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Die Welt · 1905-03-17 · 11 (17.3.1905) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 11 slD>i* & Welt11 Seite 13 „Purim" — das war gerade ein Feiertag, wie Mendele sich's wünschte. Die jüdischen Feiertage im allgemeinen sind nicht wie die Feiertage anderer Leute bloss zum Vergnügen da. Die jüdischen Feiertage sind zu ernst, zu feierlich, zu herrisch. Bald muss den ganzen Tag gelltet werden, oftmals dazu noch gefastet; bald darf man dieses, bald jenes nicht essen, bald keinen Schritt machen, ohne das Gebot zu verletzen, mit einem Worte: die jüdischen Feiertage beeinträchtigen stets auf irgend eine Weise die^ Freiheit. Mendele aber war nicht von jenen, welche in ihrer Freiheit sich stören lassen oder welche irgend jemand um Erlaubnis, irgend etwas tun zu dürfen, fragen. Er war kühn und mutig und befand sich in einem fortwährenden Kampfe mit dein der Gemeinde gehörenden Bocke, welcher nach Mendeles tiefer Ueberzeugung kein anderer war als Gog- Magog selbst. Und obwohl jeder Feiertag, selbst der ärgste, seine guten Seiten hat, denn man bekommt dann doch etwas zu essen, wovon an Wochentagen nicht geträumt werden darf, so konnte dieser Umstand für Mendele keine grosse Bedeutung haben, denn die Geschäfte der Witwe Sara waren nicht derart, dass sie an Feiertagen etwas Besonderes hätte bieten können. ■Purim aber ist etwas ganz anderes, es ist —• ein richtiger Feiertag. Erstens darf man alles essen. Da gibt es keinen Zwang, kein Verbot; keine besondere Zeremonie: iss und trink so viel du willst. Zweitens ist es ein lustiger Feiertag, an dein das Lustigsein nicht bloss nicht verboten, sondern sogar befohlen wird. Ja, selbst wenn einer am Purim ein Gläschen zu viel getrunken hat, wird es ihm nicht als Sünde angerechnet. Ausserdem ist dieser Feiertag seines Ursprungs wegen von grosser Bedeutung, denn er ist königlichen Ursprungs und stammt in direkter Linie von der Königin Esther ab. lieber die Königin Esther aber hatte Mendele gar viel Schönes und Gutes gehört; er liebte und schätzte sie, und er bemühte sieh stets, sieh, vorzustellen, wie sie wohl aussehe und um was er sie bitten möchte;, wenn sie plötzlieh vor ihm stünde. In seinen Träumen spielten die Begegnungen mit der Königin Esther eine grosse Rolle, und wenn seine Phantasie erregt war, dann war er stets bemüht, seine geliebte Königin wiederzusehen. Jetzt steht er vor der Königin Esther. Ihr Haus ist aus eitel Gold, die Möbel alle ganz aus Brillanten, die Königin selbst erstrahlt wie die Sonne und trägt ein so herrliches, glänzendes Gewand. „Was möchtest du dir wünschen, Mendele?" fragt die Königin gnädig. Was er sich vor allem wünschen möchte, das wärq selbstverständlich, sich sattzuessen, und zwar mit solchem Kuchen, wie man ihm einmal bei Jd'sska — dem Reichen — gegeben hat. Sodann würde er die Königin bitten, dass sie den ganzen Vorrat an gekochten Bohnen, Erbsen und Leber für die königliche Tafel bei seiner Mutter einkaufen lassen solle, dann könnte seine Mutter bald eine reiche Frau werden. Noch besser aber wäre es, wenn er die Königin Esther bitten könnte, aus allen Juden ■— Generäle zu machen. Eine Königin vermag doch alles. Wenn alle finden aber Generäle wären, dann würde es keiner mehr wagen,' sie zu beschimpfen, und die Gassenjungen winden ihnen nicht mehr nachlaufen und ihnen Saujude!" nachrufen. Oho., sie sollen es nur wagen! Er würde sofort stehen bleiben, seinen blanken Säht1! ziehen und mit. Donnerstimme rufen: „Macht kehrt, ihr Gesindel! Mmarrseh! Seht ihr denn nicht, dass ich kein