Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 11 (17.3.1905)
- Date
- 1905-03-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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"Was bezweckt der Zionismus und welches Land braucht er zur Erfüllung seiner Ziele? Es mag fast komisch klingen, dass man jetzt die Frage aufstellen kann, was der Zionismus bezweckt. Und trotzdem ist die Frage keine miissige. Im vorigen Artikel haben wir die Meinung der Achad-Haamisten angedeutet, wonach der Zionismus die Judenfrage nicht lösen kann. Wir müssen bemerken, dass diese Meinung leider, besonders unter den jüngsten zionistischen Elementen, ziemlich grosse Verbreitung gefunden hat. Eben deshalb steht uns die sozial fühlende und denkende Jugend ziemlich fern. Behaupten es doch richtige Zionisten! Herr Klausner1) versteigt sieh sogar zur Erklärung, „das Versprechen der politischen und ökonomischen Zionisten, die Frage der J udennot zu lösen, sei eine konventionelle Lüge". „Die Lage der jüdischen Masse," meint er, „wird sich an Ortundv Stelle verbessern, dank der Emanzipation der Juden. Der Zionismus kann nicht die „ökonomische Frage der jüdischen M'assen", sondern muss die „nationale ökonomische Frage des Judentums" lösen." Der Sinn dieser auf den ersten Blick widerspruchsvollen Definition, wenn sie überhaupt einen Sinn hat, ist folgender: Der Zionismus kann einen autonomen Staat für alle 12 Millionen Juden nicht begründen, sondern nur für einen kleinen Teil unseres Volkes. Die grosse Masse bleibt in der Diaspora, aber einige Zehn- oder vielleicht Hunderttausende Auserwählte sollen einen jüdischen Staat mit gesunder, normaler Differenzierung der ökonomischen Funktionen und echter national jüdischer Kultur begründen!. Wäre sogar so etwas möglich, könnten wirklich kleine Gruppen ökonomische Fragen in nationalem Sinne lösen, 1) Luach Achksaf Bd. XII, S. 148. A. Pass. könnten sich auch dann für einen solchen Zionismus nur Intellektuelle oder höchstens einige edelgesinnte Balabatim erwärmen, und dann muss er entarten. Der lebensfähige Zionismus steht und fällt mit dem Massencharakter seiner Ziele. 'Entweder-oder: entweder will der Zionismus die jüdische Frage in ihrem ganzen Umfange lösen, d. i. auch die ökonomische Frage der jüdischen Massen, dann wird er allmählich das ganze jüdische Volk für sich gewinnen, oder aber er will einer auserwählten Minorität die Glückseligkeit verschaffen, dann entartet er in eine Ideologenbewegimg. Nun ist ja jedem denkenden Menschen klar, dass es die reinste Phantasie ist, zu glauben, eine kleine Gruppe könne dauernd Nationales auf irgendwelchem Gebiete schaffen. Darüber wollen wir aber hier nicht 'diskutieren. Wir müssen also auf die Grundlagen des Zionismus zurückgreifen und uns erinnern, dass der Zionismus die Schaffung einer Heimstätte für das jüdische Volk erstrebt. Wer das Wesen des Zionismus vollauf begreifen will, darf nie die Erklärungen Herzls vergessen, die er am fünften Kongress abgegeben hat, als ein Bedner das Baseler Programm einschränken wollte, und zwar auf „die Mehrheit der Juden". Da erklärte unser Führer unter lebhaftem Beifalle des ganzen Kongresses, der Zionismus erstrebe die Schaffung eines gesicherten Heims nicht für die Mehrheit der Juden, sondern für das jüdische Volk schlechterdings. Damit ist auch gesagt, dass der Zionismus gar nicht anders gedacht werden kann denn als eine Massenbewegung, die alle Bedürfnisse derselben Masse befriedigen muss. Gerade seit dem VI. Kongresse begann auch die Verdunkelung der zionistischen Grundbegriffe, die nicht bloss von den Kulturzionisten ausgeht. Gerade seit dem VL Kongresse begannen auch die reinen Zione-Zionisten immer darauf hinzuweisen, dass eine Kolonisation eines wenig kultivierten Landes, wie Palästina zum Beispiel, überhaupt nur im kleinen, d. i. ganz allmählich geschehen kann, dass eine massenhafte Kolonisation ganz unmöglich ist. Damit ist ja gesagt, dass eine solche Kolonisation der Judennot nicht abhelfen kann. So schreiben z. B. die Odessaer Zione-Zionisten: „Ein leeres Territorium kann nicht plötzlich bevölkert werden. Nur