Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „fcie # weit Nr. 10 auftrug. Derart siegte der Schauspieler über den Autor, unterstützt vom Gang der Handlung. phil. Wilhelm Schmelz ist irgendwo aus dem Schles i seh -Pol ni sehen; sein Vater geht dort oben noch im Kaftaii herum; der Sohn aber ist mit deutscher Kultur durchtränkt und ist glücklich darüber, daiss seine deutsclm-ationalen Kumpane, unter denen er ausschliesslich verkehrt, nichts von seiner jüdischen Abstammung wissen und merken. Schmelz hasst die Juden sogar; er geht so weit in seiner Flucht vor sich selbst, dass er den Antisemiten recht gibt uml sich der Abstammung nach nicht einmal für einen Juden hält. Als solchen erkennt ihn auch niemand, nicht einmal ein Mitglied des besondere rassen reinen deutsdinationalen Korps Nibelumgia, in welchem Schmelz besonders gerne gesehen wirkt Um sieh, dieser hohen' Gnade durch Fleiss und gute Sitten würdig zu erweisen, hat sich Schmelz in der letzten Zeit auch schon ia-ufeii lassen und seinen Namen aus Wilhelm Schmelz in Franz Wilhelm geändert. Nichts also soll ihn mehr hindern, in Wotan und durch seine! Heirat mit seiner dinglichen Jugend geliebten Marie Wawroeh selig zu werden. Letztere hat ihn zwei Jahre lang nicht gesehen, aber sie findet gerade am Vorabend grosser Ereignisse zu ihm. Kaum da.ss sie ins Zimmer tritt, wirf sie von einem neuen Besucher ins Kabinett gescheucht. Es ist Perlsam, der seinem Cousin Schmelz einen Brief von desisen Vater überbringt, in welchem dem Jungen die Ausstoßung aus der Familie verkündet wird. Es entspinnt sich ein wiklhcwegtes Gespräch zwischen den Vettern, wobei kein ehrlicher Mensch im Theater sagen kann, dass der Ziouist ein unrechtes Wort verliert. Er zeigt dem Cousin die Erniedrigung, die dessen Anbiederung bedeutet. Seine Predigt ist: Siolz und Rückgrat. Er prophezeit ihm den moralischen Zusammenbruch und fordert ihn zum letzten Male zur Unikehr auf, zur Verteidigung seines armen und gedrückten Volkes. Das Mädel solle ihm keinen Grund zur Verstocktheit bieten. Er solle doch nicht — die Mutter eines vaterlosen Kindes heiraten. Wutsehre ie des beleidigten Schmelz. Ernst und mahnend entfernt sich Perlsam. „Du wirst schon einmal einsehen, wo deine wahren. Freundestehen/"' (Beim Abgang Perlsams starker Applaus im Publikum.) ]\lhrie hat alles gehört. Ja — das Furchtbare ist wahr. Und der. der sie in ihrer Uiierf a hronheit, ihrer Unkenntnis der Großstadt damals zu Falle brachte, war ein Nibelunge, der dann schleunig abreiste. Wer es ist, will sie aus Angst für Schmelz nicht sagen. Am selben Tage stürmen noch andere Ereignisse auf Schmelz ein. Es gab Studentenden um st rat ionen beim Parlament. Schmelz ist ein Rufer im Streite gegen die Wache und organisiert den Kampf, der zur Folge hat, dass der deutschfeindliche Minister gestürzt wurde. Glücklicherweise konnte man den verhafteten Schmelz befreien und die Nibelungen kom/men höchst eigenhändig in seine Wohnung, um ihn zu beglückwünschen und ihn aufzufordern, noch heute, beim Stiftungsfeste, in ihre Reihen als Aktiver einzutreten. Noch betäubt von den Erfahrungen mit der Familie und der Geliebten, schlägt Schmelz doch freudig ein; dies eine grosse Glück wird ihn trösten. Unter seinem Eindruck verabschiedet er sich freundlich von Marie; er liebt sie, liebt, sie trotz allem — nur nicht mehr himmelst ürmend, sondern in trauriger, aber verzeihender Wehmut. Jetzt kommt der tragische Konflikt. Der alte Schmelz bereut. Er will sein Kind wieder haben. Klommt samt Kaftan. und Pajes in dessen Wohnung, findet aber nur mehr Marie dort. Er hat aber water Zeit noch Lust, zu kämpfen. Er glaubt den Sohn in unberechenbarer Verzweiflung. Nur das Kind, nur zum Kind. Nibelungenkoimners. Schmelz, mit