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Die Welt · 1905-03-17 · 11 (17.3.1905) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 „bi* # Welt" Nr. 11 Natürlich scheiterten nun alle Versuche, einen Vergleich herbeizuführen. Ich beabsichtige, binnen 'kurzem auch die anderen Kolonien zu besuchen und Wierde Ihnen dann wieder einen Bericht zukommen lassen. Mit Zionsgruss Dr. A. Hoffman n. Aus Russland* Petersburg. Alle Merkmale sprechen dafür, dass die Reformen, welche in Russland geplant werden, selbst wenn sie gewissenhaft ausgeführt werden sollten, unseren Volksgenossen beinahe gar nichts verheissen. Wie gut unterrichtete russische Blätter melden, beabsichtigt man, den Juden nur „Almosen" hinzuwerfen, Rechte einzuräumen, welche nur Russland, ab8r nicht den Juden Vorteil bringen würden. So melden einige Petersburger Journale, dass die von der Regierung geplante Erweiterung des Wohnrayons der Juden in Russland sich lediglich darauf reduziere, dass man unseren Volksgenossen im Zarenreiche das Wohnrecht in Turkestan einzuräumen beschlossen habe. Man wird es der russischen Regierung gerne glauben, dass sie zur Hebung der Kulturzustände und der ökonomischen Lage des noch wilden Turkestan das Genie des jüdischen Volkes, wie sie es schon so oft getan, in Anspruch nehmen und ausbeuten möchte; dass aber die Juden in dem unwirtlichen Turkestan kaum imstande sein werden, sich eine gesicherte Heimstätte und eine Zukunft zu gründen, ist aus vielen bekannten Gründen mehr als begreiflich. Die „Nowosti" unterziehen denn auch den Plan der Regierung, den Juden bloss das Wohnrecht in Turkestan einzuräumen, einer scharfen Kritik. Dieses russische Blatt erklärt ganz offen, dass die russischen Juden nach Turkestan nicht gehen werden, weil es ihnen mehr Vorteil bietet, in Länder auszuwandern, wo ihnen alle anderen Freiheiten geboten werden. Für die Gestaltung der künftigen Geschicke unserer Volksgenossen in Russland ist das Turkestan-Projekt der russischen Regierung mehr als charakteristisch. Man sieht daraus deutlich, dass die Juden auf eine radikale Besserung ihrer Lage in Russland selbst keine Hoffnungen setzen dürfen. Wie wir aus den nachstehenden Berichten ersehen werden, nimmt die alte Hetze gegen die Juden ihren Fortgang und die Verfolgung unserer Volksgenossen in Russland bewegt sich im alten Geleise. Petersburg. Das nationalrussische Blatt „Slowo" druckt folgende Zuschrift aus Koslow ab: „Ich halte es für meine Pflicht, zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, das3 die Unruhen in Petersburg ihre Wirkung auf alle Schickten der Gesellschaft nicht verfehlt haben. Geschäftshalber besuche ich viele Gouvernements und habe mit allen Ständen zu tun. Und ich muss sagen: es bereiten sich allerorts Exzesse gegen die Juden vor. Das Volk behauptet überall, dass die Unruhen von den Juden für japanisches Geld veranstaltet wurden. Noch vor dem Ausbruch der Unruhen in Petersburg hatten die Bauern von Koslow erklärt, dass die Juden die Arbeiter in Petersburg aufwiegeln." Smolensk. Die Agitation gegen die Juden, von welcher das Blatt „Slowo" berichtet, hat denn auch einen beunruhigenden Charakter angenommen. In allen Städten in Süd- und Nordwest-Russland werden Proklamationen verbreitet, in denen zu Exzessen gegen die Juden aufgefordert wird. Wie der „Dnjeprowskij Wjestnik" meldet, wurden in Smolensk Aufrufe verteilt, welche alle Vorgänge in Russland den Intrigen der Juden zuschreiben undmit dem Rufe enden: „Schlaget die Juden tot!* Die Panik unter den Juden ist gross. Simferopol. Wie der „Kryinskij Wjestnik" meldet, hat der christliche Gemeinderat Duwon in der letzten Sitzung der Duma folgende Erklärung abgegeben : „In den Strassen unserer Stadt werden Proklamationen verbreitet, in denen die Juden als Feinde Russlands hingestellt und die Russen zur Ausrottung dieser angeblichen Feinde aufgefordert werden. Der Gemeinderat darf derartige Erscheinungen nicht ignorieren. Er muss seine Entrüstung gegen die Entfesselung des Rassenhasses ausdrücken und den Gouverneur auffordern, Mittel zur Verhütung von Exzessen gegen die Juden zu ergreifen." Die Duma gab dieser Aufforderung Folge und der Bürgermeister begab sich zum Gouverceuer Grafen M u r a w i e w, um ihm den Beschluss der Duma mitzuteilen. Der Gouverneur versprach, die energirehesten Massnahmen zu ergreifen. Kischenew. Wie der „Regierungsböte* meldet, musste die Behörde von Kischenew am 4. und 5. März umfassende Vorkehrungen zur Aufrechthaltung der Ordnung treffen, weil für diese Tage Exzesse gegen die Juden angekündigt waren. Im Teehause „Ordagon* wurden auch zahlreiche Personen verhaftet, bei denen Revolver und scharfgeschliffene Messer gefunden wurden* Soldatenabteilungen durchziehen jetzt bei Tag und bei Nacht die Stadt. Die Panik unter den Juden ist gross. Bobrujsk (Gouvernement Minsk), Die russischen Blätter publizierten in den jüngsten Tagen Berichte über krasse Fälle von Judenmisshandlungen durch Bauern und Polizeibeamte, welche in ihrer Grausamkeit und Brutalität vereinzelt dastehen dürften. Ueber einen derartigen Fall beispielloser Unmenschlichkeit berichtet das russische Blatt „Russkoje Slowo" folgende Details: „Der jüdische Einwohner von Bobrujsk mit Namen Isserson kehrte neulich aus einem Dorfe in die Stadt zurück. An der Peripherie der Stadt holte ihn ein Fahrzeug mit angetrunkenen Bauern ein. „Den Kerl muss man totprügeln", sagte einer der Betrunkenen. Man ergriff ihn, legte ihn ins Fuhrwerk, setzte sich auf ihn und brachte ihn so ins Dorf Dj^dino. Hier wurde er eingesperrt und bald darauf mit Stöcken und Eisenstäben so lange geschlagen, bis er das Bewusstsein verlor. Der Dorfälteste leitete die Exekution. Einer von den Bauern, welche sich an dieser schrecklichen Tat beteiligt hatten, schwang ein Beil vor den Augen Issersons und rief: „So muss man mit euch Demokraten verfahren!* Die ^anderen rieten, den Juden zu töten. Am nächsten Tage wurde Isseron an die Schweife zweier Gäule gebunden und auf diese Weise ins Dorf Gorbazewitschi zum Polizeivorsteher (Stanowoi) gejagt. Er kam dort schrecklich zugerichtet an und atmete kaum. Der Polizeivorsteher entriss den Unglücklichen den Händen der vertierten Bauern und sendete ihn nach Bobrujsk. Sein Zustand ist hoffnungslos. Eine Untersuchung wurde eingeleitet." Rowno. Die „Nowosti* melden aus Rowno, dass die jüdischen Schülerinnen des Mädchengymnasiums in Rowno Ende Februar aufgehört haben, das Gymnasium zu besuchen. Die Urache davon ist die empörende Behandlung der Judenkinder durch die Gymnasialbehörde. Systematisch und ohne Rücksicht wurden die jüdischen Schülerinnen bei jedem Anlasse verfolgt,"verhöhnt und sogar misshandelt. Jüngst hat die Gymnasialkonterenz beschlossen, die Beschwerde der jüdischen Schülerinnen über die ihnen von einer Lehrerin zugefügte schwere Beleidigung zurückzuweisen. Dieser Entschluss sanktionierte das antisemitische Regime in der Schule endgültig. Die Jüdinnen zogen es vor, das Gymnasium nicht mehr zu besuchen. Bemerkt muss noch werden, dass das Gymnasium zu Rowno seinerzeit auf Kosten der dortigen jüdischen Gemeinde errichtetwurde. Warschau. Der bekannte Jargonschriftsteller Perez ist vor wenigen Tagen verhaftet worden. Er rief eine Versammlung von jüdischen Schriftstellern zur Beurteilung der Lage der jüdischen Presse ein und die Versammlung soll unangemeldet gewesen sein. Am zweiten Tage wurde Perez enthaftet. Moskau. Der jüdische Tempel in Moskau, welcher von dem verstorbenen Grossfürsten Sergius vor ungefähr vierzehn Jahren gesperrt wurde, ist vor wenigen Tagen wieder eröffoet und eingeweiht worden. Es fand ein feierlicher Gottesdienst statt, dem fast alle Juden von Moskau andächtig beiwohnten. , Gt. Zum zweiten Verbandstag der zionistischen Studentenkorporationen Oesterreichs. Der Tag, der im Juni des verflossenen Studienjahres die meisten jüdischen Studentenkorporationen Oesterreichs in Wien vereinigte, soll in diesem Frühjahre wiederum zusammentreten, um, seiner verantwortungsvollen Aufgabe entsprechend, zu den wichtigsten Fragen der zionistischen Arbeit in Wort und Tat Stellung zu nehmen. Im Vorjahre ward die Parole ausgegeben: „Gemeinsame Arbeit, gegenseitige Unterstützung und Förderung!a Und in der Tat ist manches Wertvolle durch die Gründung des Verbandes erreicht worden. Das wissen wir Hochschüler alle; das wird niemand bestreiten — es ist dadurch zur Genüge erklärt, dass wir das Band, das wir uns hoffnungsfreudig geflochten, erhalten wollen. Allein wir müssen vom Verbände mehr verlangen, als er bis heute, da wir uns zur zweiten wichtigen Zusammenkunft rüsten, geleistet hat; wir müssen mehr verlangen als Verkehr untereinander. Wir müssen miteinander

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