Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1905-03-10 · 10 (10.3.1905) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
10 (10.3.1905)
Date
1905-03-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316128-3316143--46657-3341514
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 10 „bie # weil" Seite 3 liehe Gleichberechtigung erlangen werden, aber bei der Berechnung der tatsächlichen Terhältni&se müssen wir an die vor unseren Augen stehenden Beispiele von Galizien und Rumänien denken. Wir müssen stets im Auge' behalten, dass die grossen Massen des russischen Volkes, mit Ausnahme vielleicht von Finland und den baltischen Provinzen, viel ungebildeter, roher, politisch unreifer sind als das Gros der Völker von Galizien und Rumänien. IT nid es ist doch ganz lächerlich und ganz unbegründet, von den grossen Massen des unwissenden russischen Volkes mehr zu erwarten als vom galizischen«und rumänischen Volke. Gewisis ist nicht zu verkennen, dass wir, in unseren persönlichen Rechten von der bureaukratischen Willkür entlastet und befreit, viel leichter aufatmen und uns viel freier bewegen werden, aber unsere ökonomische und soziale Lage wird kaum wesentlich verbessert werden. Ja, es ist noch lange nicht ausgeschlossen, dass, wenn das gemeinsame Joch der politischen Unterdrückung, die / eine regelrechte Vertretung der Sonderinteressen der einzelnen nationalen Gruppen direkt verhindert, den Völkern Russlands von. den Schultern genomtnien und eine unbehinderte Geltendmachung der nationalen und sozialen; Sondern! teressen ermöglicht werden wird, dass wir dann in noch grösserem Masse auf dem Gebiete des gesellschaftlichen und sozialen Lebens bekämpft würden. Wenn wir das zahlen massige Verhäl tnis der Juden gegenüber der übrigen Bevölkerung ßusslands genau betrachten, so sehen wir ein, dass wir uns in jedem einzelnen Gouvernement in schwacher Minorität befinden; sogar im Ansiedlungsrayon selbst ist das Durchschndttsverhältnis der Dichte der jüdischen Bevölkerung nur Prozent; das proportionell am dichtesten von Juden besetzte Gouvernement ist das Warsehauer, — da haben wir das Maximum der Dichte, nämlich 18,12 Prozent, die zweite Stelle vertritt das Grodnoer mit 17,28 Prozent. Im übrigen europäischen Russland, ohne den Ansiediimgsrayon bilden die Juden eine quantite negligeable von nur 0,1)4: Prozent (ein Drittel Prozent). Aber nicht nur in ganzen Gouvernements bilden wir kleine Minoritäten, sondern auch in der weiteren administrativen Bezirkseinteilung des Landes (den sogenannten ITjesden) kommen wir nicht gut weg. Sämtliche Gouvernements Kusslands sind administrativ in 7(>8 Ujesden (Bezirke) eingeteilt und unsere Zersplitterung ist so gross, dass wir nirgendwo auch nur ein volles Drittel der Bevölkerung eines Bezirkes ausmachen; nur in zehn Bezirken bilden wir mehr als 20 Prozent der Bevölkerung und darunter machen wir nur in zwei Bezirken mehr als ein Viertel aus (nämlich — Warschauer Bezirk — 28,2 Prozent, Bialystoker mit 28,8 Prozent). Bei diesem Zahlenverhältnisse können wir sogar bei. einem proportioneilen direkten Wahlsystem für keinen Fall auf (div. gerechte Vertretung der Interessen, der jüdischen, sechs Millionen. Seelen zählenden "Bevölkerung rechnen. Im Gegenteil, die ungehinderte soziale Gruppierung kann in manchen H insichten die jetzigen unhaltbaren ökonomischen und gesellschaftlichen Gegensätze noch verschärfen; der gesellschaftliche und ökonomische Boykott,, der auch jetzt sieh fühlen lässt, kann dann viel strammier, systematischer durchgesetzt werden. Da sind die Perspektiven unserer nahen konstitutionellen Zukunft, Und wenn auch viele von uns im Taumel des bevorstehenden „Frühlings" die nahe Befreiung triumphierend feiern und wir schon jetzt von allen Seiten das Anstimmen der alten Lieder der assimilatorischen Verbrüderung hören, so ist es unsere heiligste Pflicht, auf die klaren deutlichen Lehren der jüdischen Geschichte eines ganzen vorhergegangenen Jahrhunderts hinzuweisen und unsere warnende Stimme gegen die als unheilvoll und unstichhaltig erwiesene A'S&imilationspolitik erheben. Wir