Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr, 10 lfbi$ « W$lt Seile 11 Teschen; ß. Schwarz, S. Schmitz. Lodz: Frl. H. Menczynska. Teplitz: „Zionistischer Mädchenklub" durch Frl. E. Kurrein. N e u s o h 1: S. Weinstein, Frl. A. Fried, Geschwister Grünbaum. Allen Spendern besten Dank und Zionsgruss! Die Philatelieabteilung der N. - F.- Kommission. * * * Jüdische Toynbee-Halle. Wien, XX., Karajangasse 20. Vortragsordnung: Sonntag, 11 März. Prof. Dr. W. Jerusalem: Der Ursprung der Sprache. Montag, 13. März. Dr. J. Samuely: Das Telephon. Dienstag, 14. März. M. ßerkowicz: Die neuhebräische Literatur II. Mittwoch, 15. März* Diskussion. Donnerstag, 16. März. Dr. S.Werner: Aus jüdischer Geschichte II. Freitag, 17. März. Bibelerklärung. Samstag, 18. März. Konzert. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Georg Liebe: Das Judentum in der deutschen Vergangenheit. Eugen Diederichs, Leipzig. — Das Werk soll ein unparteiisches Buch über die Juden sein. Ich will mit dem Verfasser nicht rechten, müssen wir ihm doch sogar in gewisser Beziehung dankbar sein. Wenn man nämlich dieses — unparteiische Buch liest, so wird man nicht nur „die trostlose Stellung der Juden in der deutschen Vergangenheit1* wieder vor Augen haben, sondern —- und das hat der Verfasser kaum beabsichtigt - auch die ganze traurige FinsterDis und Brutalität des deutschen Mittelalters und selbst der neueren Zeit. Etwas der Art mag Liebe wohl empfunden haben, denn er bemerkt gleich im Anfang polemisierend: „Die Menschen des Mittelalters machte man zu sinnlos wütenden Fanatikern und die Zeiten, die uns im Volkslied und den köstlichen Bauwerken Zeugnisse des deutschen Gemütes hinterlassen haben, erschienen als in Roheit und Barbarei versunken*. Aus demselben Empfinden heraus sind dos Verfassers wiederholte Mahnungen nur zu verständlich, die Stellung der Juden im Mittelalter nur aus den Zeitverhältnissen heraus zu erklären; dahin gehört auch vor allem die Warnung vor „Gefühlsüberschwänglichkeit" und vor dem Unterfangen, die Juden „in moderner Sentimentalität" als Parias der damaligen Gesellschaftsordnung anzusehen. Man kann schon aus diesen Vorbehalten vermuten, was Liebe alles von den Zeugnissen des deutschen Gemütes erzählen muss, die nicht im Volkslied und in den Bauwerken, sondern in der Geschichte der Juden aufbewahrt sind. Es mag für den Herrn Archivarius in Magdeburg recht leicht sein, über die „moderne Sentimentalität" die Achsel zu zucken. Ich bekenne, dass mich bei der Lektüre seines recht trockenen Buches wieder einmal Abscheu erfüllte vor dieser Blüte des deutschen Geistes, die im Mittelalter und in der neueren Zeit vom Juden gewiss nicht bewundert und sicherlich nicht mit Liebe oder Vertrauen angesehen werden konnte. Selbst wenn der Verfasser mit seinen Ausführungen über die Ursachen des immer wieder hervorbrechenden Judenverfolgungen Recht hätte, selbst wenn die grob materialistische Auffassung, die Georg Liebe mit Hintansetzung aller anderen durchzuführen versucht, ebenso unanfechtbar wäre wie sie es nicht ist, so hat er doch mit seinem Buchenur wieder den Beweis geliefert, dass ein Jahrtausend Zusamenwohnens die Deutschen noch immer nicht von den schlimmsten Vorurteilen gegen die Juden befreien und sie noch immer nicht einmal das Verständnis der auffallendsten Bekundungen der jüdischen Psyche lehren konnte. So nur ist es verständlich, wenn Liebe meint, es hätte im frühen Mittelalter eine Zeit gegeben, in der die Juden leicht hätten im Volke aufgehen können — natürlich durch die Taufe, durch Aufgeben aller ihrer Eigenart. Das ist ein guter Witz. Mit anderen Worten: Hätte es keine Juden gegeben, so wäre das gemütvolle Deutschland des Mittelalters, das so köstliche Blüten der Kultur im Volkslied und in der Baukunst hervorbrachte, gar nichtjdarauf verfallen, gerade den Juden „eine so trostlose Stellung" anzuweisen. Es hätte keine Judenverfolgungen, keine Zwangstaufen, keine Verbrennungen, Schändungen gegeben, kurz, alles wäre gut gewesen. Liehe hätte noch weiter gehen können, um nachzuweisen, dass die Juden die Schuld an den späteren Verfolgungen trugen. Sie hätten gar nicht nach Deutschland kommen müssen, dann — doch nein, die Sache ist zu ernst. Herr Liebe will beweisen, dass die Kluft zwischen Deutschen und Juden unüberbrückbar wurde, nicht durch die Religion oder Abstammung der Juden, sondern durch ihren Beruf als Kaufleute und Wucherer. Als Träger eines ungezügelten