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Die Welt · 1905-03-10 · 10 (10.3.1905) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
10 (10.3.1905)
Date
1905-03-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 99bic-?.weitM Nr. 10 Punkte neuerliche Wirren voraussichtlich sind, entschliesst sich das Präsidium kurzweg1 zu einer nicht einwandfreien Massregel. Vorsitzender Rabbiner Reich erklärt, dass man mit Rücksicht darauf, dass nunmehr schon drei Tage resultatlos verlaufen sind, es „niit den Statuten n i c h t g e n a u n e h m e n k ö n n e", und empfiehlt daher die Wahl des Herrn Adolf Frankl. Die Versammlung akklamiert hierauf den empfohlenen Kandidaten. Während sich eine Deputation in die Wohnung des neugewäihlten Präses begibt, ermahnt Rabbiner Schreiber (Erlau) die Versammlung in einer flammenden Rede, sich fester an die ererbten Lehren anzusehliessen, und malt besonders die Tätigkeit der „Doktoren- R abbin er" in den schwärzesten Farben. Mittlerweile ist der neue Präses erschienen und wird von Rabbiner Reich mit emphatischer Rede begrüsst. Unter allgemeiner Spannung ergreift Frankl das Wort. Er verliest in deutscher Sprache eine kurze Danksagung und erklärt, heute kein Programm entwickeln zu können.. iv o r e i n richtet nun an ihn in markigem Ungarisch eine sehr wirkungsvolle Ansprache, worauf Frankl seinen Dank in ungarischer Sprache und nochmals auf Hebräisch wiederholt. Allgemein fällt die Inhaltslosigkeit der Antrittsrede auf, man geht jedoch befriedigt auseinander, froh, doch endlich ein Resultat erzielt zu haben. Adolf Frankl steht im 46. Lebensjahre. Er ist ein tüchtiger Talmudist und verfügt über ein bedeutendes profanes Wissen. Er war bisher Inhaber eines Realitäten- Bureaus in Budapest und bekleidete mehrere Ehrenämter. Ein Umschwung in den sehr beisserungsbedürftigen Verhältnissen der ungarischen Orthodoxie ist durch ihn kaum zu erwarten, da die neuen Statuten den Präses gänzlich in das Joch des aus den „Gedolini" zusammengesetzten Rabbinerkollegiums schliessen. Einem Interviewer gegenüber hat Frankl sich bereits in sehr vorsichtiger Weise über die Einwanderunigsfrage und den Zionismus geäussert und es kann in Ungarn noch rühmend hervorgehoben werden, dass er, vom „guten ungarischen Gebrauch" abweichend, unsere Sa die nicht als wohlriechendes Ganzopfer auf dem Altare des Vaterlandes darbringt, sondern sich genügend salviert zu haben glaubt, wenn er den Freiheitskampf des jüdischen Volkes als „eine Privatangelegenheit, mit welcher die orthodoxe Landeskanzlei nichts zu tun habe" bezeichnet. Der vierte Verhandlungstag ist der Wahl der Lanjdesreipräsentanz gewidmet. Nach einer sechsstündigen Beratung wird der Vorschlag des Präsidiums akklamiert. Der beherzigenswerte Antrag des Erlauer Rabbiners Schreiber wegen Regelung der Kabbinatsbefähigungsfrage entfesselt einen Heidenlärm seitens der dadurch in ihren Rechten geschmälerten kleineren Rabbiner; es kommt dalier zu keiner Beschlussfassung. Ein gewisses Aufsehen erregt die Deputation der Pressburger Jesehiwo, welche die geistige und materielle Hebung der Bachurim fordert. Das Memorandum, welches ihre Wünsche enthält, gelangt unter den Ivongressni'itgliedern zur Verteilung, Dieser Akt ungewohnter Selbstständigkeit wird vielfach besprochen und sehr verschieden beurteilt. Die vollständige Ausarbeitung des neuen Statutes wird, der neugewählten, aus 100 (60 weltlichen und 40 ge i stl i eh en) M i t gl ledern bestehen d en Landesrepräsentan z überwiesen und der Kongress in wenig feierlicher Weise mit den Reden der Herren Rabbiner Reich, Schwarz (Nagyvarad), Gabel (N&gyvärad) geschlossen. Die Bilanz der viertägigen Verhandlung des Eongresses ergibt demnach nur