Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 „Die # weit11 Nr. 12 •die Einmütigkeit der Orthodoxie in dieser Frage vorzuspiegeln, so ist andrerseits eben damit ein vollständiges Debaele des Prestiges der Partei heraufbeschworen worden.. Qanz in der Arithmetik der De legier tietrwahl vertieft, hat man übersehen, wie sträflich es sei, die biederen Landkrämer, welche in ihren Mussestunden Roschhakol spielen und deren einzige Qualifikation ihr ßejahuiiigsverrnögen war, dem hauptstädtischen Publikum als die Auslese der intellektuellen Kräfte der1 vaterländischen Orthodoxie vorzustellen! Welche Perspektive wird da auf die Mandatare dieser Delegation eröffnet! In der Tat erregte die Erscheinung dieses Kongresses die peinlichste Ueberraschung. Kam da im Brennpunkte des ungarischen Chauvinismus, in einem Zeitpunkte, wo das ungarische Kommandowo^t das Schiboleth der regierenden Partei' bildet, eine Versarnnrhing ungarischer Bürger zusammen, um ifore Angelegenheit der Oeffentlichkeit in der verfemten deutschen Sprache vorzutragen. Der Gang der Verhandlung übertrumpft das gehässigste Phantasiiebild, das ein antisemitischer Satiriker von einem orthodoxen jüdischen Parlamente zu entwarfen vermochte, Das Niveau der wenigen kargen Reden erhebt sich selten über Null! Der vorgelegte Statutenentwurf kann bei der unglaublichen Disziplinlosigkeit nicht beraten werden. Die Tagesblätter schrien Zetermordiö und die liberalsten Organe wurdem von antisemitischen An wand Ilm gen beiallen. Was halfen die glühendsten Beteuerungen der innigsten Zusammengehörigkeit mit dem ungarischen Volke? Die Versammlung selbst bewies das (legenteil, zumal sie als Sprachrohr ihrer patriotischen Gesinnung jedesmal Männer benützen musste, die immer und immer wieder nnsstrauisch als Talmiorthodoxe bezeichnet wurden. Hatte schon der patriotische Assimilant nur Ausdrücke der Indignation für diesen seltsamstem aller Kongresse, so war für den starnmesstolzen Juden noch weniger Ursache zur Begeisterung gegeben. Tracht und Physiognomie der Teilnehmer gaben dem Kongresse den Stempel einer jüdischen. Nation allversamrnlung. Man wäre versucht gewesen, zu glauben, dass die Gestalten von Babels Strömen hierher gepilgert wären. Wie achtunggebietend wäre eine männliche, von dem Bewusstsein der Grösse unserer historischen Aufgabe getragene Rede im Munde dieser Patriarchen selbst für den mtransigentesten Chauvin gewesen -und welch mächtiges Echo wäre aus dem Parterre hervorgebrochen! . Und wie paradoxal-widerlich wirkt die ängstliche Sorgfalt, mit der man die Blosse mit dem rotweissgrünen, ach! viel zu kurzen Mäntelchen verbergen will!! Kein jüdisches Emblem ziert den sonst festlich d©karierten Saal, kein hebräischer Buchstabe darf sich auf den Öelegiertenkarten blicken lassen; wo hie und da edn hebräisches Zeichen auf Flugblättern sichtbar wird, so dient es gewiss nur als Domino für die deutsche Sprache, die sich in Budapest nicht gerne demaskiert zeigt. Wirklich hebräisch war nur die Eröffnungsrede des Vorsitzenden, aber es muss sofort entschuldigend hinzugefügt werden, dass damit nur ein politischer Ausweg aus einem Dilemma geschaffen war. Der Vorsitzende ist der ungarischen Sprache nicht mächtig und durfte doch nicht deutsch eröffnen. So ward aus der patriotischen Not eine zionistische Tugend gemacht und der ehrwürdige Greis verkündete in den Lauten Jasaias und Davids die heisse Liebe der Versammlung „el eirez mo'lad-tenu", was je nachdem, ob es im Tempel oder in der heiligen Versammlung ausgesprochen wird, eine ganz verschiedene Bedeutung inne hat. Der Gefahr, der Zweideutigkeit zu entgehen, gibt man die umjubelte ungarische Traduktion. Aber die heilige Versammlung der grossen Männer kann es nicht oft genug wiederholen, dass sie mit dem ungarischen Voikskörper eins sei, in dem „eins" klingt schon beinahe die Ekstase des ,,Echad 4! Doch nein, ein Teil des ungarischen Volkes ist von diesem intensiven