Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 11 (17.3.1905)
- Date
- 1905-03-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „b\t & Welt11 Nr. 11 Phantasten können glauben, dass mit einem Charter in der Hand sie sofort Millionen von Menschen einschiffen und in die neuen Länder überführen werden. Eine Massenkolonisation kann man nicht künstlich schaffen: man muss das Territorium so vorbereiten, dass es natürlich die Massen von Immigranten »anzieht, wie sie jetzt Amerika anzieht. Warum fahren so viele arme Leute nach Amerika? Weil in Amerika eine grosse Nachfrage nach Arbeitshänden vorhanden ist. Diese Nachfrage nach Arbeitern existiert nur in industriell entwickelten Ländern. Folglich muss man vor allem das Land für die industrielle Entwicklung vorbereiten, d. i. man muss das Land industrialisieren." Auf Grund solcher Erwägungen, die allen Ergehnissen der politischen Oekonoanie zuwiderlaufen, kommt man zum Schlüsse, in Palästina, wie in jedem anderen unkultivierten Lande sei für lange Zeit nur IQeinkolonisation möglich. Wirklieh wunderbar! Also: um Grosskolonisation betreiben zu können, muss man vorher das Land industrialisieren. Aber um ein Land zu industrialisieren, muss man vorher viel Mensehenmaterial und grosse Kapitalien im selben Lande haben. „Warum fahren so viele Leute nach Amerika?" Einfach darum, weil in Amerika so viele Millionen Menschen mit ihren mannigfaltigen Bedürfnissen und dabei so viele Milliarden Dollars vorhanden sind. Tatsächlich begann Amerika sich zu industrialisieren erst nachdem es viele Millionen Menschen und mehrere Milliarden Dollars schon besass. Wir bleiben also in einem Circulus vitiosus stecken. Grosskolonisation setzt Industrialisierung des Landes voraus, Industrieentwicklung aber hat Uebersehuss an Mensehenmaterial und Kapital zur Vorbedingung. Mit der kleinen Kolonisation unserer alten und neuen Chowewe-Zionisten kann man nie ein Land industrialisieren. Tatsächlich liegt die Lösung amderswo. Herr Soskin2) hat schon darauf hingewiesen, dass es im wesentlichen sich um den Gegensatz zwischen systemloser und systematischer Kolonisation handelt. Damit eine Grosskolonisation möglich sei, muss man nicht das Land vorher industrialisieren, was ein reiner Nonsens ist, sondern die Kolonisation systematisch einleiten. Jedenfalls meint Herr Soskin,3) dass „bislang noch kein einziger Versuch einer G ross kolonisation, die sich im landläufigen Sinne mit dem Begriffe S c h n e 11 kolonisation decken mag, seitens europäischer Völker zu einem glücklichen Gelingen gediehen ist". Wir müssen aber bemerken, dass die künftige jüdische Kolonisation überhaupt kein Analogon in der Geschichte hat, dass es sich bei uns eben um eine ethische Kolonisation handelt, die von ganz anderen Faktoren bedingt ist. Wo es sich einigermassen um ungefähr gleiche Auswanderungsmotive der Kolonisation handelte, dort ist tatsächlich die Grosskolonisation gelungen. Ein russischer Zionist hat schon darauf hingewiesen, dass nach Liberia (Afrika) in 10 Jahren 2 Millionen Neger, nach Neu-Seehrnd. (Australien) 750 000 in 60 Jahren, nach Australien in 100 Jahren ganze 4 Millionen Menschen einwanderten. So war es auch mit der Burenimmigration nach Süd- Afrika. Wenn aber unsere genialen Rechenkünstler kommen und uns zeigen, dass man, da die Einrichtung eines Kolonisten 5000 Franken kostet, für die Etablierung einer Million Kolonisten 5 Milliarden Franken werde ausgeben müssen, so muss man wirklich den Kopf schütteln. Diese Leute vergessen das Sprichwort: Wo zwei essen, kann ein dritter Platz bekommen. Wenn wir im ersten Jahre nach Beginn 2) Dr. Soskin: Gross- und Kleinkol onisation, „Afaeiuland", I. Jahrg. Nr. 5 u. 6. 