Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 11 (17.3.1905)
- Date
- 1905-03-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 fibie # weit" Seite 7 arbeiten. Und das kann nicht geschehen durch gegenseitige Aussprache einmal des Jahres — auf dem Verbandstage, wo wir nur zweierlei tun können: einen Ueberblick geben über das Geleistete und Direktiven empfangen über das zu Leistende. Gemeinschaftlich arbeiten werden wir nur dann können, wenn wir in stetem, regelmässigem Verkehre miteinander bleiben, so dass wir gewissermassen einen einzigen Verein bilden* Dann werden wir uns gegenseitig fördern können, dann werden wir, was für uns junge Juden das Wesentliche ist, gemeinschaftlich lernen. Gut. Das ist schön gesagt. Daran zu zweifeln, ist zum mindesten überflüssig. Es hat keiner etwas dagegen, ' wenn er sich recht oft mit einem Verbandsgenossen aussprechen kann, je häufiger, desto lieber. Aber wie lässt sich ein derartiger Vorschlag realisieren? Auf das Wie kommt es an. Wenn wir daran gehen, dieses Wie zu bestimmen, haben wir zunächst zwei Fragen zu berücksichtigen: die der Möglichkeit und die der Form des Ausführung. Da halte ich es nun für das Zweckmässigste, wenn die im Verbände vereinigten Korporationen eine analoge Gliederung in Abteilungen (Arbeitssektionen) durchführen. Wenn ich mir einen Vorschlag gestatten darf, wäre jeder Verein derart organisiert, dass in ihm bestände : 1. eine Abteilung für Palästinakunde, 2. eine Abteilung für Literatur und bildende Kunst, 3. eine Abteilung für Musik, 4. eine Abteilung für jüdische Volkskunde und Volkspoesie (Volkslied), 5. eine Abteilung für Geschichte. 6. eine Abteilung für Behandlung nationaler Tagesfragen. *) Dass nun die Mittel, die uns zur Verfügung ständen, recht bescheiden wären oder sein werden, verhehle ich mir nicht und halte ich mir stets vor Augen; allein der Zionist ist nicht verwöhnt und weiss, dass jeder einzelne Ruderer um so wackerer die Arme rühren muss, je weniger Genossen den Kahn lenken. Nun — was für Mittel brauchen wir? Eine Frage der Arbeitskräfte besteht für uns nicht: Die Arbeitskräfte sind wir, die Mitglieder des Verbandes, als Mitglieder der einzelnen Abteilungen. In manchen Sektionen wird vielleicht wieder eine Gliederung in Fachgruppen angezeigt sein, notwendig wohl in der Abteilung für Literatur: Die Romanisten, Slawisten, Gemanisten usw. befassen sich (natürlich ohne dass eine pedantische Kastenabgrenzung herrschen darf) mit den Stoffen, die in ihr Fach fallen. Die Saktionen stehen miteinander in der Weise in Verbindung, dass die aufgeworfenen Fragen, aufgestellten Ansichten usw. öffentlich diskutiert werden. Für diesen Zweck ist ein Organ notwendig. Ein solches ist das einzig mögliche Verständigungsmittel, das, vom Verbände gegründet, sich durch sich selbst erhält. Vielleicht könnte man sich übrigens mit einem bereits bestehenden periodisch erscheinenden Blatte ins Einvernehmen setzen. Ausserdem hätten die Abteilungsgruppen durch je einen Referenten auf jedem Verbandstag eine Uebersicht über die von ihnen geleistete Arbeit zu geben. Am deutlichsten erkläre ich das Gesagte wohl, wenn ich an einem Beispiel zeige, wie eine Abteilungsgruppe zu arbeiten hätte. Ich wähle hierfür einen Plan für eine eventuelle Organisierung der Abteilung für Literatur, wobei ich mir natürlich bewusst bin, dass die anderen Abteilungsgruppen wohl eine andere Einrichtung, entsprechend der Aufgabe, die ihnen zukommen wird, fordern werden. Wenn zu den wichtigsten und unerlässlichsten Aufgaben unseres Gegenwartsprogrammes und unserer Aus- ' bildung die Beschäftigung mit der Literatur des jüdischen Volkes gezählt und als eine der Hauptstützen unseres Fortbestehens anerkannt wird, so neigt man nur allzu gerne dazu, gerade dem jüdischen Schrifttum keice Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Indem man sich damit zufrieden gibt, das als jüdisches Literaturprodukt anzusehen, was in hebräischer oder jüdischer Sprache geschrieben ist, liest man Ach ad-Ha am, Perez, Rosenfeld, Frug, Scholem Alechem — wenn man überhaupt etwas liest — man interessiert sich dafür, dass irgendwo im jüdischen Osten irgendwer ein jüdisches Drama verfasst hat, man lässt sich von einem Kongressreferate beiehren und von Mathias A eher begeistern, man ist stolz auf das, was man zu kennen dem überlässt, der Lust hat, sich auf bequeme oder beschwerliche Weise den Weg dorthin zu bahnen, wo eigentlich erst der Pulsschlag unseres nationalen Lebens zu