Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316143--46661-3341518- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 10 „bie <* weit11 Seite 7 reparieren miissten. Die österreichische Jugend, des Volkes der Dichter und Denker unternähme immer wieder einen Hunnenzug durch die Gefilde der Moral und Gerechtigkeit. Der Antrag auf dem deutschen Hochsehultage sei durchaus eine Anmassung. De jure habe die Universität Wien gar keinen deutschen Charakter, der jzu verteidigen wäre. Sie ist die Bildungszentrale des Reiches und letzteres ist in seiner Majorität durchaus nicht deutsch. Der deutsche Charakter ist damit noch nicht bewiesen,, dass die Deutsehen in der Universität am meisten schreien. D^r Antrag berge ferner eine immense Gefahr. Da müsse man einen Blick auf die Ei-werbsverhältnissc der Juden in Oesterreich werfen. Ihnen seien nur der Kaufm'annsstand unfd1 die freien Berufe offen. Wenn man letztere noch verkürzen wolle, so müsse sich der Nüchternste sagen, dass damit die materiellen Verhältnisse des Mittelalters geschaffen seien. Es würden Leute genug kommen und sagen, man möge den Aeusserungen unreifer Alkoholiker nicht solches Gewicht beilegen, sie würden verpuffen. Wer aber den Puls des jüdischen Lebens in der Hand: halte, mmsse sich sagen, dass es im fortwährenden Niedergänge begriffen sei, weil die halbreifen Alkoholiker von einst ins Leben getreten seien und weil antisemitische Anregungen, woher immer sie kommen, auf bereitwilliges Entgegenkommen seitens der Regierungen und autonomen Behörden zu rechnen haben. Man habe auch die Forderung nach Nichtzulassung von Juden in Staatsämter seinerzeit als Phantom verlacht. Die heutige Wirklichkeit gebe aber jeder Befürchtung recht. Letztere sei jetzt umsomehr geboten, als die gegenwärtig leitenden Männer Oesterreichs über ihre Gesinnung keinen Zweifel lassen. In einem solchen Stadium sei es geboten, dass die einflussreiichen jüdischen T\ reise mit Leib und Seele sich unserer Jugend anschliesisen. Letztere kämpfe oinen Verzweiflnugskampf. Wer unter den letzten Jahrgängen der von der Hochschule Ausgemusterten lebte, sei entsetzt von der fürchterlichen Lage unseres Intelligenzproletariates. Tut dem gegenüber die jüdische Leitung materiell und moralisch etwas für ihre Jugend? Fast nichts. Im Gegenteile seien wir oben nicht gernegesehen, weil wir stürmisch eine lebhafte Arbeitspolitik fordern. Deswegen hält man uns für Schreier und Utopisten. Leider entscheiden die Ereignisse für die Söhne statt für die Täter. Es sei zumindest sehr bedauerlich, dass unter den heutigen Umständen niemand von den Mlachthabern gekommen sei, um durch seine Sympathie die kämpfende Jugend zu stärken, dass ferner von den oberen Kreisen nichts unternommen werde, um der Gerechtigkeit Genugtuung zu verschaffen. Allerdings müsse man sich bewusst sein, dass auch die Proteste der mächtigsten Juden nur moralischen Wert haben und dass der Antisemitismus darüber zur Tagesordnung übergehe. Es gäbe nur einen Ausweg aus unserem politischen labyrinthischen Kerker. Redner überlasse es jedem, darüber zu urteilen, ob der Zionismus etwas anderes sei als eine Kilonieterfrage. Wenn man einem Menschen eine ruhige, sichere Existenz an einem fremden Ort antrage, werde er ohne Betlenken dkliin übersiedeln. Warum also nicht nach unserer Heimat? Das sei in wenig Worten die Forderung des ökonomischen Zionismus. Er will den Ort schaffen, wo Gnade und Ungnade, Wohlwollen, oder Hass der anderen uns gleichgültig sind. Dahin wollen wir ausweichen, nicht aus Furcht, sondern aus Ohnmacht, um aus der Knechtschaft zu Kraft zu gelangen. Lebhaft begrüsst, nahm hierauf der Sekretär der Oest.