3) Idem: „Jüdische Rundschau ' Nr. 8, S. 83. der Kolonisation mit einem bestimmten Kapital x 5000 Ansiedler einrichten können, so werden wir mit demselben Kapital im nächsten Jahre schon 6000 Ansiedler einrichten können. Die Verminderung der Ansiedlungskosten steigt progressiv mit der Vermehrung der Zahl der im neuen Lande schon -vorhandenen Kolonisten. Wenn wir sogar nur die privatwirtschaftliche Kolonisation in Betracht ziehen, so ist ja klar, dass 5000 Ackerbauer imstande sind, eine ganze Reihe von Handwerkern, Händlern und intellektuellen Arbeitern zu ernähren. Je mehr Leute im Kolonisationsgebiete vorhanden sind, desto schneller kann sich die Industrie entwickeln, desto billiger können sich neue Elemente einrichten, desto grosszügiger wind die Kolonisation. Man muss also aufhören, immer dieselbe Litanei von der Unmöglichkeit einer baldigen Grosskolonisation, zu widerholen: nichts, aber absolut nichts spricht gegen ihre Möglichkeit. Will der Zionismus tatsächlich die jüdische Frage integral lösen, so wird er eben »die Kolonisation im grossen betreiben müssen, sonst wird er zu Philanthropie oder Snobismus. Und nun, was für ein Land btaudht der Zionismus? Wir stellen jetzt die Frage, ohne darauf einzugehen, ob ein Volk nach Gutdünken sein Vaterland wählen kann. Davon später. In seinem Briefe an Sir Francis Montefiore formulierte Dr. Herzl die Antwort auf Ididse Frage folgendermassen (wir zitieren nach einer russischen Uebersetzung) : 1. Das Land muss gross genug sein für die Einwanderung grosser Massen, damit die Uebersiediung die Judennot in den östlichen Ländern vermindern kann. Das war in bezug auf Uganda gesagt. In bezug auf den Zionismus muss diese Bedingung so formuliert werden: Das Land muss gross genug sein, um das jüdische Volk aufnehmen zu können; es muss der Ausdehnung, den klimatischen Verhältnissen und der geographischen Lage nach die ganze Masse des jüdischen Volkes aufnehmen können. 2. Das Land nmss für ein Volk, die Kolonisation eines Volkes, wie das unsrige, passen, d. i. es muss die Möglichkeit der physischen Anpassung bieten. 3. Die Konzession muss uns solche autonome Rechte gewähren, die den jüdischen Charakter der Kolonisation vollständig sichern können; jedenfalls muss die Möglichkeit der Entwicklung einer autonomen jüdischen Kultur nicht bloss durch äussere, sondern auch durch innere, respektive objektive Faktoren garantiert sein. 4. Schliesslich — das ist auch das wichtigste — muss das Interesse unseres Volkes an der ganzen Sache so gross sein, dass die Juden alle grossen Schwierigkeiten, die bei der Regulierung der jüdischen Kolonisation sich ergeben werden, leicht ertragen könnten. Noch mehr: Das Land muss eine spezielle Anziehungskraft besitzen, nicht bloss für die Aermsten des Volkes, sondern für alle Elemente; im entgegengesetzten Falle würde die Auswanderung aus der Diaspora aufhören, sobald die Not der jüdischen Masse — sei es durch die Verbesserung der allgemeinen sozialen Lebensbedingungen, sei es durch die Rarefizierung des jüdischen Ghetto — aus der Welt geschafft wäre. Nach diesen Erklärungen kehren wir jetzt zu unserem Plauptthema zurück. Betrachten wir vor allem die von den Territorialisten vorgeschlagene Lösung. Faktisch ist der Territorialismus auf Uganda angewiesen, denn Territorium her, Territorium hin — leere Worte, ohne jeglichen Inhalt, weil vorläufig gar kein anderes Territorium als Uganda existiert. Oder will man aus der Tatsache, dass die „Ica" neue Ländereien in Argentinien angekauft hat, den Schluss ziehen, man könne das jüdische autonome Gemeinwesen in Südamerika beigründen? Wir können kaum daran denken, dass jemand im Ernst es für möglieh hält, dass in einem Lande mit einer fortgeisehrit-