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Die Welt · 1905-03-24 · 12 (24.3.1905) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 12 „bie * w$it" Seite 11 auf dem Kopfe schaut neugierig über den Tisch hin. Es sind die „Purimspieler" gekommen. Mit Masken angetan, spielen sie Ahasverus und Esther und Mordechai und Haman. Und die Kinder ergötzen sich — die Eltern schauen etwas nachdenklich, aber doch vergnügt drein. Purim ist's. Bald ist der Frühling da. Doppelter Grund, um froh zu sein. Eine angenehme historische Erinnerung und ein Genuss der kommenden Sonne. Jetzt ist es anders. Die Interessen der modernen Zeit haben mit den alten Erinnerungen und Tröstungen aufgeräumt. Und auch die alte Lustigkeit ist dahin. Der Ernst des Leben hat sie verschlungen. Da haben sie eine Juden gruppe in Whitechapel. Als sie noch in ihren östlichen Heimatländern wohnten, in den kleinen Städtchen Polens und Litthauens — da war ihr Leben so primitiv, so einfach und ungekünstelt, so immer sich selbst gleich bleibend, dass auch diese Purimwoche immer dieselben alten lustigen Empfindungen auslöste. Nun sind sie aus ihrem Heimatlande verbannt worden. Sind in einem neuen, ihnen trotz ihrer Anpassuogsfähigkeifc noch immer fremden Lande; sind mit sich selbst nicht im klaren, das Alte ist ihnen selbst schon fremd und komisch geworden, und einen Ersatz haben sie noch nicht gewonnen. So ist auch der jüdische Fasching in Rückbildung begriffen — die alte Lustigkeit, die „old merrinessa ist dahin ... Und wir wenden uns wieder zu den leidigen Fragen der Politik. Der jüdischen diesmal. Zu den Fragen, die innerhalb des Zionismus entstanden sind. Es ist ja bereits bekannt, dass die ostafrikanische Expedition ihre Rückreise nach Europa angetreten hat. Ein findiger, flinker Korrespondent des allwissenden „Reuterbureaus* hat bereits den Major Gibbons über die Resultate der Expedition ausgefragt. Was der Major ihm sagte, ist ja bereits bekannt geworden. Auch das, dass die „Wanandi" die Nachhut der Expedition angegriffen haben. Also auch diese sind keine Ugandisten, keine Jasager. Dass man die Expedition angreift, ist ja nicht neu. Hat man doch gar die Vorhut angegriffen, das heisst, bevor sie noch abgegangen ist. Uebrigens werden die „Wanandi" gewiss nicht die letzten sein, die die Expedition angegriffen haben werden. Ob auf diese oder jene Weise — de gustibus non est disputandum. Auch Z an g will ist von seiner Amerikareise zurückgekehrt. Natürlich ist er sofort interviewt worden, und zwar durch einen Vertreter der „Jewish Chroniclea.!Zangwill sagte ungefähr:„Ich wollte,dass dieamerikaninischen Juden die gegenwärtige Krise nicht vorübergehen lassen, ohne sie erkannt zu haben. Die Annahme oder die Ablehnung des Ostafrikaprojektes ist eine ernste Angelegenheit; aber es wäre eine^viel ernstere Situation entstanden, wenn man sie überhaupt nicht in Betracht ziehen würde." Er tadelte ferner das Verhalten der Oppositionspartei unter den englischen Zionisten, mit ßentwich und Doktor G a s t e r an der Spitze. Auf die Frage, wie er sich die Kolonisation in Ostafrika denke, sagte er: „Es sollte eine Ostafrika-Gesellschaft gegründet werden, deren Aktien man auf den Markt bringen müsste, und ich glaube, dass trotzdem Juden diese Aktien kaufen würden, ohne an den unmittelbaren Gewinn zu denken. Das Projekt müsste auf rein geschäftlichem Boden aufgebaut werden und dadurch eben würde es sich von den früheren jüdischen Kolonisationsplänen unterscheiden. Den ersten Pionieren müsste natürlich Unterstützung gewährt werden. Sir Samuel M ontagueund seinesgleichen sind Träumer. Sie verstehen nicht, dass man die Judenfrage auf geschäftlicher und nicht auf philanthropischer Basis lösen muss. Auch die „Ica" denkt nicht politisch über die Angelegenheiten. Die