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Die Welt · 1905-03-17 · 11 (17.3.1905) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 „bie & weit" Nr. 11 Fülle dieser Mohn bestimmt ist, wahrscheinlich sehr schmackhaft sein werden. Er erinnerte sich dabei, wie schmackhaft die „Haman-Taschen" im vorigen Jaihre gewesen waren, das Wasser lief ihm im Miunde zusammen, und Mendele fühlte plötzlich, däss er hungrig sei. Memdele war gar nicht verwöhnt und er hatte, die Wahrheit gesagt, öfters schon Hunger gehabt. Doch jetzt machte das Bewusstsein, dass er nicht das Eecht habe, zu essen, ihm diesen Hunger besonders empfindlich und qualvoll. Es schien ihm, als wäre er nie im Leben so hungrig gewesen, wie jetzt, und als müsse er sterben, wenn er nicht bald ässe. Die schwarze Masse, welche durch das Eeiben weisslich geworden war, reizte seinen Geruchsdnn .unid sein Hunger wurde immer qualvoller und qualvoller. „Mama, ich bin fürchterlich hungrig!" rief er unwillkürlich aus. Sara, die jetzt, ganz unerwartet, gerade vor dem Feiertage von ihrer reichen Schwester fünfzehn Rubel bekommen hatte, war mit der Küche sehr beschäftigt und antwortete ihm gereizt: „Iss, wenn du willst. Wer verbietet es dir denn? Was hast du da Schönes erfunden? Welcher Esel ist denn am Festtage satt?" Mendele hatte ganz wohl verstanden, dass die Antwort seiner Mutter durchaus nicht als Erlaubnis, zu essen, zu betrachten sei, dennoch kam ihm plötzlich der Gedianke, es zu tun. Die Sünde? Natürlich war es eine Sünde, eine grosse sogar, dagegen würde er aber diesen qualvollen Hunger nicht mehr verspüren. Und Mendele kam nun zur Ueberzeugung, dass er unbedingt rücksichtslos essen würde, sobald sieh ihm die Gelegenheit dazu bieten sollte. Er benützte bald einen Augenblick, als seine Miutter den Teig bereitete und seine Schwester aus dem Zimmer getreten war, um eine Handvoll Mohn in den Mund zu stopfen und ihn dann ungekaut hinunterzuschlucken. Er hatte eine grosse, grosse Sünde begangen und dennoch war ihm nichts Besonderes passiert: er war nicht auf der Stelle gestorben, der Plafond war über ihm nicht eingestürzt, ja der Mohn war ihm nicht einmal im Halse stecken geblieben.. Es war also nicht gar so gefährlich, das Verbot des Fastens zu übertreten. Er hätte das Experiment gerne wiederholt, doch fand er es zir gef ährlich; die Mutter hätte es bemerken können. Mendele zog es vor, zwei Handvoll Mohn, ein Stückchen Brot, das in der Nähe lag, und zwei vom gestrigen Tage zurückgebliebene gekochte Erdäpfel in die Tasche zu stecken, dann ging er unter irgend einem Yorwande in den Hof hinaus, verkroch sich in einen Winkel und verzehrte das ganze. Er war zwar nicht gesättigt, hatte immerhin aber seinen Hunger ein wenig gestillt und fühlte sich nun frisch und stark genug, um sofort den Kampf mit Gog-Magog aufnehmen zu können. Er bewaffnete sich mit einer Knarre und zog ins Schlachtfeld hinaus. Gog-Magog, mit dem „die Kinder Israels" seit undenklichen Zeiten Krieg geführt haben und für den die Kinder der „Edomiten" sich eingesetzt haben1, war in Wirklichkeit ein friedliches, gutmütiges Geschöpf, das jedoch mit seinen Biesenhörnern einen schrecklich drohenden Eindruck machte. Gegenwärtig war Gog-Magog mit der friedlichsten Arbeit beschäftigt und dachte absolut nicht an irgend einen Krieg. Er ging ganz ruhig mit einem schrecklich nachdenklichen Gesicht auf dem Marktplatz '(es war Märkttag) von einem Wagen zum anderen1 und bemühte sich, wenn er etwas Sehmackhaftes fand, davon zu kosten. Bei einem Wagen mit Heu angelangt, dessen Besitzer, ein Bauer mit einem weissen Schafspelze, mit einer kurzen Pfeife im Munde, daneben