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Die Welt · 1905-03-24 · 12 (24.3.1905) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 ,,bie # Weit« Nr. 12 Selbstachtung, die wir als Juden besitzen, nicht voraussahen konnten, dass ein Jude zu jenem Grade von Verblendung gelangen könnte. Es ist richtig, dass der Tag, an dem Mir dies erleben mussten, ein schmachvoller Tag in der Geschichte unseres deutschen. Judentums sein wird, und dass wir viel, viel zu tun haben werden, um durch unser aller, gemeinsa-me Arlxüt das gut zu machen, was ein einzelner gesündigt hat. Aber diesmal soll, es nicht so gehen, wie sonst, wo die Sünde des einen dem gesamten jüdischen Volke zum Vorwurfe gemacht wird! Wir wissen, dass jener anfängliehe Versuch mit Lachen überall autgenommen werden wird. Hat ja noch zu guter!etzt der Herr Professor verstanden, ein Ernstnehmen seiner Darlegungen unter allen Umständen zu vermeiden, wenn er wehmütig klagt, wie viele Lehrstühle für Wissenschaft des Judentums mit dem Gehle der Kolonialbank errichtet werden könnten! Das Gefühl einer allgemeinen, und erlösenden Heiterkeit nxuss, wenn man das liest, den lx4ser erfassen. Aber uns geht die Suche näher! Uns berührt die-Sehmach, die uns angetan wurde, indem ein Jude d'as schrieb, tief im Herzen! Wir buhen nur eine Hoffnung, die Hoffnung, dass dieser krasse Enll lausenden, die abseits standen, die Augen öffnen wird, dass sie (duschen, wohin jener Weg führt, und dass sie fortan mit uns den Weg gehen werden, dem wir aufrecht und starken Schrittes folgen. Weit, unendlich weit über die Grenzen, unserer Partei klingt der Schrei der Entrüstung! Möge er nicht verhallen, sondern möge man sich dieser Schrift Geigers erinnern und die Warnung, die darin liegt, beherzigen. Mögen jene, welche unserer grossen Sache hm gegenüberstehen, sich an ihre Ernst schlagen, und sich gestehen, dass sie mitschuldig an dieser Schmach sind. Dann werden sich künftig Männer vom Schlage dieses Mannes nicht, mehr als 'Vertreter deutscher Juden gebärden Können, dann wird nicht mehr unter der Flagge des Liberalismus die finsterste Reaktion gepredigt werden dürfen. Wenn es so kommt, dann wird diese Schrift Geigers statt Fluch Segen gebracht haben. Heute aber legen wir feierlich Verwahrung gegen dieses Wort des Professors Geiger ein — nicht als Parteilente allein. -— denn die Schmach trifft nicht uns als Zionisten, sondern als Freunde wahrer Freiheit und Duldung, ohne Rücksicht auf unsere Stellung zur Frage des Zionismus. Wir verwahren uns gegen diese Kampf esart. Wir verurteilen sie als unwürdig eines Juden, eines Deutschen und eines freiheitlichen M'annos. Wir verlangen, diass ein solcher Mann für immer ausgeschaltet werde, da, wo ernste Menschen um Wahrheit ringen, um Recht und um Freiheit! Zeit- und Streitfragen im Zionismus. Von Dr. D. Pasmanik. (Fortsetzung.) Nun gibt es aber Leute, die nicht bloss für Uganda n e 1><* n P a 1 ä s t i n a sind, sondern die einfach g e gen .Palästina sind, die aus dem Territorial]smus eine Weltanschauung schaffen. Irgend ein Land, nur nicht Palästina!. AVer aber genauer die Literatur der russischen Zionisten verfolgt hat, der weiss, dass diese Weltanschauung ganz frischen .Datums ist und ihrem Wesen nach an die Weltanschauung des Fuchses, dem die zu hoch hängenden Trauben zu sauer sind, erinnert. Da sie Palästina nicht sofort haben können, sind sie Territorialisten geworden. Bekämen wir heute dieses Land, ist von. der neuen „Weltanschauung" nichts geblieben. Dosha 11 >. verdient sie kaum einer eingehenden Betrachtung. Nur mit einem einzigen Punkte wollen wir .uns hier beschäftigen,. weil er wohl von allgemeinerer Bedeutung ist. Palästina, behaupten manche Territorial isten. zusammen mit ihrem Fahnenträger