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Die Welt · 1905-03-24 · 12 (24.3.1905) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 12 „bi* £ Weit" Seite l tion in Anspruch genommen werden dürfen. Ganz im Gegenteile bin ich ülwrzeugt, dass nur die Entwicklung der Individualität der Einzelnen wie der Nationen zur Schaffung neuer Kulturwerte führen kann.. Aber ihr Produkt, das, was von den einzelnen Nationen, von den Genies und Talenten der einzelnen Völker geschaffen i s t, das ist Gemeingut aller. Nur die Römer konnten das wunderbare Rechtegebäude aufführen, das heute allen Nationen Schutz verleiht, nur die Griechen konnten jene Ideale der Schönheit finden, an denen alle Menschen sich heute erfreuen, nur die Juden konnten jene in ihrer Einfachheit grandiosen Maximen der Lebenskunfet aufstellen, die der Entwicklung aller Arölker zur Grundlage dienen. — Wenn wir heute in abendländischer Kultur wurzeln, so bedeutet das, dass wir Vorteile von allem ziehen, was alle Kulturvölker der Welt seit Anbeginn geschaffen haben. Wir Juden haben nicht den kleinsten Teil beigebracht. AJmuwährend, man jetzt schon beginnt, uns selbst das streitig zu machen, was uns früher nie bestritten worden ist, unsere ältesten (iahen auf dem Altar der Menschheit, ist man darüber seit lange einig, was sei tJ ah rhu nd erteil und bis in die neuesteZeit von uns geschenkt ist, uns abzusprechen. Alles was ein Jude an Kulturwerten schafft, wind sofort von der Gesamtheit,^ innerhalb deren er lebt, annektiert; nur das Böse, das ein$ Jude schafft, das wird der Gesamtheit der Juden angerechnet, Mark Antokolsky durfte nicht in Bussland leben, — seine Werke aber stehen als Blüte rassischer Kunst im Alexandermuseum in Petersburg. — Statt vieler anderer gewichtiger Beispiele, nur ein drastisches, das mich persönlich heiter und wehmütig genug stimimte. Beim Sehachkongress in Hannover 1902 waren von 18 anwesenden Meistern 9 Juden. Und da tobte der Kampf darum, ob diesmal die Deutschen oder die Engländer, oder die Amerikaner oder die Bussen sieh als die für das königliche Spiel Befähigtesten erweise]} würden. Und einMitbiirger „mosaischer Konfession", der sich über den starken Prozentsatz von „Glaubensgenossen" freute, blieb stumm, als ich ihn um Aufklärung ersuchte, welches wohl der innere Zusammenhang zwischen Schach und Be 1 i g i on sei. — Wir liefern bis heute und überall spezifisch jüdische Kulturwerte; — diese werden nur nicht als jüdische anerkannt. Jeder Baustein, den wir bringen, wird akzeptiert, aber die Quittung erhalten andere. — Man kann aber nicht sagen, dass in der Kultur, welche wir besitzen, weniger jüdische als germanische oder slawische Elemente enthalten sind. — Dass wir nun in einem speziellen Gedanken und Intefcssenkreise erzogen werden, den wir mit unseren nichtjüdischen Mitbürgern gemein haben, liegt in der Natur der Sache. Es wäre auch ganz recht so, da wir mit ihnen unendlich viel Interessen gemein haben. — Das Schlimme ist nur, dass wir unsere besonderen Interessen ganz und gar vernachlässigen. — Wenn man dem Knaben vom ersten Erwachen des Verständnisses an nicht nur von Hermann dem Cherusker, sondern auch von Juda Makkabi erzählte, — wenn man nicht nur von den glänzenden Turnieren des Mittelalters, sondern auch vom Leben der Gemeinden in Worms und Mainz in der vodebmann sehen Zeit — berichtete, ich glaube, der deutsche Patriotismus würde darunter nicht leiden, aber dafür erhielten wir etwas geradere und ihrer selbst bewusstere junge Juden als sie bis heute vom Gynrnasium kommen. Ist es nun aber nicht geradezu treulos, — nicht von Herrn Profoessor Geiger, — von ihm ist es mir gedankenlos! — erst die Kenntnis alles jüdischen zu unterbinden, alle jüdischen Werte unter fremder Maske zu verbergen, — und dann zu schreien: Ihr habt