Leute, die nach Ostafrika gehen, würden für sich selbst zahlen? aber sie würden dieselbe Energie und gleichen Enthusiasmusaufbringen, wie beiihren Wanderungen nach Amerika und Südafrika. Kein Tummelort für Flüchtlinge, sondern eine Siedlung für unternehmende Männer soll es sein. Wenn man in Ostafrika Gold finden sollte, dann können sie sicher sein, dass die Juden sehr bald hingehen würden. Die Kolonie muss nicht unbedingt ausschliesslich auf Agrikultur beruhen. Ich bin nie dem idyllischen Traum von der allgemeinen Rückkehr zum Boden nachgegangen. Bloss die Grundlage des Lebens müsste die Agrikultur sein, aber das Volk braucht nicht in eine Bauernnation verwandelt zu werden . . .a Zangwill äusserte sich dann dahin, dass die ostafrikanische Bewegung eine Stütze der palästinensischen sei. „Wenn wir Ostafrika bekommen, da würden wir einen Ausgangspunkt zur Organisation unserer Kräfte für Palästina haben. Der Erfolg der Siedlung wäre eine HofTnung.sbotschaft für difjenigen, die Palästina wünschen, der es ihnen zeigen würde, dass wir in der Welt der Taten etwas vollbringen können. Das erste Gebäude in Ostafrika wäre die „Zionistische Halle". Wenn der Kongress aber das Projekt verwerfen sollte, nachdem die Kommission einen günstigen Bericht vorgelegt haben wird — und das Aktionskomitee hat bereits seine schwache und unkonstitutionelle Behandlung der Frage bewiesen — dann würde eine schwere Krise folgen, und ich möchte nicht sagen, was ich tun würde. Aber abgesehen von mir, fühle ich, dass es Kräfte gibt, die in der Bewegung eine Spaltung hervorbringen würden. Es gibt eine starke Partei, die im Werden ist, die die Vorzüge eines eigenen Besitztums an Boden, wenn es auch nicht Palästina sei, anerkennen . . . .u „Organisieren Sie sich!14 war das Schlusswort Zangwiils. Ohne Rücksicht auf die sonstige Gesinnung — ob für oder gegen Ostafrika — die Organisation vor allem! . . .u Von seinen Erfolgen in Amerika hat Zangwill nicht viel erzählt. Warum? Welche Gründe sind es, die die Propaganda in Amerika nicht so erspriesslich machten, wie es zu hoffen war? Wenn man einigen Publizisten glauben sollte, so liegt das Heil Israels nicht in „Old Europe", sondern in „New World", in Amerika, jdem Lande der „unbegrenzten Möglichkeiten". Warum geben sich di^se Erwartungen so wenig kund? Ueber die jetzige politische Situation des Zionismus sprach auch Dr. Bodenheimer aus Köln, der zusammen mit Dr. Kokesch aus Wien und Dr. A. Marmorek aus Paris in London war. „Die ostafrikanische Frage war bloss eine Episode in der zionistischen Bewegung," sagte unter anderm Dr, Bodenheimer in seiner Rede, die er in einer Versammlung in dem „Jewish Working-Men's Club" hielt, in welcher den Vorsitz Sir Francis Montefiore führte. Er suchte Mr. Co wen und Mr. Green berg vom Verdachte reinzuwaschen, dass sie etwa sich vom palästinensischen Ideal entfernt hätten. „Sie dachten nicht einmal daran, um ein Haarbreit von dem ein^n und einzigen Ziele der zionistischen Bewegung abzuschweifen." Die Rede des Dr. Bodenheimer war sehr hofft ungsvoll. Im Geiste Dr. Herzls, meinte er, im Geiste seiner politischen Anschauungen, seines letzten Wunsches, müssen wir weiter arbeiten. „Alle Hindernisse überwinden, aller Schwierigkeiten Herr werden, um die weissblaue Fahne auf den Mauern Jerusalems aufzupflanzen und die Gebeine Doktor Herzls im Lande der Väter zu beerdigen . . .* Ostafrika — eine Episode — Ostafrika — eine Stütze der B e w e g u n g. Und beide Meinungen von Männern ausgesprochen, die in der Bewegung einen hervorragenden Platz einnehmen. Wer von beiden hat recht? Von wem wird man sagen können : „ceci tuera cela?" Vielleicht werde ich nächstens in der Lage sein, darauf Bescheid zu geben. Spectator.

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