Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 „&ie $ weit11 Nr. n wir den für ein offizielles. Organ notwendigen objektiven Standpunkt auch fernerhin einnehmen werden. Es . sollen alle zu Worte kommen, die es nicht zur Austragung persönlicher Rechnungen,.sondern im Interesse .der Gesamtheit sachlich zu gebrauchen vermögen, und, wollen. Vorbemerkunig des Herausgebers. Während der letzten Monate vor dem VI. Zionistenkongresse war es ein Gedanke, der in der zionistischen Presse iin besonderen wie in der jüdischen überhaupt vorherrschte: die Notwendigkeit der sofortigen Tat! Ein gegenwärtig unsere Bewegung gewissenlos bekämpfendes Blatt war es namentlich, welches in einer1 Reihe von Artikeln klarzulegen suchte, dass, wenn jetzt im Sinne des ]M)litischen Zionismus nichts Positives geschehen sollte, dem Zionismus die grösste Gefahr drohe. Allen war klar, d&ss, wenn der politische Zionismus im Gegensatze z<u dem totgeborenen Chowewe-Zionismms im Laufe von sechs Jahren dank dem weitschauenden Blicke des grossen Führers zu einer imposanten Volksbewegung geworden, er auch dem Untergange geweiht war, wenn seine ganze Tätigkeit auf das Gründen einiger elender Kolonien beschränkt bleiben sollte. Bs gehörte nicht vier dazu, einzusehen, dass „Taten" dieser Art weder dazu angetan waren, die ökonomische Lage der verhungernden Millionen autfzutesern, noch auch dazu, das ganze Volk vor der Degeneration zu bewahren, der es infolge seiner nationalen Knechtschaft unaufhaltsam entgegengehen J 11:11 SS. Bebend in Hoffnung und Furcht sahen wir den Y l< Kongress herankommen; wir hofften, dass nun etwas G rossen, Positives erfolgen würde, weil die Lage es dringend forderte; wir fürchteten alles, falls dies nicht eintreten sollte. Der "Kongress kam; in dem grossen Führer, den seine Verhandlungen mit der Türkei von der Unerreichbarkeit Palästinas als autonome Heimstätte (für dermalen kaum — Der Herausg.) überzeugt hatten, war wieder sein alter richtiger Gedanke aufgetaucht : Die Schaffung einer Heinistätte mit autonomen Rechten für das gratusam in der Welt umhergepeitschte jüdische "Volk, wo nur irgend möglich. Seine nimmer rastende Arbeit hatte» das Angebot der englischen Regierung, das Angebot eines Territoriums an das jüdische Volk gezeitigt. Mit der llinopferung seiner ganzen Kraft trat unser .Führer für das Projekt ein; die Majorität des Kongresses stimmte ihm zu. Nichts anderes als die innige Liebe zum jüdischen Volke, dessen schon traurige Lage sich zusehends verseil Ii m/m erte,- war es, was den grossten Teil der Ja-Sager zu der richtigen Einsicht brachte, dass das Heilmittel nur ein Land sein könnte. Ohne eigenen Boden keine nationale Kultur, keine natürliche Entwicklung, kein nationales Leben, kein wahres Leben. Dessen waren sich die Ja-Sager bewusist und deswegen-haben sie für die Annahme des Ugandaproje'ktes, zunächst für die Aussendung der Expedition, gekämpft — gekämpft und gesiegt. Begrübst und bejubelt ward dies' vom jüdischen Volke, das. in dieser Wendung der Dinge den ersten'Lichtstrahl in seiner viel tausend jährigen Not, den Anfang einer neuen Aera erblickte. Der Kongress war vorül>er. Sein Bosehkiss, die Expedition auszusenden, sollte ausgeführt, werden. Mlissachtend die Vertretung des Volkes, den. Kongress und seine Beschlüsse, erhoben sich die Nein-Säger, oder wie sie sich heute nennen, „Zione-Zion", ein. Konglomerat von OLowewe-Zionisten, Aehad-Haamisten und kurzsichtigen) politischen Zionisten, und Charkow ward von ihnen zur Grabstätte des grossen Planes bestimmt. Zwar erlebten sie in ihrem kindlieh