nichts jüdisches gelernt, Ihr seid nicht Juden! — Ja, wenn wir uns nach ihren Vier- Ordnungen gerichtet hätten, — wenn wir noch zwei, drei Generationen uns danach richten würden!! Aber damit ist es ein für allemal vorbei! Wir sind nicht nur treue Bürger des Staates, dem wir angehören, — wie die anderen, sondern wir erfüllen auch unsere Pflicht gegen unseren Stamm, — wie die anderen. Wir sind Vollmenschen geworden, wir begehren das Recht für uns, unsere Individualität ausleben zu dürfen, — unsere Volksindividualität. Und wir wissen, dass wir erst mit der Inanspruchnahme und Betätigung dieses Hechtes, das ein jeder sonst frei und ungehindert für sich in Anspruch nimmt, die ernsthafte und volle Gleichberechtigung erreichen. Ja, wir wissen noch mehr! Wir wissen, dass wir auf diese Art uns auch des Dankes der gesamten Kiiltunveli versichern! Denn das ist die ernsteste Seite dieses Themas. Durch die gewaltsame Unterdrückung einer Entwicklung der jüdischen Kultur berauben wir die Welt hoher und unersetzlicher Wrerte! Wir sind der Meinung, dass wir imstande sind, durch Förderung jüdischer Eigenart der Welt ungeahnte Schätze zu erschHessen. "3 Es ist also nicht so weit, wie Herr Professor Geiger uns glauben machen möchte, dass wir uns entschlossen .haben, auf unser Volkstum zu resignieren, — ganz abgeisehen davon, dass das ein unmögliches Unterfangen wäre, 'denn Blut ist dicker als Wasser, — auch als Taufwasser. Möglich, chtss bislang nur Anfänge vorhanden sind, — aber das Entscheidende hier ist völlig der Wille und das Empfinden. Das wird gerade Herr Professor Geiger uns zugestehen, der immer mit diesen beiden operiert. Da er sieh nicht als Jude fühlt, da er nur Mitleid empfindet, — ist er seiner Meinung nach kein Glied des jüdischen Volkes! — Und weiter, — wenn er Ausnahmegesetze gegen uns vorschlägt, — die wir dem jüdischen Volke angehören wollen, so setzt er doch damit voraus, giebt er damit zu, dass unser Wille allein uns zu einer gesonderten Nation stempelt! Ich meine übrigens, dass Wille und Empfinden nur insofern entscheidend sind, als aus ihrem Vorbandensein oder. Fehlen Rückschlüsse auf die Wahrheit zu ziehen sind. Es ist die Existenz unseres "Volkes eine Tatsache, — durch unsere Lebenskraft, durch unseren AVillen und unsere Empfindung bezeugt. Es mag der Blinde das Licht leugnen — die Sonne sendet ihre Strahlen. Da hilft alles Argumentieren und alles Protestieren nichts, — es beizeugt nur, dass der Opponent blind ist oder gewaltsam die Augen versehliesst. Nun sagt der Herr Professor weiter: D er Zionismus, ist gefährlich und verderblich. Darüber wollen wir nun nicht viel Worte mehr verlieren! Wir besitzen heute Dokumente von Beweiskraft, — Zeugnisse von Gelehrten und Künstlern aller Külturvöllcer, die uns Dank für unsere Arbeit sagen, die bekunden, dass unser Werk heilbringendfür die Gesamtmenschheit, wie für unser Volk sich gestaltet. Wir können mit Stolz darauf hinweisen, dass wir grosse Kultur werke bereits geschaffen haben, — Millionen Verzweifelter haben wir mit neuer Hoffnung belebt und grosse kulturspen&ende Organisationen haben wir ins Leben gerufen. In den fast 8 Jahren unseres Bestehens müssten doch die Gefahren auch sieh irgendwie gezeigt haben. — Wo sind sie? — Kegierungen haben mit unserem Aktionskomitee alsdem Vertreter einer loyalen und ernsthaften Bewegungverhandelt, — Sympathiekundgebungen von allen Seiten sind uns zugekommen, — wo blieben dieGefahren, die man uns prophezeit h'at? — Einem Juden, dem Herrn Professor Dr. Ludwig Geiger zu Berlin, blieb der Rühm vorbehalten, uns als eine Gefahr zu denunzieren, gesetzgeberisch Massnahmen gegen uns zu verlangen. Es ist richtig, dies ist eine Gefahr, die wir freilich nicht vorausgesehen haben, und: bei der

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