Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 10 „bj^ $ Märchen nach dem „Glos robotniczy" auffängt, um dem allpolnischen von Juden am meisteD unterstützten und gelesenen „Slowo Polßkie" ein Schnippchen zu schlagen, weil einer seiner Redakteure zugleich Redakteur der „Ojczyzaa" ist, meint, das „Slowo Polskie" habe diese Begründung der Petersburger Ereignisse seinen Lesern verschwiegen, aus Furcht vor den jüdischen Abonennten. O wie naiv! So wenig allpolnisch und so sehr ailjüdisch ist die jüdische Intelligenz in Galizien noch lange nicht, dass sie der antisemitischen allpolnischen Presse Furcht einflössen könnte! In der hebräischen Presse ist in den letzten Wochen die Anregung gegeben worden, die jüdischen Gemeinden in Russland mögen in Anbetracht der voraussichtlichen Umgestaltung der Verhältnisse ihre Forderungen als Juden an die Regierung formulieren. Tatsächlich haben bereits einige Gemeinden ihre Forderungen durch Adressen an den Präsidenten des Ministerkomitees W i 11 e zum Ausdrucke gebracht. So die Gemeinde in Riga und eine stattliche jüdische Versammlung in Jekaterinoslaw. Ueber diese Versammlung berichtet man den hebräischen Blättern wie folgt: Die Versammlung wurde von dem Zentralkomitee der rIcau behufs Gründung eines Nachweisbureaus einberufen. Aber die Verhandlungen wurden von den 200 Anwesenden auf die brennenden Tagesfragen hingelenkt und so wurde nach einer glänze den Rede M. M. Ussischkins, in der er die Unhaltbarkeit unserer jüdischen Politik in so wichtigen historischen Momenten beleuchtete, eine von Ussischkin vorgeschlagene Resolution angenommen, die dem Präsidenten des Ministerkomitees telegraphisch mitgeteilt wurde. Die Erklärung lautet : „Die Vertreter der jüdischen Gemeinde in Jekaterinoslaw finden in Anbetracht der fcschweren und anormalen Lage der Juden in Russland, dass ihr Aufenthalt seit Generationen und ihre Teilnahme an allen bürgerlichen Pflichten, ihnen das moralische Recht gebe, vollständige politische und bürgerliche Gleichberechtigung zu fordern, und sie ersuchen Se. Exzellenz, dem Ministerkomitee diese Bitte um Gleichstellung der Juden mit allen Bürgern des Reiches zu unterbreiten." Der Meldung der hebräischen Blätter gegenüber, dass die Gemeindevertretungen betreffs solcher Adressen beraten, erlässt die „Hazefirah" in einem Leitartikel von S—n ungefähr folgenden Mahnruf: Man hätte es schon oft erlebt, dass unberufene Fürsprecher im Namen des Volkes, von dem sie nicht bevollmächtigt waren, Forderungen aufstellten. Dieser Zustand sei nichts weniger als normal. Das jüdische Volk sei mündig genug, um selbst über seine Zukunft zu entscheiden. Wenn wir gesunde, normale Zustände anstreben, müssen wir die unberufenen Vertreter unschädlich machen, den Staub des „Goluth" abschütteln und mit der alten Einrichtung aufräumen, nach welcher wenige reiche Leute, weil zufällig zur Verwaltung der Gemeinde gewählt, über das Los des Volkes entscheiden. Das demokratische Prinzip fordert, dass das Volk selbst befragt werde. Es seien, mit Erlaubnis der Behörden, Versammlungen einzuberufen, Enqueten zu veranstalten, damit die wichtigsten Lebensfragen erörtert und von wirklichen Vertretern des Volkes an zuständiger Stelle vorgetragen werden. Im Jännerhefte des „Haschiloah" bespricht M. Kleinmann in einem : „Ueber den Frühling" überschriebenen Artikel (He Beziehungen der Juden zur gegenwärtigen Bewegung in Russland. Wie sehr er es erfreulich finde, dass die Juden, die ja am meisten Grund zur Unzufriedenheit haben, einer Aenderung sehnsüchtig entgegensehen, müsse dagegen Verwahrung eingelegt werden, dass man sich von dieser Bewegung für unsere nationale Zukunft all zugrosse Versprechungen mache. Wir können und dürfen, ja wir müssen Bürgerrechte verlangen, die uns ja zukommen, weil wir getreu unsere Bürgerpflichten erfüllen. Aber eine vollständige nationale Gleichwertung werden wir nie erlangen, da diese ganz unmöglich sei. Kleinmann weist auf die Freiheitsbewegungen in den westlichen Ländern hin, in denen die Juden hervorragenden Anteil genommen und von denen sie erhofft haben, dass sie jeden Unterschied zwischen „Jude44 und „Bürger* aus der Welt schaffen würden. Nun aber haben die westlichen