Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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„bie * Weit11 Nr. 12 Seite 4 nahmestellung gedrängt,'.'wurde die Kluft immer grösser. So schuf sich die Welt selbst mit einem Raffinement ohnegleichen einen ihr unsympathischen Typus, um dann mit den Fingern auf ihn zu weisen und zu rufen: Pfui, . welch ein Greuel! — Es ist heute einem kleinen, sehr kleinen Bruchteile von Juden gelungen, sich aus jener häss- Jiehen Situation für ihre eigene Person zu befreien. — Aber das nützt weder ihnen noch der Gesamtheit! Denn da die ungeheure Masse in jenem Zustande verharrt, verharren muss, in den man sie gegen ihren Willen gebracht, so gilt als der Typus des Juden noch immer jene unglückliehe, dem Fremden unsympathische Gestalt. Noch mehr: das Golus und jene freundliche Erziehungsmethode haben manchen unseres Stammes ihre Merkmale auch in die Seele gedrückt; . es gibt unter uns, gerade unter den der formalen Gleichberechtigung teilhaftig gewordenen. Juden, viele solche Golusnaturen, die den Spott und die .Verachtung herausfordern, indem sie sich ihres Volkes, ihrer Vergangenheit, 'ihres Namens und ihres Glaubens schämen, die feige und hündisch um das 'Gnadenbrot winselnd, selbst in das Hep-lIep-Geheiil einstimmen, die ihres Judentums wie einer Schuld bewusst, zuerst den Ruf „Haut den Juden"' ausstossen und die, um ihre Gesinnungstüehtigkeit zu erweisen, sich nicht scheuen, die still und stolz ihres Weges gehenden anderen besseren Juden, dem blutdürstigen Mob zu denunzieren. — Das sind die Juden, die den Antisemitismus stützen! in dem Augenblicke nun, wo das Eine schwindet, muss auch das Andere .vergehen. — Aber es ist eben so, dass es ein Ende des Antisemitismus wie des Zionismus nur dann gibt, wenn beider Grundlage, das Gohis, verschwunden ist. Würde das höchste Ziel der Judenfeinde erreicht sein, das Ende des jüdischen Volkes, — dann frei- . lieh, aber keinen Mbmeirt eher, würde es auch mit der Zionssehnsucht des Volkes vorbei sein. — Wenn aber das Exil, so wie wir es uns denken, geendet sein wrird, wenn . jene ungeheure latente Kultiirkraft des jüdischen Volkes .losgelöst, wird,, wenn auf dem Boden Palästinas eine Pflanzstätte, der Kultur erstehen wird, dann wird der Name „Jude" als Ehrenname anerkannt sein, dann wird die Voraussetzung des Hasses der Anderen wie der feigen Scham der Einen ausgetilgt sein. —r Und so zeigt es sich, dass die einzige Hoffnung, welche wir hegen können, endgültig die antisemitische Strömung zu überwinden, eben da liegt, wo alle unsere nationalen Hoffnungen liegen, in dem Streben und Kämpfen für unser Zioiisprogramm. Und das hat das jüdische Volk stets in den Zeiten schwerster Bedrängnis gewnsst. ~Jener stete Refrain: „Im . kommenden Jahre in Jerusalem" — jene stetig wiederkehrenden Gebete um Zion — die. Herr Professor Geiger gotteslästerlich genannt hat! . — sie legen Zeugnis dafür ab. In aller Qual des Augenblicks verzweifelten die Verfolgten nie, da sie die Gewissheit einer besseren Zukunft hatten. Nur diese Hoffnung, nur die stete Arbeit für die Verwirklichung dieses Ideals hat das jüdische Volk erhalten. Dieser Gedanke hat ihm gleich einer Feuer- : säule durch die nächtliche Wüste des Mittelalters den Weg gewiesen. — Und wenn man heute nicht mehr diese Gebete versteht, wenn ma n heute diese Worte als sinnlose Phrase streicht,-tnun, dann ist m a n eben nicht den inneren /Entwicklungen, gefolgt, sondern man ist ebennichts; als ein Angstprodukt des Antisemitismus. Es ist kläglich, sich in der blossen A b w e h r zu verzetteln; die beste Abwehr ist positive Arbeit! — Statt solche zu leisten, statt nach eigenem bestem Gewissen zu handeln, schielen gar viele immer ängstlich nach den bösen Antise. initen, so dass, wenn man sich nach diesen Juden richten würde, Ahl