Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 12 „51* weit'* Seite 9 toiialiston, den Zione-Zionisten an Zahl und Mitteln nachstellend, taa ihr möglichstes, um deren Wühlereien entgegen zuarbeiten. Im übrigen aber schhiiiimiern die Ja- Sager, noch befriedigt von ihrem ersten Siege, und versäumen es, Tfehtzeitig ihre Pflicht zu tun. Ist da nicht die dringende Gefahr vorhanden, da&s der Kongress schliesslich zur Exekutive des Odessaer Komitees herabsinkt? Wenn die allzu seh wache Aktivität der Ja-Sage-r zur Verteidigung und Durchführung des ITgan'daprojektes unverzeihlich war, solange der grosse Führer noch am Leben war, so "ot ihre Passivität zu dieser Zeit, da die Eiesenstimme für innner verstummt ist, eine schwere Sünde" gegen unser Volk. Können sie es denn leugnen, dass, wenn sie in ihrer bisherigen Tatenlosigkeit verharren, das ügandaprojekt begraben wird? Oder haben sie vielleicht Grtmjd, jetzt anderer Meinung zu sein wie auf dem letzten Kongresse? Ist seit dieser Zeit vielleicht 'die jüdische Lage eine bessere geworden? Leider sagen uns die Tatsachen, die -stets wachsende Zahl der Auswanderer, von denen ein nicht geringer Teil verschlossene Türen fändet, die Auswanderungsgesctzc von Amerika und England u. a. in. das Gegenteil! 1 Was sollen denn unsere unglücklichen, ziellos umherziehenden Juden tun? Wie lange kann unser Volk noch warten? Diejenigen, die sich nicht einreden lassen wollen, da^s die Gründung von einigen Kolonien in der despotischen Türkei die Antwort auf diese brennende Frage ist, die mögen sich jetzt zur Arbeit aufraffen! Uoberall vorsaniimle man sich und warne das Volkvor den Irrwegen der "Zione-Zionisten und lege ihm die Realität unserer BestrebLingenklar. Trotz des Beschlusses der Wiener Konferenz haben wir nicht die Möglichkeit, Schekelgeldcr für unsere Agitation zu brauchen, von uns wenden daher auch grössere materielle Opfer erforderlich werden. [Die Ja-Sager müssen sich organisieren in Vereinigungen und Gruppen, die sich zu einem Zentrum, verbinden, deren Hauptforderung die Durchführung des Ugandaprojektes auf dem VII. Kongresse sein muss. Dabei inuss aber auch dem Volke klargemacht werden, dass in dem Augenblicke, wo Uganda aus irgend welchen Gründen fallen gelassen werden muss, ein anideres Territorium an dessen Stelle treten wird. Viel ist zu tun und unsere Arbeit wird keine leichte sein, auch in Anbetracht der nicht iniimcr einwandfreien Waffen, die unsere Gegner führen. Allein wenn unsere Aufgabe auch eine schwierige ist, so haben wir doeh vor unseren Gegnern den Vorzug, dass wir keinen Mystizismus I»rediügen, sondern etwas zu Verwirklichendes anstreben. Durch energische aufopfernde Tat, nicht aber durch mystisches Sich sehnen nach Palästina, das wir nicht halxni und dessen .Erlangung nach der Lage der Dinge auf absehbare Zeit ausgeschlossen erscheint, wird unserem Volke geholfen werden. Nicht immer aber wird sieh der Moment bieten, Energie anwenden zu können! Wollen wir diese erste, wall read unserer traurigen AVairderungsgeschichte sich bietende Gelegenheit nicht ungenützt vorbeigehen lassen. Unsere Aufgabe ist schwer, aber sie ist durchführbar. Schwerer noch ist das Joch der Knechtschaft zu tragen dem, den es cirüekt, oder drückt es euch nicht? Z i o n i s t i s c h -1 e r r i t o r i a 1 ist i s1 c h c Vor - e i n i g u n g zu B e r n. Die Landesversammlung der orthodoxen Juden in Ungarn. Das grosse Synhedrion, welches jungsthin zur Neubefestigung.der orthodoxen.Veste nach Ungarns Metropole einberufen ward, hat Anspruch darauf, unsere Aufmerksamkeit in höherem Masse zu beschäftigen. Zweck, Mittel und Erscheinung dieser mehr als eine halbe Million Juden vertretenden Versammlung sind an sich eigenartig genug, um auch von uns als bemerkenswertes Ereignis der jüdischen Tagesgeschichte verzeichnet zu werdeil. Aber