Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1905-03-31 · 13 (31.3.1905) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316128-3316146--46723-3341583
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 „bi* # W$ltÄi Nr. 13 folgung als Grund zur allmählichen Befreiung von derselben dienen könnte. Das, was wir wollen, bietet nicht eine Summe von Erleichterungen und kann nicht in Portionen geteilt werden. Nicht um die Erleichterung unseres Daseins handelt es sich hier; eine Erleichterung kann grösser oder kleiner sein. Es handelt sich um Gleichberechtigung und diese ist unteilbar. Wir erwarten unsere Gleichstellung in allen Rechten mit dem russischen Volke; zugleich und zusammea mit dem Völkern Russlands werden wir dann unsere Geschicke begründen, unsere Kräfte zum Wohl des Staates und der Menschheit entwickeln. Und nicht als Sache der Gnade oder der Grossmut erwarten wir dies, ja nicht einmal als die der politischen Berechnung, sondern als Sache der Ehre und der Gerechtigkeit." Diese Denkschrift der russischen Juden, welche sich durch ihre massvolle, aber keinesfalls kleinmütige Sprache vorteilhaft auszeichnet, hat aber im Lager der russischen Antisemiten schon Bestürzung hervorgerufen. Die „Nowoje Wremja" beeilt sich in ihrer gleissnerischen Gewohnheit und dem Drucke der Verhältnisse Rechnung tragend, zu der schon längst wiederlegten Beschuldigung der Juden, dass sie sich angeblich der Militärpflicht entziehen, ihre Zuflucht zu nehmen und zu erklären, dass „die Forderung nach Gleichberechtigung die Erfüllung aller Pflichten voraussetzt." Dieses judenfeindliche Blatt ignoriert die Tatsache, dass in der Mandschurei 50.000 jüdische Soldaten ihr Blut für Russland vergiessen, dass fast alle Aerzte auf dem ostasiatischen Kriegsschauplatze Juden sind. Als Zeichen der gegenwärtigen Verwirrung und Verirrung in Russland mag aber die Tatsache dienen, dass sogar der in Petersburg in deutscher Sprache erscheinende „St. Petersburger Herold" der „Nowoje Wremja" zu Hilfe kommt und erklärt: „So weit sind wir noch nicht, dass einzelnen Nationen Prärogative von der russischen Stammbevölkerung gewährt werden können."« So weit also ist die Unverschämtheit des „St. Petersburger Herold" gediehen, dass er es wagt, von Prärogativen für die Juden in Russland zu sprechen. Als Beweis für die den Juden gegenüber geübte Kampfesart ist diese Tatsache von symptomatischer Bedeutung. Gt. S. P. Rabbinowitz CYÖtSO (Zu seinem 60. Geburtstage.) Im Kaiendarium der hebräischen Literaturfreunde dürfte der Donnerstag der nächsten Woche, der 1. Nisan, ungeteilte Freude hervorrufen. Es ist dies der 60. Geburtstag des verdienstvollen Schriftstellers S. P. Rabbinowitz, des bekannten Uebersetzers von Graetz' „Geschichte der Juden" ins Hebräische und Verfasser vieler grösserer und kleinerer Schriften historischen Inhaltes. Wenn schon das erstgenannte Werk, die Uebersetzung des Monumentalwerkes unseres grössten nationalen Geschichtschreibers in unsere nationale Sprache und die Vermittlung historischer Kenntnisse für die hebräischen Juden des Ostens ein bleibendes, nicht hoch genug anzuschlagendes Verdienst bedeuten, so haben wir als Z i o n i s t e n an diesem Tage eine ganz besondere Pflicht, der Verdienste zu gedenken, die sich der Jubilar um unsere nationale Bewegung erworben hat, nicht allein durch Schrift und Wort, sondern auch durch unermüdliche Tätigkeit. Rabbinowitz ist nämlich vor allem ein zionistischer Schriftsteller, der aus der intensiven Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte Begeisterung für die Kontinuität dieser Geschichte geschöpft, aus der gründlichen Kenntnis des unendlichen Leides und Jammers eines fast 2000jährigen