Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 & Weit11 Nr. 12 ralen Gememdevertretei* Berlins, im Jahre 1905 zwischen Fastnacht und Purim. Der starke Mann, nach dem man so lange geschrien, ist endlich erstanden! Bs war die höchste Zeit! — Dein edlen Kämpen mit dem Dreschflegel im Wappen hatte man in Verkennung aller volkstümlichen Instinkte und arg das Gebot der Bibel verletzend, beim Dreschen das Maul verbunden, — die Irrlehren der Gedankenfreiheit, des Bcehtes der freien Meinungsäusserung gewinnen imnner mehr Boden. Kaum der verstockteste Reaktionär wagt es noch heute, eine Ausnahmegesetzgebung zu befürworten. Da masstc der starke Mann erst aus den Liberalen entstehen, der offen und freimütig als liberales Postulat die Ausmahmegesetzgcbung gegen die, Anhänger mißliebiger Ideen verlangte. Ich fürchte, selbst Herr Lenzmann, der viel zu aufgeklärt ist, um nur Antisemit zu sein, — wird diesen Liberalismus etwas erstaunlich finden, — aber vielleicht wird Herr Kopseh gegen die Wahl dieses Juden vorkommenden Falls nichts einzuwenden haben. Doch folgen wir sorgfältig dem Gedankengange des Herrn Professors, der ihn zu diesem Triumphe liberalen Geistes geführthat. Den Grundakkord zu seinen Betrachtungen gibt, wu;< er erklärt, die Tatsache, dass nach Theodor Herzls Tode in G a 1 i z i e n und R u s s 1 a n d um den Heimgegangenen herzliche Todesklagen angestimmt worden sind. InDeutsch- Jand hätten nur zahlreiche PrivatvereineTrauerfeiern veranstaltet. — Schon hier stockt man! — Inwiefern gibt diese Tatsache den Grundakkord? Davon, class es absolut nicht wahr ist, dass in Deutschland die offiziellen Vertreter des Judentums sich in ihrer Mehrzahl durch Fernhalten von der Trauer blamiert hätten, will ich zunächst gar nicht sprechen! — Ich will auch nicht davon sprechen, wie edle Naturen den Heimgang eines Edlen betrauern können, selbst wenn sie seinen Plänen abhold sind. Das ist offenbar etwas, das für Herrn Professor Geiger unverständlich ist. — Ich kann seine Worte nur so auffassen, als ob diese unerhörte Volkstrauer, die nach seiner Meinung nur in .■jenen erwähnten Ländern geherrscht hat, ihn aufs Höchste Ixmnruhigt, ihm zeigt, wie tief die durch Herzl verkörperte Idee Wurzel geschlagen hat und dass er daher sich gezwungen sieht, ihr endlich den Garaus zu machen. Aber das hätte ja nur dann Sinn, wenn jene Trauer auch in Deut seh- 1 a n d so begangen worden wäre, was der Verfasser leugnet; gegen die Trauer in R u s s 1 a. n d etc. kann er nichts haben, da er gleich darauf zugibt, dass er bereit ist, den Zionismus in jenen Ländern für berechtigt zu erklären. — So scheint es denn doch, dass der Autor ganz wohl weiss, dass es sich auch bei uns in den Tagen der Trauer in überzeugendster Weise dokumentiert hat, in wie weite Kreise unser Gedanke gedrungen ist, — die ein unendlich grösseres Gebiet, umsehliessen, als unsere Organisation einnimmt. — Und die Erkenntnis hiervon, die einzugestehen er sich scheut, hat jenen Artikel hervorgerufen. Was aber soll das überhaupt bedeuten, den Zionismus für jene Länder bedingt als berechtigt anzuerkennen? Ist der Zionismus wirklich, wie der Autor weiterhin nachzuweisen sucht, ein logisches Unding, innerlich unberechtigt, — ist seine Grundlage, ein jüdisches Volkstum,, eine Lüge, — wie kann er dann in anderen Ländern berechtigt sein? — Darnach scheint es also doch, als ob nicht innere Gründe den Autor vom Zionismus fernhalten, sondern als ob es die speziell deutschen Verhältnisse sind. Würde also etwa bei uns in Deutschland eine Ausnahmegesetzgebung eingeleitet, dann würde der Zionismus auch Herrn Geiger berechtigt erscheinen. Und so könnten wir ihm beinahe noch Dank wissen, dass er durch die Ausnahmegesetze, die er proponiert, uns die nach seiner Meinung noch fehlende rechtliche Grundlage