Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1905-03-24 · 12 (24.3.1905) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316128-3316145--46699-3341558
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. ü „bi* £ Weit11 Seite 3 fürs Ganze gelten, — denn sollte etwa argumentiert werden, da*» geralde mir die Aufteilung das Heil bringe, so käme man dazu, zu sagen, dass der kleinste Bruchteil, d. i. jedes Individuum allein sieh helfen müsse, sonst des Unterganges wert sei, — käme man. zu einem Leugnen aller sozialen Grundlagen unserer Weltordnung, käoie man mit dieser Logik buchstäblich in die Brüche. „Der Zionismus bedeutet keine innere Entwicklung des Judentums, sondern ist eine Folgeerscheinung des Antisemitismus." Das ist der erste Leitsatz des Autors! — Dass dieser Satz irrig ist, werden wir bald sehen. — Zunächst aber ein anderes: ich vermisse in dieser These den Gegensatz. Könnte der Zionismus nicht, selbst wenn er eine Folgeerscheinung des Antisemitismus wäre, doch eine innere Entwicklung bedeuten? Kann irgend etwas in der Welt sich n u r von innen heraus entwickeln^ — sind nicht vielmehr von aussen kommende Einflüsse bestimmend auf die Entwicklung? Ist der deutsche Einheitsgedanke hinfällig, muss das Deutsche Bei eh sieh auflösen, weil die Kniserkrönung zu Versailles eine Fttlgcorschoiinunjg des Angriffskrieges Frankreichs war? Selbst dein Zufall, — um «dies unsinnige Wort zu gebrauchen, — danken wir manches! Wenn die Tante James Watts auch Tee gekocht hat, ohne irgend welche Gedanken an Erfindungen, — so benützen wir die bei dcH Telegen hei t erfundeneDumpl'- maschine doch; — wir erkennen da* Gravitationsgesotz an, wenn der Apfel auch ohne besondere Intentionen Newton auf den Schädel gefallen ist. Berthold Schwarz suchte den Stein der Weisen und erfand das Schiesspulver, — und es ist ein Glück, dass er es tat, der Herr Professor hätte, da er nicht oxpress zu dem Zwecke in das Laboratorium gegangen war, wohl von der Erfindung abgesehen. Ms lohnte sieh, einmal ernstlich das "Verhältnis von Antisemitismus und Zionismus zu erörtern. — .Herr Professor Geiger will absolut das eine als Ursache, das andere als Folge aufgefasst wissen. Iiier ist der Antisemitismus die Ursache, der Zionismus dessen Folge, — im weiteren Verlaufe seiner Darlegung aber dreht: er auf einmal die Geschichte um; da ist der Zionismus gefährlich, weil er geeignet ist, Antisemitismus zu erzeugen! — Schon aus diesem Widerspruch ist ersichtlich, dass es sich um einen Oireulus vitiosus handelt. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das Verhältnis der beiden Ideen doch nicht so einfach zu kennzeichnen. Der Zionismus, sagt- (leMgoir, ist eine Frucht des neuesten Antisemitismus! Und zum Beweise — weist er darauf hin, dass es das ganze Mittelalter hindurch mir des kleinsten Anstosses bedurfte, um messianischc oder nationale Hoffnungen zu heller Flamme aufbrechen zu lassen. — Daraus ist doch, sollte man meinen, das gerade Gegenteil zu sehliessen, dass nämlich in allen Zeiten und unter allen "Umständen der nationale Zionsgcdanke im jüdischen Volke lebte, dass das heilige Feuer stets lortgliihtc. Wo kein Funke glimmt, kann kein Blasebalg Feuer erzeugen. — Es ist ganz richtig und soll durchaus nicht geleugnet werden, dass durch den Antisemitismus gar mancher sich erinnert hat, dass er Jude ist, — dass der Antisemitismus so als ein Teil der Kraft erschien, welche stets das Böse will und doch bisweilen auch Gutes schafft. Die Definition einer Nation als einer Menschengmppe mit gemeinsamen Feinden trifft tot allem gerade auf uns Juden zu! — Aber wie kommt es, dass gerade die besseren Elemente, — das" gibt auch Geiger zu, — diese Konsequenz gezogen und sich um unsere Fahne versammelt haben?! — Wie kommt es, dass die blosse Abwehr Schiffbruch gelitten hat und dass aus dem Nichts, aus der blossen Negation, ein positives Ganzes geworden