dürfen nicht vergessen, dass sich das Leben einer Nation nicht in der Erlangung von bürgerlichen Rechten seiner Individuen allein erschöpft, dass es, wenn dieselbe auf eine Fortsetzung ihrer geschichtlichen Existenz ernst reflektiert, noch einer ganzen Reihe von unentbehrlichen n a t i o n alen R e c h t e n bedarf; sie bedarf einer freien, unbehinderten Entwicklung ihrer kulturellen Eigentümlichkeiten, ihrer 'Volkssprache, ihrer Schule u. dgl. Wir müssen diese unentbehrlichen Bedingungen der nationalen Existenz von vornherein im Auge behalten und für Erlangung unserer nationalen Rechte aufs energischeste eintreten. Die Pflicht der organisierten zionistischen Partei Russhmds ist es, mit offenen, klaren Augen die herantretenden Auf gaben des politischen Lebens des historisch wichtigen gegenwärtigen Momentes zu erfassen und die jüdischen Massen auf ihre berechtigten Bedürfnisse aufmerksam zu machen. L—nid. Aus Russland, Petersburg. Der Präsident des Ministerkomitees, Staatssekretär Witte, hat in der Sitzung des Ministerkomitees vom 24. Jänner, wie der amtliche „Regierungsbote" meldet, eine längere Rede über die Lage der Juden in Russland gehalten, welche den ersten Versuch eines russischen Staatsmannes bildet, die von den russischen Antisemiten erhobene Anklage gegen die Juden, dass ein beträchtlicher Teil der russischen Revolutionäre sich aus Juden rekrutiere, sachgemäss zu erklären. Staatssekretär Witte sagte wörtlich: »Das unter den Juden zutage tretende feindselige Verhalten den Russen gegenüber erscheint zweifelsohne als Folge der schweren materiellen Verhältnisse, in welchen gegenwärtig die Mehrheit der r u s s ischen Ju denl e b t, unter dem Drucke der geltenden Beschränkungen ihrer Rechte und unter der Last der den Juden ungünstigen Deutung, welche viele Lokalbehörden diesen beschränkenden Gesetzen geben.. Diese Aeusserung des hervorragendsten russischen Staatsmannes der Gegenwart hat jedoch nur annähernd die unmögliche Lage bezeichnet, in welcher die russischen Juden sich gegenwärtig befinden. Die führenden antisemitischen Blätter in Russland, die „Nowoje Wremja\ „Moskowskija Wjedomosti" und „Swjet", welche die Verhandlungen in der Sitzung des Ministerkomitees vom 24. Jänner kommentieren, ignorieren aber die Worte des Präsidenten Witte vollständig. Diese Haltung der judenfeindlichen russischen Presse, welche unter den Russen so stark verbreitet ist, dürfte mehr als charakteristisch sein. Petersburg. Die Blätter publizieren Meldungen aus verschiedenen Städten Süd- und Ostrusslands über Exzesse gegen die Juden und über Aufhetzung zum Hasse wider die Juden, deren Charakter deutlich dafür spricht, dass gegenwärtig böswillige Per&oneu die Städte bereisen, in denen Juden leben, um Judenkrawalle herbeizuführen und die Russen zu Gewalttaten gegen unsere Volksgenossen aufzuwiegeln. Das Schrecklichste dabei ist, dass die Agitation die Misserfolge Russiands im fernen Osten und die innere revolutionäre Bewegung dazu benützen, um die Juden dafür verantwortlich«, zu machen. Das tun sogar, wie wir unten sehm werden, Priester von der Kanzel herab. Uralsk. Wie die Zeitschrift „Uraletz" meldet, hat im alten Sobor (Kathedrale) in Uralsk der Ortspriester nach der Liturgie eine Predigt gehalten, in welcher er erklärte, dass die Arbeiterbewegung in Petersburg und die anderen Ereignisse in Russland auf die „böswillige Agitation der Juden und der Polen* zurückzuführen seien. Riga, in Riga hat die Agitation gegen die Juden einen noch unheimlicheren Charakter angenommen. Dort wurden Proklamationen verbreitet, in welchen für die Ermordung der Juden Lohn und Danksagungen des Zaren versprochen wurden. Die Zeitschrift „Der Jurist* publiziert den Wortlaut dieser Proklamation. Es heisst darin unter anderem : „Arbeiter! Schenkt denjenigen keinen Glauben, die zu euch kommen und euch gegen den Zaren aufreizen. Verjagt sie aus den Fabriken, wenn sie zu euch kommen, prügelt sie und schlagt sie tot. Der Zar wird euch dafür danken, Gott und die Kirche werden euch belohnen. Denn unsere Feinde

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.