geben will. Herr Professor Geiger legt Wert darauf, klarzustellen, dass er nur seiner persönlichen Meinung Ausdruck gibt, — ich glaube, andere werden auf diese Feststellung noch mehr Wert legen! Um so störender wirkt die Art und Weise des Verfassers, in der er sich als den Typus des deutschen Juden hinstellt, seine Kenntnisse und seine Denkweise zu verallgemeinern sucht. M a n versteht kein Hebräisch, — man verbindet mit seinen Gebeten keinen Sinn, — usf. — Man denkt unwillkürlich an den bekannten Aufsatz der kleinen Marta über die Babies: „wo die Babies herkommen, weiss man nicht." Seiner also ganz persönlichen Meinung Ausdruck verleihend, erklärt der Verfasser, unter der üblichen Anrufung Goethes, — des „Altmeisters Goethe", — nur vor der eigenen Türe kehren zu wollen. Ja, aber werter Herr Professor, d a s i s t j a g e r a d e d i e F r a g e, w e 1 (dies . d e n n d i e eigene Tür ist! Wir Zionisten Ixdraüpten, dass die grosse jüdische Frage aller Juden ureigenste Frage ist, — wir behaupten, dass wir nicht für irgend welche fremden Zwecke, nicht für unsere „unglücklichen östlichen Brüder", sondern für das jüdische Ganze, dessen Teil wir bilden, arbeiten. Es handelt sich nun eben darum, festzustellen,. ob wir damit Recht oder Unrecht haben, — ob es unsere eigene Tür ist, vor der wir kehren. Sie treten nun auf , künden pomphaft an, uns das Gegenteil zu beweisen und beginnen damit: Ich kann nicht Zionist sein, wei 1 das vor fremden Türen kehren heisst! — So wird die Schlussfolgerung in die Prämisse genommen und das ganze logische Gebäude auf den Kopf gestellt, — Das erinnert an die Geschichte von einem minderbegabten Knaben, der dock zur Barmizwah auch seine Drosche halten sollte. Um es ihm leicht zu machen, wählte man 'folgende Frage: Warum fasst man den Lulaw unten an, wo er dick ist, und nicht oben, wo er dünn ist? — Die Antwort sollte lauten: Der Lulaw sticht doch! — Als es aber so weit kam, lernte der Knabe: Warum fasst man den Lulaw unten an, wo er dick ist, und nicht oben, wo er doch sticht? — und es gab weiter keine Antwort! Herr Professor Geiger hat für die notleidenden Juden das gleiche Mitleid übrig, das er für deutsche Kinder und Frauen besitzt, die in einem amerikanischen Schiffe untergegangen sind. Da er vor einer Betätigung dieses Mitleides in dem eine/n, wie dem anderen Falle warnt, brauchen wir uns nicht darüber aufzuregen, dass er erst nach dem Untergang Interesse an den unglücklichen Landsleuten zu nehmen anfängt. Er ist gegen jede Hilfsaktion, da einmal oft nur Faule unterstützt und „wirkliches Elend vernichtet wird", — eine Wendung, deren Sinn mir nicht verständlich ist, — da aber ferner auch, — man höre, — Schulen, die errichtet werden, verbrannt, Lehrer, die man anstellt, massakriert werden können. Ich glaube nun zwar, dass man mit ähnlicher Argumentation dazu gelangen könnte, das Unternehmen jeden Dinges, sei es eine politische Unternehmung, oder die Veranstaltung einer Skatpartie, zu vereiteln, — man könnte weder eine Orgelsynagoge bauen, denn sie könnte aus Mängel an Besuchern eingehen, noch einen Genieindebibliothekar anstellen, denn er könnte sich taufen lassen, — aber andrerseits liegt in dem Gedanken, dass durch Wohltätigkeit und Vereinsmeierei den Juden nicht zu helfen ist, doch etwas sehr richtiges. Aber es mutet seltsam an, das gegen uns zu verwerten. Das ist es ja, was wir predigen. Ich vermute fast, der Herr Professor hat diese Kleinigkeit übersehen, sonst würde er unseren Spruch nicht zitiert haben. — So klingt es ganz gut zionistisch, wenn er fortfährt, dass jede Nation Bettung nur durch sich selbst erlangen kann, — sonst sei sie wert, zu gründe zu gehen. — Er spricht zwar nicht von einer Nation, sondern setzt dafür „jeder Bruchteil einer Nation"; was aber für den Teil gilt, muss gewiss