gewöhnlicher Mendele bin, sondern Mendele der General, mit Epauletten, einem Säbel und Pistolen?" — Das wäre wohl sehr schön. Besser aber wäre es noch, wenn er selbst — König wäre! Dann würde er jeden Tag gezuckerten Tee trinken und Bretzeln da;zn essen. Seinen Lehrer Zahnann würde er sofort ebenso tüchtig durchprügeln lassen, wie er (Mendele) vorn Lehrer so oft geprügelt worden ist. Seiner Mutter würde er ein ganzes Dutzend schöne Kleider machen lassen und. seiner ältesten Schwester würde er tausend Rubel Mitgift geben und sie an einen gelehrten Mann, der selbst "Rabbiner sein könnte, verheiraten. Mit einem Worte — alles wäre gut. Die Frage ist nur, wie er sich der Königin gegenüber zu benehmien hätte, sie ist ja doch — eine Königin. TJebrigens ist er auch ja nicht irgend einer, er ist — König. Er würde ihr sagen: „Ich bin der König und du die Königin, wir brauchen uns a]so njicht voreinander zu fürchten. Wenn du vielleicht Hunger hast, dann lass durch unsere Minister den Tisch decken und die schmackhaftesten Speisen aus dem ganzen Königreiche auftragen." Nun ist es aber die Erage, was eigentlich das schmackhafteste ist? Ein farzierter Hecht, besonders mit Mecrrettig, ist natürlich sehr schmackhaft, doch gebratenes, saftiges "Rindfleisch mit gerösteten Erdäpfeln ist auch nicht zu verachten, besonders wenn man in die Sauce Weissbrot eintunken kann. Man könnte auch dem „Zimess" (süsses Gemüse) den Vorrang vor dem Hecht und dem gebratenen Fleisch geben, besonders, wenn dazu Knödel oder der gefüllte Hals einer Gans serviert werden. Ilebrigens, wozu sich den Kopf zerbrechen; er wird seinen Ministem befehlen, alles, was vorhanden ist, aufzutragen, dann wird er schon sehen. Purim gefiel Mendele ausserdem noch deshalb, weil es der einzige Feiertag war, an dem er Geld, eine richtige hübsche Summe, verdienen konnte. Erstens versteht er vorzüglich .,Knarrena zu fabrizieren, für die er ein, zwei, drei, manchmal auch fünf Kopeken pro Stück bekommt. Zweitens trägt er seit zwei Jahren „Schlaoh-Monaus" aus, und das ist ein Verdienst, welcher ihm jedesmal zumindest fünfzig Kopeken einträgt. Purim war also, wie Sie wohl sehen, ein Feiertag, den. Mendele lieben musste. Purim hat zwar auch sein^ Schattenseite: man muss zuerst einen ganzen Tag fasten, bevor man seiner Freuden teilhaftig wird. Wo wäre jedoch die Rose zu finden, die keine Dornen hätte? Und wenn der Tag von „Esther-Toines" kam, dann ärgerte sieh Mendele nicht einmal über die Perspektive, einen ganzen Tag' nichts zu essen zu bekommen. Er war von früh an sehr in Anspruch genommen : er hatte zwei neue Bestellungen für Knarren bekommen, er musste seiner Mutter helfen, den für die „Harn an-Taschen" als Füllsel bestimmten Mohn, zu reiben, er musste jenen Herrschaften Besuche abstatten, denen er nach seiner Berechnung das „Schlaeh-Monaus" austragen würde, was die Hauptsache aber war: er musste heute noch mit einem Gassenjungen raufen, der ihm am Vorabend einen Schneebällen, nach Mendeles Ausdruck „eine Bombe", aufs rechte Ohr geschlendert hatte. Ausserdem fühlte er das Bedürfnis, auf „Gog- Magog", mit dem er beständig einen hartnäckigen Krieg führte, zu reiten. Den ganzen Morgen hatte Mendele mit seinen Knarren zu tun; er hatte seine Mutter mit dem. Lärm schon ganz betäubt, und er dachte gar nicht an das Essen. Als die Mutter ihm aber um die Mittagsstunde eine mit «angefeuchtetem Mohn gefüllte Schüssel gab und ihm befahl, den Mohn zu reiben, da kam Mendele der Gedanke in den Kopf, dass die „Haman-Taschen", zu deren

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