Kapitalismus seien sie die Bedrücker des Volkes gewesen. Es ist auffallend, wie sehr sich Liebe bemüht, das religiöse Moment im Judenhass des Mittelalters zurückzudrängen. Und doch soll schon im vierten Jahrhundert ein Mann jüdischer Herkunft, Simeon, Bischof von Metz gewesen sein. Man hat also ziemlich früh auf die Juderitaufen Gewicht gelegt. Soll ich Herrn Liebe die Verordnung des Königs G u n d o b a d von Burgund (6. Jahrhundert) anführen, die Ehen zwischen Juden und Christen als Ehebruch zu bestrafen befiehlt? Oder das Konzil von Agde, das Geistlichen und Laien die Teilnahme an den Mahlzeiten der Juden verbot? Oder von Childebert I. oderChilperich erzählen? Oder vom Frankenkönig Dagobert, der alle Juden seines Reiches zur Taufe zwang, weil ihn Kaiser Heraklius darum bat, der infolge astrologischer Weissagungen fürchtete, sein Reich werde von beschnittenen Völkern verwüstet werden? Wenn der Erzbischof Friedrich von Mainz Papst Leo VII. anfragt, ob es besser sei, die Juden zu taufen oder zu vertreiben, so muss der Unterschied ein empfindlicher unddieRechtlosigkeit der Juden schon damals eine grosse gewesen sein, ob auch Liebe meint, dass eine Verschlimmerung der Stellung der Juden erst von der Ausbildung der mittelalterlichen Wirtschaftsordnung datiere. Dass es in Deutschland schon sehr früh besondere Juden quartiere gegeben haben muss, mag unter anderem die Schenkung des Regensburger Bürgers Rizimann beweisen, der dem Kloster St. Emmeran drei Höfe bei dem Ju d en q u ar ti er e dieser Stadt überwies. Und das war ganz am Beginne des 11. Jahrhunderts. Das scheint mir viel eindringlicher für eine bereits damals bestehende Erniedrigung der Juden zu sprechen, als die Behauptung vom Gegenteile dadurch erwiesen ist, dass einzelne Juden bei Christen wohl gelitten waren, wie etwa der Minnesänger Süsskind von Trimberg noch um 1200. Doch ich will hier nicht näher auf die Behauptungen Liebes eingehen. Ich will nur nochmals betonen, dass die einfache Ableugnung der religiösen Unduldsamkeit oder die Behauptung, dass sie nicht von grösster Bedeutung gewesen sei, nicht genügt, dass sie eine unbewiesene Hypothese geblieben ist. Die Kirche, respektive der von ihr geschürte Hass gegen Andersgläubige, die Sucht des Klerus, alle zu beherrschen und alles sich dienstbar zu machen, haben an der Unkultur Deutschlands und an der Bedrängnis der Juden im Mittelalter und in der neueren Zeit den mächtigsten Anteil gehabt. Wie es noch 1769 mit der Achtung vor dem Menschen im Juden in Deutschland aussah, erzählt Liebe selbst. Für ihn hat das Jahr 1848 die „allgemeine Beseitigung der Ausnahmsgesetze gebracht". Er ist vorsichtig genug, nicht mehr zu sagen. — Noch ein Wort über den Buchschmuck. Die überaus zahlreichen Karrikaturen sind aus dem Geiste der Zeit, der sie entstammen, erklärlich. Dass wir aber gerade dreimal oder noch öfter den Juden auf einem Schwein reiten sehen müssen, zeigt zwar wieder die Blüte des damaligen Geistes, ist aber zur Klärung der Frage kaum nötig. Dass so wenig ernste Bilder aufgenommen wurden, ist sehr bedauerlich. Der Verlag ist von Herrn Liebe nicht gerade hervorragend bedient worden. —r. Dr. M. Ehrenpreis: Theodor Herzl, Sonderabdruck aus „Haschiloah* Band XIV, Verlag „Achiasaf Krakau, 1904 (hebr.). Elihu ben Berachel: Dr. Benjamin, Theodor Herzl, dessen Leben und Wirken für das jüdische Volk, Verlag „Zion", Nr. t—2 der Volksbibliothek Wien, 1905 (jüdisch). Wir haben noch keine ausführliche Herzlbiographie, welche uns das Leben und die Entwicklung unseres unvergesslichen Führers eingehend schildern wollte. Was bisher unter dem furchtbaren Eindrucke seines Todes in einer ungeheuren Anzahl von Zeitungsartikeln hebräisch und jüdisch geschrieben wurde, war ein jammervolles Aufschreien aus dem tiefsten Innern unseres unglücklichen Volkes, dem der Führer und Tröster in schwerer Not so jäh entrissen wurde. Es waren dies Ausbrüche der Verzweiflung angesichts eines Ereignisses, das der Volksseele eine tiefe Wunde geschlagen und den ohnehin grossen Judenschmerz durch den grausamen Verlust des Einzigen und Besten ins Unendliche steigerte. Ruhige und gemässigte Betrachtungen seiner Bedeutung als Jude und Zionistenführer konnten in dieser schmerzvollen Stimmung, die in der jüdischen Presse aller Parteirichtungen herrschte, naturgemäss nicht angestellt werden. Nun scheint auch dazu die Zeit gekommen und die ersten Versuche, die gemacht wurden, Herzls Persönlichkeit