Juden traurige Erfahrungen gemacht und sind längst zum Bewusstsein gekommen, dass sie zum historischen Judentum zurückkehren müssen, zur Geschichte, deren Entwicklungsfaden nicht durch die neuzeitlichen Bewegungen abgerissen wurde. Aber jene westlichen Juden hatten zur Zeit ihres „Frühlings*4 keine nationale Renaissancebewegung, keine nationale Organisation und Tribüne, wie wir sie heute besitzen. Und wir, im Osten, dürfen im Rausche der Be¬ Welt" Seite 13 geisterung nicht denselben Fehler begehen, den unsere westlichen Brüder begangen haben. Die Nationaljuden und Zionisten dürfen nicht alle ihre Hoffnungen auf die erwarteten Aenderungen setzen; sie müssen vielmehr dem Volke über sein wahres Verhältnis zu den Wirtsvölkern Aufklärungen geben, dass wir nämlich Rennte fordern müssen, solange wir Pflichten haben und erfüllen, dass wir aber auch in konstitutionellen Staaten nicht aufgehört haben, im „Goluth" zu sein, aus dem wir uns befreien wollen. Der „Jüdische Arbeiter" schiiesst in der soeben erschienenen zweiten Nnrnmer seinen Artikel: „Ein Kommentar zum Zionismus", über den wir an dieser Stelle referierten. Aus dem Schlüsse des Artikels geht hervor, dass der Autor nicht gegen Uganda, sondern bloss gegen jenen „Territorialismus" kämpft, der Palästina ausgeschieden wissen will. Uganda dagegen sei nicht zu verwerfen, solange es tausende heimatlose Emigranten gibt, die sich nach allen Richtungen zerstreuen. Aber die Kolonisierung Ugandas dürfe nicht von der zionistischen Organisation als solcher noch mit zionistischen Mitteln durchgeführt werden. H e b r ä u s. Feuilleton. Ein zionistisches Theaterstück. Kür das Wiener 'liaiiniindtheater war eine Premiere, aiigesagt, deren vorlaufende luddamenotizen zusammen länger waren als schliesslich die vier Akte. Zu allem Feberfhiss hatte die Zensur zornig den Roistift gehraucht und auf der Aula der Universität erzählten einander die Füchse freudig von bevorstehenden Demonstrationen. All der Lärm, weil die Juden frage über die Bretter gehen sollte. Da. blieb natürlich nichts 'übrig", als sieb eine Traniwav zu satteln und den "Rummel zu betrachten. Richtig meldete ein Plakat an der Kasse, dass die billigen Sitze alle ausverkauft wären: die billigen — denn die Leute, welche für ihre Gesinnung demonstrieren gehen, sind Idealisten, und Idealisten haben kein (leid. Das .AVogen des Volkshaufons" auf der Galerie hatte aber durchaus keinen stürmischen Charakter. Denn Franz Adamus, d. i. der gestrenge Herr Gymnasialprofessor Bronner in der Zirkusgasse in der Wiener Leopoldstadt; hat die tragischen Konflikte in seinem ..Schmelz der X~ibelungo" nie bis zu Ende kommen lassen. Jede von den Parteien im Zuschauerräume, welche bereit sind. Theater im Theater zu machen, bekommt jeden "Moment ein Zuckerl in den Mund gesteckt. Ls ist nur eine Zeugenein vernähme über die Jwlcnfrago und der Vorsitzende - Autor begnügte sich, mit dem Spruche als Resümee: „Ich soll leben, du sollst leben, wir alle sollen leben und gesund sein/' Es ist ein Studentonsiück; aber der Autor bat seine Studentenobjokto, die Leopoldsfädtor Gymnasiasten, einfach zu Ilochschülern pronm-viert und wenn dir1 Figuren ihre Programme loslassen, so ist die Nachsicht der -politischen Reifeprüfung stark zu merken. Die Gesinnungen offenbaren sich wie die Launen einer Dame; sie sind da. aber Gründe sind keine zu finden. Bloss eine Gestalt erhebt sich über diesen Kreis beschränkter Geister, mvd zwar ganz gegen den AVillen des Autors. Es isl dies der Zionist jur. Isidor Perlsam — Isidor ,.Llieser Perlsam". wie er sieh einem Deutsch nationalen vorstelll. Im ersten Akte wird angedeutet, es sei leicht. Zionist zu sein, wenn man so ausschaue und sieh so benehme wie er: man winde dabei die peinliche Erwartung nicht los, es werde kraft der Gewalt -des Autors irgend eine unglückliche Figur auftreten mul Gespött für sich und seine Gesinnung hervorrufen. Aber siehe da! Der anerkannt tüchtige Schauspieler, des Paimumltiieaiers Hemma übernahm die Rolle, und da er ein Arier ist. kamen ihm die Aemsorungen in seinem Part logisch und richtig vor — und so entfaltete er seine Kunst, indem er die Feb-ertreibungeii dämpfte und an den moralischen Kra ftstellen