ist? — Und weiter, — hat diese Idee nur die erfasst, welche vom Antisemitismus bedrückt sind? —- Hat der Zionismus nicht gerade aus den Eedhen jener, welche durch. Stellung oder sonstige glückliche1 Momente ganz den Folgewirkungen des Antisemitismus entzoge]i sind, stärksten Zuzug und die besten Führer erhalten? End sind es andrerseits nicht gerade jene, welche eine verständliche Furcht vor den antisemitischen Neigungen ihrer Mitbürger hegen, welche den Zionismus bekämpfe]), — so dass geradezu der Antisemitismus, die Angst vor den bösen Antisemiten die schwerste Gefahr für den Zionismus bildet? — Kann mau nicht mit viel mehr Recht, als der Geigersehen These zukommt, sagen : D c r A n t i z i o n i s m u s bricht mit der inneren Entwicklung des Judentunis; er {ist eine Folgeerscheinung des Antisemitismus!? Und dann, wie kann der Autor hier dem Zionismus einen Vorwurf daraus machen, dass er vom Antisemitismus erzengt sei, während er einleitend, indem er der Berechtigung der zionistischen Idee für .Russl'and etc. zustimmt, gerade umgekehrt sagt, dass er den Zionismus nur da schätze, wo er eine F o 1 g e des A n t i s e i n <\ t i s m u s se i. Von mancher Seite haben wir bisweilen gehört: Ihr wollt ja gerade dasselbe wie die Antisemiten., den Exodus der Juden! — Da war unsere Idee nicht als Gegenströmung gegen den Antisemitismus aufgefasst sondern ais eine nach derselben Richtung sich bewegende Kraft. — parallel oder als Fortsetzung gehend. — Auch diese Auffassung ist natürlich unzutreffend, unzutreffend nach den Voraussetzungen, dem Ziel und (hui Wegen. — Voraussetzung des Antisemitismus ist: die Juden sind eine kulturell schädliche Gemeinschaft, — die des Zionismus: die Juden bilden einen Eminent wichtigen, lebenskräftigen Kulturfaktor. Das Ziel des Antisemitismus ist-: Ausrettung alles Jüdischen aus der Gesollschaft, — das des Zionismus: Schaffung eines Kraft Zentrums für alles Jüdische! — Der Weg dos Antisemitismus ist : Beschränkung der .Bewegungsfreiheit der Juden, Einschränkung ihrer Entwiekdungsfähigkeit,. — der des Zionismus: Forderung der freien von. hemmenden Schranken losgelösten jüdischen Eniwiekelung. — Alan begeht oft noch heute den ungeheuren. Fehler, in dem Antisemitismus nichts anderes als eine ephemere h>seheinung zu erblicken, horvorgorufen durch einige törichte oder bösartige Menschen. .Nichts ist falscher als das. Eine Strömung, von der so ungeheure Mengen erfasst sind, muss tieferen Ursprung haben, — kann nicht durch das Kieselsteinwerfen einiger ungezogener Buben entstanden sein. Eingekehrt haben auf ihren Vorteil bedachte schlaue Spekulanten in öffentlicher Meinung es verstände]], sieh die vorhandene Strömimg nutzbar zu machen. —■■ Der Zionismus, sagt Geiger, wird aufhören, wen]] der Antisemitismus schwindet. — Darin steckt etwas wahres. Beide werden nämlich gleichzeitig enden: in denn Momente, wo der Zionismus sein Ziel erreicht haben wird, wird auch den] Antisemitismus seine Grundlage entzöge]] sein. Denn — und das ist des Pudels Kern — Zionismus und Antisemitismus stehen nicht im "Verhältnis von Ursache und Wirkung zueinander, sondern sie haben dieselbe Ersaehc. Jenes Unglück des jüdischen Volkes, das Golus, das Exil, — hat bei Ereundon und Feinden als ein naturwidriger unmöglicher Zustand eine Reaktion, den Wunsch nach. Aenderung hervorgerufen. — Während nun die einen sage]]: Schlagt die 'Heimatlosen tot! — sagen die anderen: Gebt ihnen eine Heimat! In der Tat ist die eigentliche Ursache des Antisemitismus nichts als dieAnomalie unsorerKxistenz, dcrExistcnfc eines sein Volkstum instinktiv festhaltende]], über die ganze Erde zerstreute]] Volkes. Durch die Aeusserungen der Antipathie, — worunter ich die Metzeleien, JudiMiverbrennungen, Ausnahmegesetzgcbiingen etc. verstehe, wurde dann die jüdische Masse immer mehr und. .mehr in eine Aus-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.