dem Kueipnamicn Hamlet, wird stark gefeiert, Treudeutsche Reden und Liede r, gewürzt durch starke« Schi impfen auf die Juden. Ein neuer Nibelung ist aus Graz gekommen. Er reibt sieh an Schmelz. Der Na.me Hamlet ist ihm zu merkwürdig — und dass er die Polen kennt, von denen man spricht. Hallo, sagt der Kellner jetzt nicht gar, ein alter Jude wolle Hamlet sprechen? Der alte Schmelz tritt aus ungeduldiger Furcht ein und spricht seinen Sohn an. Der wird blass und rot — dien polnischen Juden soll er als Vater anerkennen, da vor all den stolzen Nibelungen? Der Gnrzer Nibelung schreit Triumph! Da fragt der junge Schmelz den Vater kalt: Was er wolle, er kenne ihn nicht?! „Ich habe gesündigt, Gott, aber du . . . aber du . . . Wenn mich Gott hat geschaffen, meine jungen Herren, als so einen alten Juden, wird er haben gewusst, was er tut . . . aber wenn Sie haben einen alten Vater, denken sie an ihn . . . das wilde Tier kennt seine Familie, mein Sohn verleugnet mich." Nach diesen Worten bricht der alte Schmelz zusammen. Auf den jungem stürzt sich der Grazer, prallt aber mit Marie zusammen, die sorgenvoll dem Alten gefolgt ist — da zeigt es sich, dass dieser Nibelung ihr Verführer ist. Ilasend stürzt sich der junge Schmelz auf ihn. Da wird er zurückgeschlagen, und durchs Kaufgemenge hallt der Ruf seines Gegners: „Der Jud' ist ja nicht ein- 11 la 1 sa t i sf a k t i onsf ä hi g!" Im letzten Akte hat natürlich der alte Schmelz todkrank im Kabinett seines Sohnes zu liegen, der nicht einmal zu ihm hinein darf, weil der Arzt jede Aufregung streng verboten hat. Nun kommen die Nibelungen und kündigen trocken dem jungen Schmelz die Freundschaft. Die Deutsdinationalen im Zuschauerraum bekommen jetzt das erwähnte Zuckerl. Der Grazer Nibelung ist auch hinausgeschmissen worden und wird sogar von seinem eigenen Präses wegen Niedertracht auf Säbel verhauen werden. Den Epilog zum Debacle der Assimilation gibt wieder Perlsam, der würdig und vernünftig das Eintreffen seiner Prophezeiungen feststellt. Ausser diesen Parteien kommen jetzt auch noch zwei andere zu Worte. Da ist der Zimmernachbar med. ZeLsler, ein jüdischer Sozialdemokrat, der alle Spannen lang ein bisschen Marx verzapft; der ist von Adamus berufen, den Sozialdemokraten im Zuschauerraum ein Zuckerl zu geben; und damit ja niemand über mangelndes Wohlwollen des Dichters zu klagen hat, ist ein Schriftsteller da, der auf die Politik pfeift und bloss das Leijen geniesst. Man sollte meinen, dass nach den hochpolitischen Anfängen irgend ein Sehluss, kommen werde, der ein Programm bedeutet. Keine Spur! Der Dichter weiss, dass hungrige Zuschauer nicht gern grausam sind'; so gibt er der Geschichte, der Politik ausweichend, den üblichen Versöhnungsschluss: Der wiedererwachte alte Schmelz ruft sieh den Jungen herein und die Marie Wawroeh auch — und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch. Alles in allem ein Stück, an welches die Debatte erst anknüpfen kann. Denn von den vielen aufgerollten Fragen erhält keine einzige vom Dichter eine Antwort. Es ist bezeichnend für die Ausbreitung und Bedeutung des Zionismus, dass ein christlicher Autor ihn in den Vordergrund stellen musste, als er daran ging, die Judenfrage dramatisch zu behandeln. Wir können damit zufrieden sein, wie es geschehen ist. Der logische Gang der sehr wahrscheinlichen Handlung ist eine einzige Propagandarede für den Zionismus, wie sie von der Absicht nicht besser gestaltet werden kann. Unausgesprochen, wie Adamus eben schrieb, bekommt der Zionist auch manchmal unrecht. Weitaus überwiegend aber ist er eine eindringliche, sympathische Figur, himmelhoch den hysterisch-idealistischen Schmelz — dieser ist als Assimilant aus ethischen Motiven gezeichnet — überragend,