumindest den Wert, dass es bei manchen vielleicht eine richtige Erkenntnis der Dinge verursachen wird. Beobachtet man die Entwicklung der deutschen Juden in den letzten Jahren, so wird man sicherlich einen Fortschritt in ihrer Selbstbestimmung konstatieren können. Der ursprüngliche Standpunkt, den die offizielle deutsche Judenschaft annahm, war der der reinsten Abwehr. Die Juden mussten danach stets zur Defensive gerüstet sein, jederzeit genügende Argumente haben, um ihre Existenz rechtfertigen zu können. Die ganze Weltanschauung dieser Juden geht von dieser Auffassung aus: es gibt gute, edle Menschen, die den Juden nichts vorzuwerfen haben, alleredelste, die sie sogar zu verteidigen den Mut haben, und schlechte, die sie angreifen. Der Grundton dieser Auffassung ist noch jetzt vorherrschend und drei Viertel der jüdischen Presse sind ausschliesslich von ihm geleitet. Wenn Gott es z. B. fügen wollte, dass für vier Wochen alle Antisemiten der Welt verstummen möchten, so müsste in dieser Zeit die Mehrheit der jüdischen Zeitungen eines elenden Hungertodes sterben. In den letzten Jahren aber brach sich eine neue, stolzere und selbstbewusstere Auffassung durch: nicht mehr nur aus dem Wege gehen und sich wehren, sondern kühner auftreten und seine Rechte fordern, ein Gedanke, dem zunächst der „Verband der deutschen Juden" seine Entstehung zu verdanken hat. Wir müssen dies zweifellos als einen anerkennenswerten Fortschritt auf der Entwicklungslinie zum Zionismus betrachten, obwohl man zu glauben geneigt wäre, dass ein Kampf um Rechte ausserhalb Palästinas unseren Tendenzen zuwiderläuft. Es ist aber gerade die sich aufraffende Menschenwürde die erste Bedingung für den Zionismus und die Forderung voller Menschenrechte führt in seiner Konsequenz zur jüdischen Heimat. Diejenigen, welche zu dieser Konsequenz nicht gelangen, sondern in der Mitte des Weges stehen bleiben, werden jedenfalls in der Anhört des deutschen Kriegsministers einen Ruck zur Vorwärtsbewegung erhalten haben. Hat er ihnen nicht auch eine Wand gezeigt, die sie nicht mehr zu durchbrechen imstande sind? Was nützen Interpellationen im Reichstage, was nützt die Zustimmung von

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