unser Interesse wird noch durch ein intimeres Moment gesteigert. Die Rufer im Streite, der da gegen die Nichtorthodoxen eröffnet worden ist, sind uns nicht mehr unbekannt. Es-ist nicht lange her, dass ihre Namen uns wie ein Schlachtruf in die Ohren dröhnten-. Es war in deji Vorwochen des Misrachitages, da ihr orthodoxes Gewissen ihnen anbefah'll, den ihre Gastfreundschaft anrufetiden Misrachim statt des erhofften ©nuderg'russes Verwünschungen entgegenzusenden. Es ist darum begreiflich, wenn wir, deren heiligstes Ideal von ihnen als Missetat und Verirrung dargestellt wurde, niun gespannt nach der Tribüne spähten, wo Anti-. zion, im wohltätigen Gegensätze zu unserer Irrlehre,^ s e i n e Ueberzeugung, s eii n e Richtung und seine Kraft offenbaren werde, und dass wir hin horchten,. was unsere Widersacher, welche wir bisher nur vom Berge Ewal reden hörten, nunmehr auf Garisim vernehmen' lassen werden. Aber in den Wipfeln der transleithanischen Orthodoxie weht ein Geist, der stets verneint. Auch diesmal haben die Gedolim die Fackel nicht zur Erleuchtung, sondern zur Brandstirftung geschwungen. Aus den kurzen, dürftigen1 Enunziationen, weikhe hie und da wie kleine Oasen aus dem Tohuwabohu des Kongresses herausragten, ist kein positives Ideal, kein zielsicheres Streben zu 'konstruieren gewesen. Als ob die Orthodoxie allein erhaben über die Sorge um ihren Besitzstand wäre, als ob ihre Grundsätze ebenso leicht im Räume wie im Gedanken wohnten, fühlen sich die Führer der Notwendigkeit überhoben, durch einen der anwesenden dreihundert Redner vom Berufe der zum Zeugen angerufenen Oeffentlichkeit ein Bild von dem Wesen und der Bedeutung einer Sonderstellung der ungarischen Orthodoxie zu geben, das Gebiet der vergangenen und künftigen Tätigkeit zu zeichnen und vom irgend welchem Gesichtspunkte zu rechtfertigen. Demi dem Tannaiten ist der Kommentar erlassen. Und darum brauchte auch der folgenschwere Hauptzweck des Kongresses — die Anstrebung der gesetzlichen Anerkennung einer besonderen orthodox-jüdischen Konfession; — lediglich im kategorischen Imperativ dar getan, zu werden, ohne Antwort auf die bange Frage, ob dieses bloss durch das dumpfe Beharrungsvermögen bewirkte Fortrollen auf der Bahn des Schismas auch wirklich gottgefällig, sei. Auch wusste man dafür zu sorgen, dass solche naive Gewissensstimmen keinen stärkeren Chor bilden konnten. Diplomatischer als Ungarns grösster Staatsmann hatte die provisorische Leitung den Kongress aus einem iWablmodus entstehen lassen, der Sicherheit genug bot, dass die heilige Versammlung der grossen Männer — wie man sich bescheiden titulierte —nur in geringem Masse entheiligt werde Von jenen Entarteten, denen der Wille der Gedolhn nicht mehr oberstes Gesetz ist. Jede Gemeinde — ohne Rücksicht auf ihre Seelenanzahl — durfte nebst dem Rabbiner noch einen. Delegierten — aber nur aus ihrer Mitte! — entsenden.- Der Vertreter von Stadtgemeindeu. zu 5000 Seelen sah sich also fünfzig Gegnern, welche zusammen die gleiche Menge vertreten, gegenübergestellt. Wie jede. Tugend, wohnt die orthodoxe am flachen Lande, und da die „verlässlichen44 Konutate des Nordosteins. dichtbesäet mit kleinen Dorfgemeinden sind, herrschte im voraus Beruhigung darüber, dass die in der sündigen Atmosphäre der städtischen Kultur atmenden Elemente in der rituellen sech zigfachen Ueberzahl verschwinden würden. Und doch hat sich das bedenkliche Mittel zum bedenk-, liehen Zwecke als schwerer Rechenfehler im schlauen Kalkül erwiesen. Denn die seit dem Bestände der orthodoxen Partei zum ersten Malte zusammenberufene Vollversammlung hätte als raipoisante Manifestation der orthodoxen. Judenheit dem Verlatigen nach einer gesetzlichen Anerkennung einer besonderen orthodoxen Konfession eimen stärkeren Nachdruck verleihen sollen. Ist es aber auch mit Hilfe eines Wahltriks gelungen,