mutigen Vorgehen eine bittere Enttäuschung; ein Sturm der Entrüstung war die Antwort des zionistischen Volkes. Immerhin hatten sie insofern Erfolg, als sie »den Führer schwankend machten, der glauben konnte, dass hinter den Schreiern in Charkow auch Volk steine. Was aber taten inzwischen die Ja-Sager? Sie waren stolz auf ihren verdienten Sieg im Kongresse, auf ihren grossen Führer und ruhten auf ihren Lorbeern. Unser Führer ist uns gestorben und die Leitung ist in die Hände von Leuten übergegangen, die das Ugandaprojekt bedingungslos begraben wollen. Die Aussendung der Expedition wurde lange hingezögert-, sie erfolgte schliesslich fast wider den Willen derer, die zur Ausführung der KongTessbeschlüsse verpflichtet sind, auf Betreiben eines energischeren Aktionskoniitee-Mitgliedes. dem es daher nur gelang, die Expedition aus zwei Spezialisten und einem Ohowewe-Zion zusammenzusetzen., während nach Wad-el-Arisch seinerzeit eine siiebenglioltrige ausgesandt wurde. Die grosse heilige Sache und. die Lebensfrage des Volkes wird so von der jetzigen Leitung unserer Bewegung mit Füssen getreten.*) Die Ja-Sager aber ruhten inzwischen weiter auf ihren Lorbeern. ,; f , , Nun stehen wir vor dem VIT. Kongresse! Die sogenannten Zione-Zionisten fahren fort, sich zu organisieren unter der Leitung von ausgesprochenen Gegnern, des politischen Zionismus. Vor keinem Mittel wird zum Zweck djer Vernichtung defc Ugandaprojektes zurückgeschreckt. Agitationszentren werdet gegründet mit den von den armen Leuten gesammelten Sehekelgeldern. Unsere armen Brüder werden somit gezwungen, selbst die Waffen herzugeben, mit denen ihre satten aristokratischen „Brüder" ihre heilige Sache bekämpfen. Sie beherrschen den gröbsten Teil der bestehenden Presse (die weiter verstärkt wird durch Subvention ierung mit Sehekelgeldern), die eine Gefahr wird für den gesunden Menschenverstand des Volkes, das nach nationaler Freiheit lechzt und die den Zionismus in einen Mystizismus verwandelt. Den russischen Zionisten wird beizubringen gesucht, dass das jüdische Volk sieh in einem anderen Lande als Palästna werde assimilieren müssen, die Territorialisten und ernsten Ugandisten werden Assiniilanten genannt, um leichtgläubige TJgandisten abzuschrecken. Diejenigen von den Zione-Zionisten. die diese Verleumdung aussprechen, lügen bewusst, denn sie wis/sen sehr wohl, dass der Territorialismus ein Kind der Bestrebung nach nationaler Freiheit ist, dass die Führer der Territorialisten ihr Leben für den jüdischen Nationalismus einzusetzen bereit sind. Mit den westeuropäischen Zionisten, die meistens Ugandisten sind, schlägt man eine andere Taktik ein. Ihnen wird einzureden gesucht, dass die Territorialisten sich an sie wenden, weil sie sie für schwächere Nationalisten halten. Im Gegenteil aber ist wahr, dass das Eintreten für Uganda weit grössere unmittelbare Förderungen an den Opferwilleu der Zionisten stellt, als die müssige Bewunderung Palästinas jemals zu erfüllen vermag. Ferner erzählt man, dass die verhungernde und verhetzte jüdische Masse in llussland gegen Uganda sei, was nur als grobe Unwahrheit bezeichnet werden kann. 'Die Zione-Zionisten entfalten gegenwärtig eine rege Tätigkeit, um den Fall des LTgandaprojekts herbeizuführen oder bestenfalls das Territorium einer philanthropischen Gesellschaft abzutreten, was ebenfalls einer Vernichtung der heiligen Sache des Ahlkes gleichkäme. Gruppen von Terri- *) Mit Verlaub, das ist nicht wahr. Wamum haben die la- Sager und die Anhänger keine Mittel für die Expedition aufgebracht? (Anmerkumg des Herausgebers.)