-isr. Union, Herr Siegfried Fleischer, das Wort-. Er bezeichnete das Torgehen der Deutsch nationalen als eine Phase des Wirtschaftskampfes, als einen Kampf der Antisemiten gegen ihre gefährlichsten weil begabtesten Konkurrenten. Es sei bezeichnend daös in einem Antrage gegen die Juden und gegen die Härten der bestehenden Rigorosenordnung gesprochen worden sei. Das zeige, dass den Söhnen der Hof rate und Fabrikanten jeder Idealismus fernliege und ihr Streben nach weiter nichts ginge, als sieh möglichst weich in die Wolle zu setzen. (Beifall.) Die Begründung des Antrages gegen die Juden sei vollständig unwahr, wie Redner durch Verlesung aus dem statistischen Handbuche des Deutschen Reiches beweist, wo der Prozentsatz der jüdischen Verbreeher als weit hinter dem anderer Konfessionen stehend gezeigt wird'. Bezeichnend sei ferner, dass gegen die jüdischen Lehrkräfte keine Resolution gefasst wurde. Die tapferen aber vorsichtigen Deutschen hätten sich eben nicht in die Gefahr begeben wollen, nach gefasster Eesolution einem jüdischen Prüfer zu begegnen. (Heiterkeit und Beifall.) Die von den Dcutschn'ationalen aufgeworfene Frage sei allerdings momentan noch nicht aktuell. Doch sei alles eher als Optimismus am Platze. Die jungen. Herren Deutsch nationalen werden nämlich wahrscheinlich sehr hartnäckig sein, da sie den Weg zur Futterkrippe suchen. Es sei daher sehr angezeigt von den jüdischen Studenten gewesen, sofort energisch aufzutreten und Redner beglückwünsche sie warm zu ihrer heutigen Versammlung. (Lebhafter Beifall.) Zum Schlüsse bespricht Herr Redakteur Krausz das Faktum, dass die Prager und Wiener liberalen Studenten, die zu 99 Prozent aus Juden bestehen (Rufe 101.!), gegen die Benennung des deutschen Hoch schultages als solchen Verwahrung eingelegt haben. Es sei eine Schande, dass Juden nur gegen das Deutschtum der Deutschen protestieren, wo ihre eigene Ehre so beleidigt werde. Die natiojiaibewussten jüdischen Studenten müssen sich in ihrem Kampfe dagegen verwahren, als Konfession, statt als Nation genommen zu werden. Dann könnten sie mindestens so viel Rechte verlangen und erlangen, wie die kleinen "Nationalitäten Oesterreichs, z. B. Rumänen und Rutheneu. (Beifall.) Zu diesem Kampfe schreitend, müssen sie aber vorerst mit dem Feind im eigenen Lager aufräumen, mit den überlebten Liberalen, den Brutstätten jüdischer Selbsterniedrigung und Schande. Die müsse man wegfegen vom akademischen Boden. (Lebhafter Beifall.) Hierauf wurde unter brausendem Beifalle folgende Resolution per acclam'ationem angenommen: „Angesichts dessen, dass die vom zweiten deutschen Hochschultage beschlossene Forderung nach prozentueller Zulassung der jüdischen Studenten zu den deutschsprachigen Hochschulen die staatsgrundgesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung der Juden antastet und. durch Torspiegelung falscher Argumente der Mehrheit des deutschen Volkes die irrige Meinung aufzudrängen sucht, d.!ass die jüdische Studentenschaft eine Gefahr für die deutschsprachigen Hochschulen sei; und mit Rucksicht darauf, dass diese Forderung jedem Fortschritt und jeder Zivilisation Hohn spricht, protestiert die im Kaufmännischen Vereinssaale am 7. März versammelte jüdische Studentensehaft auf das energischeste gegen diese schmähliche Forderung, weist die gegen die gesamte Judenschaft geschleuderten perfiden Anwürfe mit Entrüstung zurück und fordert die jüdischen Abgeordneten und Dozenten auf, zu dieser, die vitalsten Interessen der jüdischen Studentenschaft tangierenden Angelegenheit unzweideutig Stellung zu nehmen." —y The Jewish Colonial Trust. Jüdische Kolonialbank (Limited). Am 2G. Februar a. c. fand eine Sitzung des Direktoriums des Jewish Colonial Trust (Jüdische Kolonialbank) Ltd., London, in Köln statt, an welcher folgende Herren