Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316146--46725-3341585- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 „bie * weit Nr. 13 Abgeordneten und sogar von Ministern, wenn es eine Macht gibt, zu der man keinen Zutritt hat? Wenn auch der Minister aus Pflichtgefühl die Vorurteile seines Standes vergessen wollte und könnte, das Offizierskorps tut es doch nie. Da helfen keine Beweise über die militärische Tüchtigkeit der Juden, die „Kollegen* rührt nicht verletzte Gerechtigkeit — und immer wieder lehnen „sogar die Bürgerlichen eiustimmig die Wahl eines Juden ab". Dass für die deutschen Juden, wenn sie nur nicht, durch einen kleinlauten Abwehrstandpunkt viel zu sehr eingeschüchtert, fr«udig dafür danken, was man ihnen gnädig gewährt, diese erfahrene Zurücksetzung recht empfindlich werden kann, ist sehr erklärlich. Gerade je besser ihre wirtschaftliche Situation ist, desto grösser das Verlangen nach sozialer Geltung und desto empfindlicher ihre Verdrängung. Manche werden die Offizierscharge, wie es fortwährend geschieht, dem Judentum vorziehen, aber in vielen wird der Stolz sich regen. Dann aber werden sie den Abwehrstandpunkt ganz verwerfen und andere Wege zur Selbstbefreiung finden. Auch dies ist ein Weg, der zu uns führt, wenn auch nur einer der Seitenwege*). j. Alliance Isra&ite Universelle. (Berliner Komitee.) Am 6. März fand im Lokal des Brüder Vereines die Generalversammlung des Berliner Lokal-Komitees st^tt Nachdem Rabbiner Dr. Weisse in einer Ansprache die Bedeutung' der Alliance für das Judentum hervorgehoben hatte, erstattete der Schriftführer Justizrat Dr. H. M. Cohn den Bericht über die Tätigkeit der Alliance, insbesondere in den letzten beiden Jahren. Die Alliance hat zur Zeit in 125 Elementairschulen 34 000 Schulkinder. Neu errichtet wurden im Jahre 1903:.eine Knaben- und Mädchenschule in Bassorah (Golf von Persien), die Mädchenschule in M o n a s ti r und 2 Schulen in C h i r a z; 1904: eine Knaben- und Mädchenschule in Janina, eine Mädchenschule in Aid in, ein Kindergarten in Jerusalem. Mit Beginn des neuen Schuljahres werden eine Knaben- und eine Mädchenschule in Sfax (Tunis) und Rodosto eröffnet, sowie eine Schule in Ker manch ah (Persien). Sobald die Verhältnisse in Marokko sich gebessert haben, sollen Schulen in M e q u i n e z, A 1! c a z a r und M a z a g a n begründet werden. In Taut ah (Aegypten) erfolgt die Eröffnung der Schule, sobald das von der Gemeinde errichtete Schulgebäude vollendet ist. Vorbereitungen werden ferner getroffen, um in Y e m e n Elementar- und Haiidwerkerschuleii zu errichten. Die Alliance hat im letzten Jahre für die Schulen 900 000 Francs ausgegeben, wozu noch 600 000 Francs Beiträge der Gemeinden und Schulgelder kommen. Die Gemeinden bauen und unterhalten ferner die Schulgebäudie, sofern diese nicht aus besonderer Schenkung errichtet werden. Ais Beispiele der letzteren Art erwähnte der Vortragende die vom früheren Präsidenten Herrn Goldschmidt erbaute deutsehe Schule in Kon stantimope 1, und die jetzt fertiggestellte neuerbaute Schule in Jerusalem, ein Geschenk der Baronin Hirsch. Die letzte derartige Schenkung ist ein Geschenk des Herrn Kadoorie in Hongkong, welcher zur Erbauung einer Bagdader Schule für etwa 900 Schulkinder das Geld gestiftet hat. Für das von der Alliance unterhaltene.' Rabbinersemimar in Konstantia o pel hat die dortige jüdische Gemeinde jetzt ein Haus geschenkt. Die Alliance hat im vergangenen Jahr ein Gut von 1800 ha in Algier angekauft, auf weichem *) Ob uns aber von andrer Seite nicht der Untergang drohte infolge der Ausnahmsgesetze, die der strenge Professor G e i g e r gegen die Zionisten allein, die Juden überhaupt oder gegen die sich selbständig nicht helfen könnenden Juden vorzuschlagen beabsichtigt, lässt sich jeizt noch nicht voraussehen. frühere Schüler der Ackerbauschule von Djedeida als Kolonisten angesiedelt werden. Besonders segensreich hat