Goluslebens die unerschütterliche Ueberzeugung gewonnen hat, dass dieses Golusleben aufnören müsse. Seit K a 11 o w i t z war er in der Mitte der russischen „Chowewe Zion" einer ihrer eifrigsten Mitarbeiter und als Redakteur des 1887 gegründeten Jahrbuches „Knesseth Israel4' kannte er kein anderes Programm als das zionistische. Das Jahrbuch ist leider nur in drei Bänden erschienen, aber man könnte wohl schwerlich eine Geschichte des praktischen Zionismus oder dessen Literatur schreiben, ohne das wertvolle Materiale aufzusuchen, das in diesem Jahrbuche zusammengetragen ist. Rabbinowitz trat erst im Jahre 1875 im Alter von 30 Jahren in die Literatur ein. Nachdem er einen Artikel im „Hamagid" (1874) geschrieben hatte, engagierte ihn Slonimski für seine „Hazefirah", für die er historische Arbeiten lieferte. 1878 arbeitete er kurze Zeit für den „Hameliz", in welchem er die politischen Artikel schrieb. Bald nachher kehrte er zur „Hazefirah" zurück, deren ständiger Mitarbeiter er bis 1882 verblieb. Iq jenem Jahre entstand die zionistische Bewegung, der er nun seine ganze Tätigkeit widmete. Für die Ende der achtziger Jahre in Warschau begonnene allgemeine Enzyklopädie in hebräischer Sprache „Haeschkol" schrieb Rabbinowitz viele gediegene Artikel und um jene Zeit begann er auch Graetz' Geschichte zu übersetzen, Er plante ursprünglich die Uebersetzung der volkstümlichen Ausgabe in 3 Bänden, aber schon bei der fünften Lieferung (die Uebersetzung erschien in Lieferungen) gab er diesen Plan auf und entschloss sich, eine vollständige Uebersetzung der grossen elfbändigen Ausgabe zu liefern. Und er lieferte mehr als eine einfache Uebersetzung. Seine gründlichen Kenntnisse und die Vertrautheit mit dem Quellenmaterial setzten ihn in den Stand, manche wertvolle Ergänzung und lehrreiche Note anzufügen, besonders aber die Geschichte der Juden in den slawischen Ländern, die im deutschen Originale nicht die erforderliche Berücksichtigung gefunden hatte, gründlicher und ausführlicher zu behandeln. Die Uebersetzung hat ferner noch den Vorteil» dass vom 3. Bande angefangen sehr wertvolle Noten Dr. A. Harkawis angefügt sind. Für die Vortrefflichkeit von Rabbinowitz' Leistung bei dieser Uebersetzung zeugt jedenfalls die Anerkennung, die sie bei Graetz selbst gefunden, der ihm in den wärmsten Worten für dieselbe gedankt hat. Nebst seinen historischen Studien schrieb Rabbinowitz für die meisten Kalender des „Achiasaf Revuen über die Kolonisation in Palästina; 1894 veröffentlichte er eine Schrift zur Geschichte der Judenvertreibung aus Spanien und Portugal. Dieser Schrift folgten dann ausgezeichnete Monographien über Leopold Z u n z und Zacharia Frankel, die nebst dem Leben dieser hervorragenden Gelehrten glänzende Beiträge zur Kenntnis der inneren, geistigen Geschichte unseres Volkes im vorigen Jahrhundert bieten. Allen diesen Schriften Rabbinowitz' ist das streng nationale Gepräge eigen; sie zeichnen sich durch eine glühend« Wärme und Liebe zu den unvergänglichen Besitztümern unseres Volkes aus und somit ist der Segen, den sie bisher gespendet und noch in Zukunft spenden werden, ein grosser und ihr volkserzieherisches Moment ein erhabenes und befruchtendes, für das wir ihm zu Dank verpflichtet sind. Diesen Dank wollen wir ihm hiermit dadurch zum Ausdruck bringen, dass wir ihm zu seinem 60. Geburtstage unseren innigsten Glückwunsch entbieten, den Wunsch, der gewiss auch sein Herz erfüllt, er möge unserer Nationalliteratur und unserer nationalen Bewegung noch recht lange in voller geistiger Frische erhalten bleiben und ihnen mit ungebrochener Kraft dienen, wie er es bis heute getan hat. M. Berkowicz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.