Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „bie # weil" Nr. 10 und Bedeutung aus seinen Schriften und Taten heraus im Zusammenhange zu erklären, liegen uns vor. Dr. Ehrenpreis unterzieht sich in einem gelungenen Essay der Mühe, aus Herzls Schriften, auch den allgemeinen, nicht jüdischen, ein Bild von jenen Eigenschaften zu konstruieren, die Herzlnotwendigerweise zu einem Führer — er nennt ihn mit mehr Recht E r z i e h e r — seines Volkes gemacht haben. Herzl war unser Erzieher weniger durch das. was er v o 1 ] b r a c h t, als durch das, was er war. Er war nämlich „der erste Fraiheitsjude seit Jahrtausender, dem kein Stäubchen vom Golus anhaftete". Als Schriftsteller und Künstler besass er in hohem Masse „das Gefühl der Solidarität mit aller Kreatur", wie er sich in einem Feuilleton einmal ausgedrückt; dieses Gefühl des Mitleids mit den Schwachen und CJnglücklichen zieht sich wie ein roter Faden durch seine zahlreichen Feuilletons. Dieses Gefühl, das ihn auch beseelte, als er zu seinen leidenden Brüdern zurückkehrte, gepaart mit einem unschuldsvollen reinen Glauben an das Gelingen des grossen Werkes, machten ihn zu einem Künstler des Lebens in höherem, moralischem Sinne. An der Hand von zahlreichen Zitaten aus einzelnen Feuilletons, die jüngst in zwei Bänden erschienen sind, aus „Palais Bourbon", „Solon in Lydien", „Judenstaat*, den Artikeln in der „Welt" und den Kongressreden weist Ehrenpreis nach, welche Harmonie in dieser grossen Seele herrschte und welche erzieherische Bedeutung dieser „Mann von königlicher Natur* für unser Volk hatte, „dessen Erlöser er war, bevor die Erlösung eintraf: da er uns einen grossartigen Traum und eine neue Hoffnung gegeben hat*. Auch die Jargonbroschüre, die in gediegener volkstümlicher Weise das Leben und die Tätigkeit Herzls schildert, gehört zu dem Besten, was bisher über Herzl geschrieben wurde. Der Pseudonyme Verfasser, ein in zionistischen Kreisen wohlbekannter Student aus Russland, schildert eingangs die Jugend und Erziehung Herzls, sein Auftreten als Verfasser des „Judenst«at*, dessen Ideen er in trefflicher Kürze auseinandersetzt. Mit genauer Sachkenntnis werden dann alle Schritte und Unternehmungen Herzls zugunsten seiner Idee mitgeteilt und Schritt für Schritt die Entwicklung der Bewegung auf den Kongressen und deren einzelnen Schöpfungen verfolgt. Aber es sind nicht allein trockene Zahlen und Fakten, die da aufgezählt werden; die Broschüre sucht auch jede einzelne Tat zu erklären und aus Herzls Anschauungen heraus zu begründen und d^r Autor verdient das Lob, umsichtig in Herzls Schriften geforscht und mit grossem Geschick alles aus ihnen verwertet zu haben, was zum Verständnis und zu einer gebührenden Würdigung Herzls unerlässlich ist. M. B. Theodor Herzl. The Man and the Cause by Stephen Wise, Portiand. Oregon (Kos.). Die vorliegend« kleine Broschüre, die die erste Lieferung der „Beth fsrael-Predigt°nu bildet, ist dem Andenken Theodor Herzls gewidmet. Eine liebevoll e,rwarme Würdigung des verstorbenen Führers. „Für uns starb'er. Seine Sache wird unsere Rache sein, für diese wollen wir leb*n und arbeiten. Der Träumer träumt nicht mehr aber wir können seine Träume) zur Wirklichkeit werden lassen. Mit den klingenHpti Worten aus dem Gedichte Z a n g w i 11 s auf d<m Tod Herzls („Farewell. o Princ«*, farewell, o Sorelytried") schliesst diese tiefempfundene Schrift. The New Era. (Illustrated Magazine. New York, Februar 1905. Vom allgemeinen Werte dieser Zeitschrift zu sprechen ist überflüssig, er ist schon zu wiederholten Malen an dieser Stelle hervorgehoben. Auch die Mängel, an denen diese Monatsschrift leidet, nämlich der „Amerikanismns" — eine gewisse Oberflächlichkeit — sind schon vermerkt worden. In der vorliegenden Nummer finden wir pirie ganze Reihe sehr interessanter Aufsatz*. Ein Artikel „Washington und die Juden" von Herbert Frieden wald ist interessant als Beitrag zur Geschichte der amerikanischen Juden. Wie aus dem Aufsatz erhellt, hatte der grosse amerikanische Staatsmann keine eigentliche Judenpoliük, laer auch eine derartige Scheidung von Konfessionen iand Nationen nicht in seinem Geiste. Ein interessantes Autograph Washingtons, dessen nette, schöne Schrift wir bewundern, ist reproduziert. Frank C ramer, dessen Aufsatz über Raphael Mengs, der in einer der vorigen Nummern derselben Zeitschrift erschien und seinerzeit von uns besprochen wurde, schreibt diesmal über andere jüdische Maler, Oppenheim, Isidor Kau f m a n n, Isaak Ask'enazi, Salomon Hart, M o sl er, Rosen t. ha 1, Worms und andere. Der Artikel ist leider zu flüchtig und geht auf den künstlerischen Wert der