sich das erst wenige Jahre bestehende Schulwerk in P e r s i e n erwiese'.!, wo mit der Errichtung der SchuDen die zu frühen Heiraten und die nicht seltenen iEälle von Polygamie verschwinden und die Ehescheidungen an Zahl irapid abnehmen. Insgesamt beträgt das reguläre J a h r e s b u d g e t der Alliance, d. h. die Beträge, die sie einschliesslich der Zuschüsse der Gemeinden etc. verausgabt, w e i t über 2 M i 1 I i o n e n F r a n k s. In das Jahr 1904 fällt die Eröffnung der neuen Bibliothek d e <r Alliance in A u t e u i 1, wohl der grössten jüdischen Bibliothek, die zuletzt durch den Ankauf der grossen Bibliothek von Bernard Lazare vergrössert wurde. Die Tischlerarbeiten zu dieser Bibliothek sind ausschliesslich von den Seminaristen des Lehrerseminars der AWliance gefertigt, die Tischlerei war ein Geschenk des verstorbenen Konsul Simo n, der ein eifriges Mitglied des Zentralkomitees der Aliliance gewesen ist. Als einzelne grössere Aktionen der beiden letzten Jahre erwähnte der Vortragende die Tätigkeit in Rumänien (Unterhaltung von Schulkantirien und Darlehenskassen), und die Sammlungen für Kischinew, aus deren Ergebnis noch im letzten Jahre 115 000 Franks zur Beihilfe an jüdische Gemeinden in Russland, 100 000 Franks zur Beförderung von russischen Auswanderern aus Galizien gezahlt wurden. Zu dem gleichen Zwecke wurden auch kleinere Beihilfen an einige jüdische Gemeinden in Deutschland, wie z. B. Gollub (Westpr.) geleistet, auch das Berliner Lokalkomitee hat in einer Anzahl von Fällen russische Auswanderer befördert. Die Unruhen in Stat (Marokko) erforderten einein Aufwand von 15 000 Franks, ferner wurden 8000 Frank nach Fez, Rabat und Casablanca gezahlt. 7000 Franks erhielten die Abgebrannten von Kuty und Z 1 o c z o w. Der Vertragende sprach sodann über die allgemeinen. Prinzipien der Alliance. Er zeigte an dem Lehrplan der Schule in Tetuan (der ältesten, gegründet 1862) und der Schule im J e r u s a 1 e m, welch grossen Raum das Hebräische im Unterricht einnimmt; durchschnittlich in jeder Klasse wöchentlich mehr als 10 Stunden (in der untersten Klasse in Jerusalem mit Hebräischschreiiben zusammen 20 Stunden wöchentlich). Abgesehen von Hebräisch wiird in den Alliance-Schulen Arabisch, Türkisch, Spanisch, Italienisch, Deutsch und Englisch unterrichtet; das Deutsche in Jerusa- 1 e m, den vier grössten Schulen von Konstantinopel und Rustschuk. Eine Subvention von jährlch 2000 Mark erhält das deutsche Waisenhaus in Jerusalem. Zum Schlüsse betonte Redner den Wert, den gerade das universelle Prinzip der Alliance habe; Baron Hirsch habe nach dem Muster der Alliance die I. C. A. international errichtet. Auf allen Gebieten, welche üher die lokale Wohltätigkeit hinausgehen, sei die Alliance bahnbrechend gewesen; in der Errichtung von Schulen, von Handwerkerschulen, in Errichtung der jüdischen Ackerbauschule hei Jaffa, der ersten jüdischen Ackerbaukolonie und der ersten jüdischen Kolonie in Palästina. Endlich nicht zum wenigstem in der Auswandererfrage. Die Hunderte, welche die Alliance nach der Hungersnot von 1869 aus Russland nach Amerika befördert, haben, da sie wirtschaftlich gut fortkamen, das Beispiel zur Massenauswanderung nach Amerika gegeben. Obgleich die Jahresbeiträge bei dem grossen Budget der Alliance eine verhältnismässig geringe Rolle spielen, könne sie natürlich immerhin mehr leisten, je mehr Einkünfte sie habe, und die Propaganda für sie in Deutschland sei, abgesehen von ihrer ruhmvollen Vergangenheit und ihren bedeutenden Leistungen in der Gegenwart, auch deshalb erforderlich, um den universellen Charakter der AKliance aufrechtzuerhalten. An den Vortrag schloss sich eine Diskussion, an welcher namentlich die Herren Dr. Bernfeld,, Nathan und Rechtsanwalt Mendel teilnahmen. Die ausgelosten Mitglieder des Komitees, nämlich die Herren H. P. Goldschmidt, R.-A. Dr. Hantke, Dr. med. Lehfeldt und Louis Rosenbaum, wurden wiedergewählt.