stand und nachdenklich in die Ferne, wo die Schnapsbude von Schimerke stand, blickte, begann er ganz ruhig da® Heu zu fressen. Als Mendele auf den Platz gekommen und mit geübtem kriegerischem Blicke die Position überschaut hatte, da begriff er sofort, welcne Taktik er zu befolgen habe. Es wäre mit Rücksicht auf die Kräfte des Feindes, auf seine Bewaffnung und TJebung durchaus unvernünftig gewesen, ihn von vorne anzugreifen. Hier musste Schlauheit angewendet werden. So begann denn Mendele, sich ganz leise von rückwärts an den mit seinem Heu beschäftigten Gog-Magog heranzuschleichen, und ehe dieser Zeit gehabt hatte, sich umzuschauen, sass Miendele schon auf seinem Rücken, klapperte mit seiner Knarre und rief laut: „Hurrah, hurrah! Frohlocke, Israel, dein Feind ist besiegt! Von nun an wird er die an den Zäunen hängende Wäsche nicht mehr verderben, die gelben Rüben aus den Gemüsegärten nicht mehr stehlen und deine Kinder mit seinen Hörnern nicht mehr verletzen!" Der Eindruck war ungeheuer. Gog-Magog, welcher nichts derartiges erwartet hatte, begann verzweifelt seinen bärtigen Kopf zu schütteln, als wollte er gegen die ihn beleidigenden Beschuldigungen protestieren, er stampfte auf einem Platze herum und duckte sich zu Boden, natürlich um seinen Reiter abzuwerfen. Doch Mendele war nicht von jenen, mit denen man leicht fertig wird. Er hatte Gog-Magog mit einer Hand an den Hörnern gepackt und mit der anderen fuhr er fort, ohrenbetäubend zu knarren, mit den Füssen aber schlug er Gog-Magog in die Seiten und gab ihm damit zu verstehen, dass er durchaus nicht gewillt sei, sein Opfer so schnell loszulassen. Gog-Magog, welcher sich überzeugt hatte, dass jeder Kampf aussichtslos sei, fügte sich in sein Los und schob sich vorwärts. Unterdessen waren von allen Seiten in Geistalt verschiedener Jankels und Szuliks die „Söhne Israels" zusammengelaufen; sie erfüllten die Luft mit einem ohrenbetäubenden Siegesgeschrei und ernannten Mendele zu ihrem Hauptmann und beschlossen, an Ort und Stelle den ewigen Feinden, den Bdomitern, den Krieg zu erklären. Jene, ein ebenfalls sehr mutiges, rauflustiges Volk, welches sich in einem beständigen Kriege mit den Kindern Israels befand, liessen sich natürlich nicht überrumpeln. Ihr Anführer Jusik, der Sohn des Dorfältesten, war ein erfahrener Mann mit grossen strategischen Fähigkeiten. Er hatte sofort begriffen, dass die ganze Macht des Feindes im Bocke Hege und dass, solange es Mendele gelingen wird, sieh auf dem Bocke zu halten und ihn, wohin es ihm beliebt, zu lenken, sie, die Edomiter, nicht werden widerstehen können und von dem „jüdischen Heer" besiegt und aufgerieben sein werden. Und er befahl, unverzüglich einen Strick zu bringen. Der Strick war sofort zur Stelle. _____ Jusik teilte nun seine Armee in zwei Regimenter ein, er befahl ihnen, die Enden des Strickes zu fassen und dem Bocke den Weg zu versperren. Die Strategik dieses gewissermassen genialen Heerführers erwies sich als richtig. Wie Mendele sich auch bemühte, auf einer Seite auszuweichen, wie stark das Feuer auch sein mochte, das die jüdische Armee mit Schneeballen gegen ihre Feinde eröffnet hatte, die Edomiter blieben dennoch auf ihrer Position fest stehen; es gelang ihnen, den Strick um die Horner des Bockes zu werfen und umzuwickeln und Gog-Magog aufzuhalten. Es entstand dabei natürlich ein schreckliches Handgemenge, bei welchem beide Teile Wunder an Mut und Unerschrockenheit bewiesen. Nichtsdestoweniger blieb der endgültige Sieg dennoch auf Seiten der Edomiter und als Siegestrophäe Mendeles Knarre. (Schhiss folgt.)

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