spüren ist. *) Wo bleibt die nationale Sprache Hebräisch und deren Literatur? — Anm. d. Herausgebers. Ist schon die Ausbildung nach dieser Richtung hin äusserst mangelhaft, so dürfen wir uns weiter nicht verschweigen, dass, selbst wenn wir uns eine genaue Kenntnis des modernen ostjüdischen Geisteslebens angeeignet haben, das Thema „Jüdische Literatur* noch lange nicht erschöpft ist; auch dann noch nicht, wenn wir in der antiken Literatur zu Hause sein werden oder in der Poesie des jüdischen Mittelalters. Man darf nicht vergessen, dass zu einer Dichtung mehr gehört als Sprache; auch Geist und Gemüt zählen mit und in dieser oder jener Weise wirkender ästhetischer Sinn — sie gerade sind die Schaffenden, die Sprache ihr Stoff, dem sie die Form gaben, und Geist und Gemüt und ästhetischer Sinn bleiben sich als nationale Eigentümlichkeiten gleich. Darum umfasst die jüdische Nationalliteratur alles das, was je ein Jude geschrieben hat, im rauhen Norden oder im glühend-sinnlichen Süden, im kulturübertünchten Westen oder im heimischen Osten; darum müssen wir all dem unsre Aufmerksamkeit und liebevolle Arbeit zuwenden. Aber nicht so, wie es gegenwärtig mit unseren modernen Grössen des Westens geschieht; wie man Wassermann, Heijermans mit mehr Interesse liest als einen anderen deutsch oder niederländisch schreibenden Dichter: nein, wir müssen all die alten Literaturdenkmäler als unser Eigentum bezeichnen, wie wir auf das Grabmal eines lieben Toten ein Steinchen legen — wir müssen das jetzt tun, wo wir unsere Habe sorgfältig gegen die unserer ungastlichen Wirte abgrenzen und revidieren, da wir die grosse Heimreise antreten wollen ... Da dürfen wir nicht nur das, was wir in den Händen halten, mitnehmen und das ferner Liegende vernachlässigen. Wir müssen graben, zusammentragen, sichten, ordnen, abstrahieren, wir müssen zielbewusst und systematisch, rastlos arbeiten. Daran fehlt es eben: am System. Dass dieses auch auf unsere Beschäftigung mit der neujüdischen Literatur angewendet werden muss, wenn wir wirklich etwas lernen wollen, erwähne ich nur nebenbei, weil ich mich mit diesem Punkte vorderhand nicht ivl befassen haben werde, wenn auch die Arbeit in dieser Richtung in diesen Plan fällt. Dieser aber soll sich lediglich auf die nicht in hebräischer oder jüdischer Sprache abgefassten Dichtungen erstrecken. (Ich muss mir diese Beschränkung auferlegen, um durch Vorführung zu vieler Details nicht unnötige Verwirrung und Unklarheit zu schaffen.) Meine Erwägungen sprechen sich nun in dem Vorschlag aus, dass wir uns zusammentun, um alle uns erreichbaren Literaturdenkmale, die unsere Volksbrüder bei diesem oder jenem Volke hinterlassen haben, kennen zu lernen. Was haben wir da zu tun? 1. Wir müssen die Denkmale aufsuchen. Das geschieht an der Hand bestehender Berichte. Da nun aber für uns auch Erscheinungen von Interesse sein werden, die in der Literatur, aus welcher wir sie gewissermassen entwurzeln müssen, weniger, vielleicht gar keine Berücksichtigung finden, werden die allgemeinen Berichte (in den Literaturgeschichten u. s. w.) nicht ausreichen; wir werden also zum grössten Teil auf speziell jüdische Berichte (in Geschichtswerken, Lokalschriften u. dgL), die nicht immer allzu wertvoll sein werden, angewiesen sein, natürlich nicht ohne auf die fremden Literaturen, beziehungsweise auf den Zusammenhang innerhalb derselben, zurückgreifen zu müssen. Sind wir so weit gekommen, dass wir uns von den Denkmalen und ihren Verfassern irgendwelche — selbstredend die möglichst genaue — Kenntnis erworben haben, so betreten wir die zweite Stufe unserer Arbeit, nämlich: 2. Die der M i 11 e i lu n g oder W i e d e r g ab e des Erforschten. Das kann nicht in Form eines Vortrages vor einer Vereinsversammlung geschehen, vielmehr ist es notwendig, dass alle Verbandsmitglieder das Neugewonnene kennen lernen oder dass wenigstens denen, die ein Interesse daran haben, die Gelegenheit geboten wird, etwas davon zu erfahren. An diese Mitteilungen knüpfen sich dann: 3. Erklärungen an, und zwar: a) historische (biographische) und b) ästhetische. Parallel mit diesen Einzeldarstellungen gehen die Betrachtungen des Allgemeinen (Abstraktionen). Diese sind demnach, analog zu den Berichten über die einzelnen Denkmale oder über die einzelnen Persönlichkeiten unserer Literatur, beiläufig folgendermassen einzuteilen: a) Historisches. Ein Punkt, der wiederum auf zweifache Art behandelt werden kann, nämlich: a) Betrachtung nach Zeiträumen oder