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Die Welt · 1905-03-10 · 10 (10.3.1905) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
10 (10.3.1905)
Date
1905-03-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Wt* weit" Nr, 10 sind die Juden, welche die Aufwiegler mit ihrem Gelde bezahlen. Denket an Kischenew und Hornel!" Feodo8sia. Diese schöne Stadt am Schwarzen Meere war am 20. Februar der Schauplatz von Exzessen gegen die Juden, bei denen viele unserer Volksgenossen Leben und Eigentum eingebüsst haben. Das Journal „Russkoje Slowo* berichtet darüber folgende Einzelheiten: Die Arbeiter aller drei Tabakfabriken von Feodossia, ungefähr 800 Peisonen, traten in den Ausstand. Sie durchzogen die Stadt und zwangen auch die Arbeiter anderer Fabriken und Betriebe, die Arbeit einzustellen. Während sie durch die Strassen marschierten, erscholl plötzlich der Ruf: „Schlagt die Juden nieder!u Die Menge stürzte sich auf die jüdisctien Häuser und Geschäfte und im Nu begann das Werk der Verwüstung und Vernichtung. Es spielten sich dabei empörende Szenen ab. Frauen und Kinder, Greise und Sieche wurden von den Mördern schwer misshandelt. Das eingetroffene Militär stellte alsbald die Ruhe her, aber es fand auf dem Schauplatze bereits 60 schwerverwundete Juden vor. Acht dieser Schwerverwundeten sind ihren Wunden bereits erlegen. Die Panik unter den Juden ist unbeschreiblich. Die Juden verlassen massenhaft die Stadt. Baku. Während der Metzelei der Armenier, welche in Baku am 24. Februar stattgefunden hat, wurden, wie die „Petersburgskija Wjedomosti" melden, auch viele Juden ermordet. Die Tataren, welche dieses Blutbad veranstaltet hatten, konnten drei volle Tage nach Herzenslust ihr Vernichtungswerk in Gegenwart von Militär uad Polizisten fortsetzen. Die Armenier und die Juden suchten vergebens Beistand. Der Gouverneur wies die Bitte der Unglücklichen um Hilfe und Schutz zurück. Die Lage der armen Juden in Baku ist verzweifelt. Rostow am Don. Wie der „Juschny Kraj" meldet, herrscht unter den Juden in Rostow am Don grosse Panik, weil unter den Arbeitern Aufrufe zum Morde gegen die Juden verbreitet werden und das Gerücht sich verbreitet, dass die Arbeiter Veranstaltungen treffen, um eine Metzelei der Juden zu organisieren, Massen von Juden verlassen die Stadt. Kischenew. Am 22. Februar fand die letzte Verhandlung gegen 31 Christen statt, welche beschuldigt waren, während der Metzelei der Juden in Kischenew die Jüdin Spiwak ermordet zu haben. Alle 31 Angeklagten wurden vom Gerichtshofe freigesprochen ... Als Verteidiger der Christen fungierte der bekannte Antisemit Romanenko. Gt. Offener Brief an Herrn L. I Greenberg. Sehr geehrter Herr Gesinnungsgenosse! 1 hren „0 f f e n e r E r i e f an das Wiener A k t i o n s k o in i t e e" leiten Sie mit der Bemerkung u. a. ein, dass Sie die Beratungen über den ostafrikanischen Plan für verfrüht halten. Ich irre wohl nicht, wenn ich ihre Ausführungen als prinzipielle Stellungnahme zu irgendwelchem Territorialangebot auffasse. Ihre Darlegungen gewinnen dadurch natürlich an Bedeutung und ich gehe wohl nicht fohl mit der Anna!im«, dass Sie selbst eine Diskussion über die prinzipielle Bedeutung des Ugamiaangehots wünschen. Sie werden mir daher gestatten, an Ihren Ausführungen einige Kritik zu üben, und ich. werde hocherfreut sein, von Ihnen eventuell eines Besseren helehrt zu werden. Ks ist ein sehr erfreuliches Zeichen, dass Sie nicht auf dem Standpunkt des „Ra(dmionesa-Zionisiuiis stehe]], indem Sie schreiben, dass es viele gäbe, „die zu. meinen scheinen, dass gerade die Judenverfolgungen und die Stellung der Juden in der Welt uns dazu verhelfen werden, unser Ziel zu erreichen'"4 — aber Sie hatten nicht nötig, dabei in das entgegengesetzte Extrem zu verfallen und die Judennot als treibendes Agens, als Faktor unter Faktoren für unsere Bewegung überhaupt zu negieren. Ich kann es nicht recht verstehen, wie Sie als Ii e a 1 p o 1 i t i k e r schreiben können: „Ich hoffe, dass