die Wahl dt« Land esvoiBt arides )) e r a e e 1 a m a t i o n e m. Die heiss umstrittenen Organisationsstatuten liegen in den Händen der Landesrepräsentanz, welche ihrerseits nunmehr nur ein Instrument des Rabbinerkollegiums ist. Von diesem nun haben die Gemeinden das Urteil über das Schicksal ihrer Autonomie zu erwarten. Protestversammlung der Wiener zionistischen Studenten gegen den zweiten deutschen Hochschultag. Wir haben in unserer vorigen Nummer berichtet, welcher perfide Anschlag gegen unsere Studenten vom zweiten deutschen Hochschultage gemacht wurde. Wurde auf letzterem doch beschlossen, dahin zu wirken, dass die Juden nur im Verhältnisse zu ihrer Zahl als Einwohner zum Studium zugelassen werden mögen. Im Anhange dazu wurde ein Protest gegen die Lehrtätigkeit der jüdischen Professoren beantragt; unsere Leser werden den Abführungen eines der Eedner aus der Protestversammlung der zionistischen Studenten entnehmen., warum wahrscheinlich letzterer Antrag nicht zum Beschluss erhoben wunde. Die Protestvers-ainmlung fand am Dienstag den 7. ds. im kaufmännischen Saale in der Johannesgasse statt und gestaltete sich zu einer würdevollen imposanten Demonstration. Es waren an 600 Studentinnen und Studenten erschienen; Saal und Galerien waren überfüllt. Mit Bedauern ist die volle Teilnahmslosigkeit der jüdischen Offiziellen gegenüber den vitalsten Interessen unserer Jugend zu bemerken. Von 15 teils persönlich, teils schriftlich eingeladenen jüdischen Lehrern an der Hochschule war nicht ein einziger gekommen. Ebenso praiugte die Kultusgemeinderepräsentanz durch Abwesenheit. Das wurde natürlich gebührend zur Kenntnis genommen. Der Verlauf der Versammlung war folgender: jmr. Löhner, Obmiann des einberufenden Obmänneraussehusses der zionistischen Akademiker Wiens, eröffnet die Versammlung und begrüstst die anwesenden Gäste, darunter Herrn S. Pleischer, Sekretär der Oest.-isr. Union, und Herrn Jakob Krausz, Redakteur des „Jüdischen Volkblatt*. Er ermahnt die Anwesenden, die Würde der Versammlung durch beispielgebende Buhe und Mässigung zu wahren. Schliesslich verliest er die eingelaufenen Begrüssungistelegramme. (V. J. St. Charlottenburg, Präsidialverein im Bunde jüdischer Korporationen, Böhmisches Distriktskomitee Prag, „Barissia", Prag, „Bar Kochba", Prag, „Veritas", Brünn, „Charitas", Graz.) Der erste Redner, jur. W a s c h i t z jun., legte das Tatsachenmaterial vor. Er brachte den Antrag zur Verlesung, der am zweiten deutschen Hochschul tage mit der Begründung zum Beschluss erholxm wurde, es sei höchste Zeit, den zersetzenden semitischen Einfluss von den Stätten akademischer Bildung fernzuhalten. Er beleuchtete die statistischen Daten, die der antisemitische Redner am Hochschultage angeführt hatte und die an Lügenhaftigkeit ihresgleichen suchen. So sei es eine bewusste Unwahrheit, von den Juden zu sagen, dass 25 Prozent aller Verbrechen auf ihr Konto fielen. Auch sei die angegebene Beteiligung der Juden am Hochschulstudium in Wien, angeblich ein Drittel, nicht mehr als ein Fünftel, wie jedes statistische Handbuch beweisen könne. Auch dieses Verhältnis sei nicht von jüdischer Vordringlichkeit, sondern unter dem Drucke der Notwendigkeit geschaffen worden. Der Antrag ar.t dem deutschen Hochschultage kann von keinem gerechton Menseben gebilligt werteten und sei daher mit aller Entschiedenheit zurückzuweisen, Als nächster Redner sprach Gg. IT p r i m n y. Er bemerkte eingangs, dass die Deutschen Gott, sonst aber nichts fürchten — wenn sie in. überwiegender Majorität wären. In der Minderzahl aber fänden sie nicht Polizei und Staats-' anwälte genug, die ihnen die angeblich verletzten Rechte

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