Herrn Zeitlin vom „Hädor" und „Hasman", ist das .Land der reaktionären:, religiösen Kultur, das Land des orthodoxen .Rabbinisniiis. Da man aber -ein modernes Judentum schaffen will, so muss man ein neues Land haben. „Der jirdische Proletarier kümimert sich nur um die ökonomischen Interessen." Es klingt so schön und doch so hohl! Ich möchte die lieben Gegner jüdischer Romantik an eine höchst reelle Tatsache erinnern, die ein so grelles Licht auf die wirklichen Gefühle des jüdischen Proletariers, und zwar des allerradikalsten, wirft, dass alle Deklamationen aufhören müssen. Diese Tatsache ist folgende: Die Untersuchungen der ökonomischen Lage der russischen Juden haben bewiesen, dass der jüdische Arbeiter nur sehr schwer Arbeitsgelegenheit in den Fabriken, sogar in den jüdischen. Fabriken, findet. Eine der 11 a-upt Ursachen dieser Erscheinung ist die Sahbat ruhe, die von allen jüdischen Proletariern, sogar von den a- und antireligiösen, unter dem Einflüsse der sozialistischen Propaganda stehenden Arbeitern streng gewahrt wird. Lieber hungern, aber die Sabbatruhe wahren! Jn Städten, wie Warschau, Lodz, Bialystok etc., haben die Rabbiner auf die Proletarier keinen Einfluss, und doch so viel „Pomantik"! . Also der jüdische Proletarier kümmert sich nicht bloss um die „ökononiisehen Interessen"! Der <,Bund.a hat also trotz seiner langjährigen. Propaganda die jüdische Romantik nicht töten können. Nein, der jüdische Proletarier, der nicht bloss abstrakt diskutiert, sondern auch konkret fühlt, bewahrt in seinem Herzen die ganze Romantik des gesunden »Judentums. Und. nun, wie können Leute, die auf dem Standpunkte der materialistischen Weltanschauung stehen, glauben, dass die jüdische Kolonisation Palästinas, die doch das ganze Wirtscharftsieben des jüdischen Volkes umändern wird, trotzdem die Ideologie des Gohis bewahren wird? Die jüdische Romantik wird bleiben, aber nicht die Romantik des geknechteten und gehetzten Juden des Golus, sondern die stolze Romantik des selbstbewussten und freien Juden, die immer zu den höchsten und schätzbarsten Gütern, der Menschheit gehörte, z. B. die demokratische Sozialgesetzgebung der Bibel und die höchsten ethischen Ideale der Propheten. Und wenn wir jetzt einen Augenblick die Sache real politisch betrachten wollen, müssen wir doch nicht ausser acht lassen, dass die Romantik eines ganzen Volkes, jedenfalls seiner grossen Mjehrheit, eine ganz reale Macht ist, mit der 'die verschrobensten Materialisten zn rechnen haben. Unisoni ehr, als wir gesehen haben, dass sogar in dem fortgeschrittensten jüdischen Proletarier noch ein gutes Stück jüdischer Romantik steckt! Wir brauchen ein Land, das eine spezielle Anziehungskraft für alle Elemente des jüdischen Volkes besitzen soll, damit ein lebenskräftiges, nationales - Leben begründet werden könnte, denn, eine Nation ist nicht e i n e Klasse, sondern umfasst alle Klassen. Welches Land gleicht Palästina an Anziehungskraft für das ganze jüdische Volk? Ein Territorium wird nur den Hungernden anlocken, sogar ein. Territorium mit Autonomie, ebenso wie Amerika trotz seiner absoluten politischen Freiheit nur d ie ä rm sten unter den leidenden russischen Juden anlockt. Da aber die ärmsten aus eigenen Kräften nicht imstande sind, ein Eigcnwescn zu begründen, so wird die ganze Sadie .logischerweise sich als ein philanthropisches Unternehmen entpuppen. - M it Philanthropie begründet Juan aber kein nationales Wesen, keinen jüdischen Staat. Nur Palästina kann die harmonische Vereinigung der jüdischen Arbeit, der jüdischen Intelligenz und des jüdischen Kapitals schaffen, drei Elemente, die zur Schaffung eines national jüdischen Eigenwesens unentbehrlich siiüd.

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