Palästina den Juden geöffnet werden wird infolge ihrer . Forderung einer politischen Existenz um ihrer selbst willen, und nicht als Zuflucht s o r t v o r G e w a 1 t und V e r f o 1 g u n g." Ihr grosser Landsmann A d a m S m i t h dürfte Sie bald eines Besseren belehren, dass nämlich in der Politik nicht gerade die Benevolenee der ausschlaggebende Faktor sei. Wenn die Mächte kein Interesse mehr an der Judenfrage als einem international zu lösenden Problem haben, so werden die Juden für sie aufgehört haben zu existieren. Und wenn wir gar in Uganda einen Zufluchtsort vor Verfolgung besitzen, so wird man sich keineswegs bemühen, uns a, uch noch Palästina zu geben. Zudem, wenn Uganda für Sie also nur eine Fotstand'saktion ist, so fällt diese „Gegenwartsarbeit" in dein Moment in sich zusammen, wo eine freiere Regierungsform die Mauern der östlichen Ghettos zerbricht und unsere Volksgenossen aufatmen lässt. So ist Ihr Ugandismus in gewissem Sinne direkt abhängig vom Stärkegrade des Antisemitismus. Diejenigen, sagen Sie, die sich unserer Bewegung anschHessen, weil sie der Antisemitismus in unsere Keinen drängt, werden unserer Bewegung „sicherlich nicht im besten Sinne dienen44. Aber gerade das Ugandaprojekt hat Seharen solcher Mitläufer in unser Lager getrieben, die Sie selbst als nicht will kommen bezeichneten. Niemand wird die staatsrechtlich völkerrechtliche Bedeutung des IJgaiKlaangebotes leugnen, die darin liegt, dass zum ersten Male wieder die Juden als vereinigte Nation von einer Urossmacht angesprochen worden sind. Aber das gutgemeinte Angebot der englischen Regierung kann nur zu leicht ein Danaergeschenk werden, indem es die jüdische Nation von ihrem eigentlichen Ziele ablenkt. Nicht die „Autonomie" ist es, welche ein so „wichtiger Einwand" ist — denn Sie selbst belehren uns ja darüber, dass „das Schreckbild der Autonomie in Wirklichkeit durchaus nicht so beunruhigend" ist. Denn was für eine Autonomie ist uns denn angeboten worden, die uns nicht einmal gestatten wird, uns gegen die etwa einwandernde übermächtige englische Konkurrenz zu schützen, wie Sie ja ausdrücklich betonen. So kann es ja leicht kommen, dass unsere Juden in Uganda unter dem Joche des englischen. Kapitals seufzen, trotzidem der Sabbat als Ruhetag gilt. Aber Sie sollten diese „Autonomie", die Sie selbst als „nicht so beunruhigend" bezeichnen, doch nicht als das „sentimentale Element" hinstellen. Eine „Autonomie" in Uganda wird sicherlich nicht eine Niederlassung sein, die für die Juden „auch ans anderen als materiellen Gründen Anziehungskraft besitzt". Nachklem mm einmal das Ugandaangebot gemacht worden ist, werden Sie, falls „Ostafrika nicht geeignet" ist, dafür sein, sofort einen anderen Ort für unsere Zwecke zu suchen. Denn „unser Staat kann nur dadurch gestärkt werden, wenn wir vor seiner Errichtung da.s jammervolle, materielle Elend der Juden lindern können". Aber warten Sie, ehe Sie das Territorium gefunden haben werden, werden sieh die Verhältnisse im Osten geklärt haben und die ökonomische Not unserer Brüder wird gewiss gelindert werden. Und, wenn Sie mir einwerfen, warum 'das in dem konstitutionellen Galizien nicht der Fall ist, so werde ich Ihnen entgegnen,, dass das Schuld der Juden ist. Lesen Sie in Nr. 7 der „Welt" den „Brief aus Lemberg" und Sie .werden daraus ersehen, dass die Stellung der Juden in. Galizien eine andere wäre, wenn Sie auf den ihnen zukommenden Anteil an der Regierung Anspruch erheben würden — als Juden und nicht als Polen, Kuthenen usw. „Eine sofortige*) Erleichterung der Lage der Juden versprechen Sie sich von der Kolonisation Ugandas, Sie, der Sie als englischer Staatsbürger genugsam wissen, ein wie, langwieriger, schwerfälliger Prozess die Kolonisation eines Ncnilanides ist. Und gesetzt, es wäre dein so, wo haben Sie die Sicherheit, dass die Juden in Uganda, J uden bleiben? Sagen Sie doch selbst, „dass Palästina uns *) Im Original nicht fett gedruckt,

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