erwähnten Mal-T nicht ein. Das Verhältnis der Juden zur Armee behandelt Madison Peters, der die berühmtesten Militärs der Neuzeit uns vorführt. Das dreihundertjährige Jubiläum Don Quijotes hat H. George Alexander Kohut den Anlass geboten, die bereits des öfteren (unter anderen auch von Je 11 in e k) erwähnte Aehniichkeit zwischen den Urteilen Sancho Panzas als Gouverneur der Insel von Barataria mit analogen talmudischen Erzählungen, wie es die bekannt« „Kanye de Raba" (Der Stern Rabas) ist, zu konstatieren. Interessant ist auch die Tatsache, dass ein Maranne, der bekannte portugiesische Dichter Antonio Jose de Silva, der 1785 in Brasilien auf dem Scheiterhaufen der loquisition zum Opfer fiel, den Don Quijote neu bearbeitet hat und zwar in der Form eines Lustspiels. Das Thema „DoaQuijote und das Judentum" wäre ein sehr dankbares, nicht nur von literarhistorischem, sondern auch von psychologischem Standpunkt aus. Don Quijote ist ein Gradmesser. Jedes Volkstum kann seinen Massstab darin finden. Cor. In Nr. 9 der Jüdischen Presse" veröffentlicht Sänitätsrat Dr. Maretzki (Berlin) einen sehr instruktiven Artikel über „Mischehen". Nach dem Schlüsse der Publikation wird sich Gelegenheit geben, einiges daraus eventuell zu publizieren. „Die Jüdische Rundschau" beschäftigt sich im Leitartikel ihrer Nummer 9 sehr eingehend mit einem Aufsatze Professor Ludwig Geigers „Zionismus und Deutschtum". Der Artikel ist in dem Jahrbuche „Stimme der Wahrheit" erschienen und kommt zu folgenden verrückten Schlüssen, die uns die ganze Kathederweisheit Geigers enthüllen: „Ich würde es für eine ganz konsequente Handlungsweise der Regierung halten, den Zionisten zwar nicht den Aufenthalt in Preussen zu verbieten — wie man es ja so oft mit lästigen Ausländern tut — aber ihnen die staatsbürgerlichen Rechte zu entziehen. So wenig ein Holländer oder OÖsterreicher, der in Deutschland wohnt, aktives oder passives Wahlrecht besitzt, so wenig hat ein Zionist, der ausdrücklich erklärt, einem anderen Volke als dem deutschen anzugehören, darauf Anspruch zu machen. Diese Entziehung der staatsbürgerlichen Rechte halte ich für eine notwendige Konsequenz der deutschen Gesetzgebung gegen den Zionismus, die einzige Antwort, die das deutsch« Volksbewusstsein dem Zionismus geben kann und muss." Die „Jüdische Rundschau" beschäftigt sich gebührend mit diesen Aeusserungen. Wir können nur das eine bedauern, da^s Dr, Loewe dieses Vorgehen nicht schärfer gebrandmarkt hat. Wir werden noch Gelegenheit h*ben, bei Besprechung des genannten Jahrbuches auf diese Leistung Geigers zurückzukommen. —r. Der Rozvoj hängt sich an die Rockschösse des deatschassimilatorischen Professor Geiger in puncto Zionsfeindliehkeit. Da finden srch selbst die bittersten Extreme, um unserer Bewegung eins am Zeuge zu flicken. Aber einfach lügenhaft ist es, dass „alle denkenden Leute aus dem zionistischen Lager längst ausgetreten sind" und ihre eigenen Wege gehen; als Beispiele für seine Behauptung führt das Assimilantenorgan Achad-Haam, Trietsch und Acher an. Die Herren werden sich beim „Rozvoj" zu bedanken haben. Dasselbe Organ fährt mit dem Abdruck der R«de „Ueber Zionismus" des Herrn Dr. Schulhof an erster Stelle fort. Originell ist Herr Dr. Schulhof nicht. Erbringt die alten Einwände, die wirxmal schon ad absurdum führten, ins Treffen; so die Unfruchtbarkeit Palästinas, der Mangel an jüdischen Bauern, frägt, wozu eine Palästinakommission bestehe, da man ja das Land schon vor der Gründung des Zionismus hätte kernen müssen, wieprspricht sich aber sofort im nächsten Satze, dass in allen Kulturländern seit Jahrzehnten ganze Gesellschaften und Orientalisten pich mit der Erforschung des Landes befassen. Kurz Widersprüche über Widersprüche und nirgends ein Schein von gesunder Logik. n. Die Petersburger Ereignisse vom 22. Jänner sind von der antisemitischen Presse vielfach gedeutet und auf die jüdische Urheberschaft geprüft worden. Ihrem wahren Grund jedoch konnten nicht einmal die vom „Deutschen Volksblattu nachspüren. Dank der nationaldemokratischen Organisation in Galizien erfahren wir nun, dass wir es in Petersburg mit einem grossartigen Ritualmorde am hellichten Tage zu tun hatten. So schreibt das Organ der nationalen Demokraten zur Aufkläruug der galizischen Bauern „Qjczyzna" wörtlich: „Die Bewegung wurde von den Juden hervorgerufen, da sie für die bevorstehenden Ostern Christenblnt brauchten. Zu diesem Zwecke hetzten sie die katholische Bevölkerung zum Streik auf und als das Christenblut in den Strassen reichlich geflossen ist, fingen sie es in Gefässen zu ihren rituellen Zwecken auf.„Kurjer Lwowski", der dieses