Einigkeitsgefühl ausgeschlossen, und das sind — ihre jüdischen Brüder neologer Richtung. Denn während sie zärtlich versichern, dass sie von ihren christlichen Mitbürgern „nichts als die religiöse Anschauung unterscheidet44, so donnern sie den Magyaren neolog-jüdischer Couleur zu, dass „sie das ganze Leben voneinander trennt und dass die Khift für immerdar unüberbrückbar ist". (?!) Nein! Weder der Ungar noch der Jude hat hier Erbauung gefunden, befriedigt ging nur er von dannen, der beides und keines ist — der Uetber-Orthodoxe! Aus diesem dunklen Hintergründe tritt strahlend die schlicht-edle Erscheinung des antipodischen Misrachi-Koiigresses hervor. Hier starke Erfolge durch die sittliche Kraft der vorgetragenen Idee. Dort Autoritätenzwang, dem sich die Ueberzeugung opfern muss, hier trotz freier Aeusserung freiwillige Unterordnung im Dienste der Sache, dort trotz Personeukultus Widerstand, wenn Opfer verlangt werden, hier Verständnisvoiltes friedliches Zusammenwirken von Juden verschiedenster Länder, dort Unmöglichkeit des Ensembles von Leuten desselben Landes und: derselben Idee. Und wie merkwürdig! Während dort die Presse die demütigsten Anbiederungen mit Hinweis auf die spezifisch-jüdische Erscheinung unwirsch zurückweist, so wird der Misrachi, der sein. Judentum stolz zur Schau bringt, von der anwesenden Tagespresse begeistert als Mitarbeiter am Meiisehheitsideal gepriesen. Dem grossen Ideale, das hier der russische und der deutsche Rabbi mit herrlichen Worten entworfen haben, hat der Orthodoxentag nichts entgegenzusetzen gehabt als erneuerte Bann strahlen, die diesmal im neologen Lager einschlugen. Die Erscheinung der orthodoxen Landes Versammlung gibt jedoch eine scharfe Illustration zu dem Kampfe, den wir in den Augusttagen des vorigen Jahres auszutragen hatten. Unten die grosse Masse des jüngeren Rabbinergesehlechtes, das ein offenes Auge für die Bedürfnisse des Judentums hat und sich grollend, aber widerstandslos dem Gebote der Aeltesten fügt und von dem Ballast der Gesinnung so viel auswirft, als zum raschen Aufstieg notwendig ist. Oben der Rat der Aeltesten, welchem bedeutende Männer von Einsicht und Bildung augehören, die aber teils im Ringen nach Besserung dem wiilden Terrorismus ihrer Kollegen aus dem Nordost unterliegen, teils sich aber sogar zum Sprachrohr einer Richtung hergeben, die ihnern inneren Wesen fremd sein muss. So bietet das orthodoxe Judentum heute das seltsame Bild einer grossen Partei, die gegen ihr besseres Wollenunter dem hypnotischen Einflüsse weniger Fanatiker sich, in retograder Richtung bewegt. Aber im Hintergründe des Kongresses tauchte eine Absendung der künftigen Seelenhirten — die Zöglinge der altberühmten Pressburger Jeschiwa — auf, und1 fordert in der Terminologie des Zionismus entnommenen Akzenten die geistige Hebung ihres Standes; ein Ereignis,, dessen Kühnheit, aber nicht dessen Bedeutung erkannt wurde und das so unbemerkt blieb, wie der Dämmer streif am grossen Nachthimmel. Aber wir setzen alle Hoffnung auf diese zukunftsfrohen, in 'Freiheit erzogenen Nachkommen der Generation der Wüste! Ploni. Aus England. Purimwocbe. Jüdische Karnevalswoche. Hat vieles von der alten Lustigkeit verloren, die althergebrachte Gemütlichkeit eingebüsst. Noch vor 25—30 Jahren war es anders in den Judenhäusern. Die Tradition lebte noch. Sie ist rasch ihrem Ende entgegengegangen. Wer erinnert sich nicht an die Szenen in den alten Judengassen am Purimtage? Drollige Spiele, festliehe fröhliche Menschen« Die Spiele waren dieselben, altüberkommenen, seit Jahrhunderten bekannt. Die alte Geschichte von Haman und Mordechai, die ein Trost und eine Hoffnung war, kehrte immer wieder in den verschiedensten Verkleidungen und Gestaltungen. Ein altes Bild von Oppenheim: Ein jüdisches^ Heim am Purimabende. Der Hausherr sitzt in seinem behäbigen* LehnstuhL Neben ihm steht seine dicke, gutmütige Frau, ein pausbäckiger Junge mit einem Käppchen