warft und Pückler geradezu das Gewissen des Judentums bildeten. „Der Zionismus" — dies ist der zweite Leitsatz des Autors — „ist innerlich unberechtigt, weil er ein jüdisches Volkstum konstatiert, die deutsehen Juden wissen aber nur von einem Volke, dem deutschen." Ich kann zur Charakterisierung dieser Phrase, die wir öfter haben hören müssen, dass es kein jüdisches Volkstum gäbe, nichts ' besseres finden, als die alte Anekdote, die ich schon einmal in solchem Falle erzählt habe, — den •Ausruf des Arztes, der seinen Patienten, den er aufgegeben hatte, nach langer Zeit frisch und gesund wiedersieht: „Was? Sie leben und Sie erholen sich?! Dann haben Sie sich nicht nach meinen AVrordnungen gerichtet!a Diese Herren amputieren uns unsere Sprache, unsere Gebete/unsere Sitten, — gerne würden sie auch die Nasen amputieren, — und rufen dann aus: Wo ist deine Sprache, — wo sind deine anderen lK>sonderen, Kennzeichen?*— und leugnen uns keck unsere eigene Identität ins Gesicht. Dem aber, der sich unberührt und unverfälscht erhalten hat, werfen sie dies noch entrüstet vor! — - Selbst Herr Professor Geiger kann nicht leugnen, dass der Jude an gewissen unaniputierbaren Eigenschaften überall kenntlich ist. „Aber", sagt er, „welcher Unterschied besteht zwischen einem englischen Lord und einem russischen Schnorrer, einem Amsterdamer Diamantschleifer und einem deutschen Landgerichtsrat, — wenn alle vier jüdischen Glaubens sind?" Sehr hübsch in der Tat. Glaubt der Herr Professor, dass der Unterschied geringer ist, wenn es sich um einen Zuhälter aus Bendin 0, — einen Koni/merzienrat aus Berlin W, — einen Literaturprofessor und einen Brettl komij.er handelt, die sämtlich deutsche Staatsangehörige sind? Zugeben will ich, dass der Unterschied zwischen man che in jüdischen Gemeinderepräsentanten und einem arischen antisemitischen Dreschgrafen bisweilen schwer zu erkennen ist. Ernstlich meint der Herr Professor — und da hier wieder ein sehr wichtiger Gesichtspunkt berührt ist, wollen wir von der kindischen Art der Argumentation absehen, da.>s der deutsche Jude doch ganz und gar in deutscher Kultur wurzle, — nach Sprache, Neigungen, Denkart etc. Es liegt darin unstreitig etwas wahres. — Wir können und wollen nicht bestreiten, dass bei den meisten unserer Stanimcsgvnossen in Deutschland auf ihren, geistigen Entwicklungsgange nur zum sehr kleinen Teile jüdische Kulturquellen eingewirkt haben. Wir brauchen gar nicht einia,.l an die bewussten Assimilanten zu denken. Wir alle fast sprechen besser deutsch als jüdisch oder hebräisch, wir alle haben als Quintaner auf die Tücke des welschen Erbfeindes geschimpft, haben als Tertianer, den Krämergeist der Nattern jenseits des Kanals verspottet und haben als Primaner unser Hohenstaufendrama in fünffüßigen Jamben geschrieben. — Wir l>eherrschen zum grossen Teil Wallenstein besser, als Jehuda-Halevys Di.van und haben uns mehr mit Doktor Faust beschäftigt, als mit Elischa ben Abujah. — Selbst bei unseren jungjüdischen Dichtern und Künstlern dürften wir bei weitem mehr andere als jüdische Einwirkungen nachweisen können. Aber was ist damit für die Geigersehe "These bewiesen? Zunächst würde er konsequenterweise beispielsweise einen Friedrich den Grossen erbarmungslos den Deutschen rauben, da gerade dieser grosse deutsche Fürst und Philosoph ganz und gar von fremder, französischer Kultur abhängig war, für die deutsche Sprache und Literatur sogar nur Verachtung 'besass. — Aber weiter ist denn doch unsere westeuropäische Kultur überhaupt eine einheitliche, bildet sie eine grosse geistige Gütergemeinschaft, zu der die einzelnen Nationen und Individuen nach ihrer Eigenart }>eigetragen haben. —- Wohlverstanden! Ich bin weit davon entfernt, etwa die Phrase wiederholen zu wollen, dass Dichter und Denker überhaupt von keiner bestimmten Na-