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Die Welt · 1905-03-10 · 10 (10.3.1905) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
10 (10.3.1905)
Date
1905-03-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „51* # es ist aber ein bezeichnender Beweis dafür, dass die Richtung der Ministeriums nicht mehr in der weiteren Verschärfung der Judengesetze lag, sondern dass eine andere Jüchtung eingeschlagen, worden war. Allerdings hat% Minister v. Plehwe seine schreckenerregenide Popularität vollanf verdient, denn mehr als jeder andere hat er die Jfudenpolitik zum dienstlichen; untergeordneten W e r k z e u g seiner allgemeinen Politik gemacht. Er wollte die revolutionäre Bewegung vollständig beim Volke diskreditieren, indem er dieselbe zu einer spezifisch jüdischen gestempelt hat. Auch diese Politik kann auf eine besondere Neuheit keinen Anspruch machen, denn dieselbe ist schon zu wiederholten Malen Ende der siebziger und anfangs der achtziger Jahre im Gebrauche gewesen. Jeder anarchistische Anschlag, sogar jede politisch unliebsame Aeussorung, jede politische Gärung, fast jede Demonstration wurde ann dem ,,irregeführten" Volke als eine (•raniole (Aufwühlung) seitens der Juden und Liachen (Polen) dargestellt. v. Plehwe hat aber diese alte Methode in ein ganzes System umgewandelt und dasselbe direkt propagiert. Er hat direkt mehrere Male Gelegenheit genommen, den Vorstehern* der jüdischen Gemeinden gegenüber sich dahin zu äussern, dass, wenn die jüdische Jugend sich von den politischen Bewegungen nicht fernhalten und zurückziehen werde, er für das Verhalten der Bevölkerung geegnüber dem lieben und dem Gute der Juden keine Sicherheit übernehme. Besonders klar und frei von jeder Zweideutigkeit trat dieses System in der berühmten Rede des unmittelbar Herrn v. Plehwe untergeordneten Mohilewer Gouverneurs. Herrn Klingenberg, hervor. Ich denke an die Rede von 3. resp. 16. September 1903 gleich nach den Homeler Krawallen. „Dil1 Ursachen der letzten Ereignisse" — sprach der Vertreter der Regierung zu den ausgeplünderten Juden — „muss man viel tiefer suchen. Ich kenne das Moliii ewer Gouvernement seit 25 Jahren, da waren die Juden wohlgesinnt (loyal), da nahmen sie an keinen politischen Bewegungen teil und da war keine Ahnung von Krawallen. Jetzt sind die Juden die Leitenden, die Führenden in allen regierungsfeindlichen Bewegungen. Dieser ganze ,,Bund" und die „Sozialdemokratie" sind lauter Juden. Freilich, es befinden sieh darunter auch Personen andrerer Konfessionen, aber die sind die Verleitct e n, die Verleiter sind immer Juden. In den Gymnasien demoralisieren die Juden die Jugend, in der Universität nehmen an allen verbotenen Versammlungen nur Juden Anteil . . . Und da sind die ."Früchte ihrer Tätigkeit. Ihr p r o p ag i e r e t u n t e r e i n e r u n zivilisierte n B e v ö 1k e r u n g U n g e h orsa m, K a in p f mit de r R e g i er u n g, a l> e r die russisch e n M; a s s e n w o 11 e n dies n i c h t u n d k ehren sie Ii g e g e n e u c Ii selbst," Ganz genau dasselbe wiederholte sich in den übrigen von den Juden bevölkerten Städten. Man bekam in Wilna, Minsk, Witebsk, überall ganz klare Andeutungen, — dass, wenn von jüdischer Seite ungesetzliche D e m o ns t r a t i o n e n s t a 11 f i n d e n w e r d e n, d a r a u f K r a w alle folg e n w e r d e n. Dann, in dieser Xutzbarniachung der Judenfrage für die Zwecke der allgemeinen russischen Politik liegt die historische Bedeutung der Plehwesehen Person. Aber auch in dieser Richtung hätte die Tätigkeit dieses Staatsmannes nie so folgenschwer, so schauerregend verhängnisvoll sein! können, wenn dieselbe nicht dem Geiste der mächtigen $ ■ ■' £T russischen höheren Kreise entsprochen und nicht in der einflussreichen Partei der „Russischen Versammlung" eine feste Stütze gefunden hätte. WeH" Nr. 10 Allerdings unter einem so allmächtigen Schutze, wie unter dem des Ministers y. Plehwe, traten die inoffiziellen Kreise, die geheimen Quellen der aktiven Judenfeindsehaft in den Hintergrund und die gesamte judenfeindliche Politik schien mit der Person des Ministers .identifiziert zu sein. Ajber mit dem Sturze von Plehwe ist die Judenfeindliehe Politik durchaus nicht abgetan. Im selben Moment, in dem an die Spitze des Ministeriums des Innern eine liberale und humane' Persönlichkeit getreten war, fand eine feste Vereinigung aller reaktionären und jndenfeinidlichen Elemente statt. Sie scharten sich um die „Russische Versammlung" zu einer imposantem Opposition zusammen und setzten ihr systematisches verderbliches Werk dem Minister zum Trotze fort, sie verhinderten jede vom Minister vorgeschlagene liberale Massregel, paralysierten seine Tätigkeit auf Sehritt und Tritt. So zum Beispiel ist Gouverneur Klingenberg, den die ausländischen Blätter schon vor Monaten als abgesetzt gemeldet haben, trotz des Fürsten Mirsky im Amt und in hoher Stellung geblieben; zu den Gerichtsverhanffiimgen über den Krawall in Hömel ist zwar die Oeffentlichkeit zugelassen worden, aber die Prozessführung hat in einer Weise stattgefunden, dass sie in der Knebelung der Verteidigung und in der Verhinderung der Klarstellung der' Handlungen der Polizei und des Militärs ganz bedeutend den Kisehinewer Pro>zess übertraf: Aus alledem geht zur Evidenz hervor, dass wir in R u s s 1 a n cl wie in der ganzen übrigen Welt, mit gesellschaftlichen Parteien als politischen F a kt o r e n zu rechnen haben. Schon jetzt lassen sich die Hauptzügje der Parteiung des politisch reifen Teiles der russischen Bevölkerung ohne besondere Schwierigkeiten aufzeichnen. Vor allem sehen wir jetzt an der Spitze eine mächtige „Hofpartei" oder besser gesagt „Grossfürstenpartei", dann folgt die kriegerisch gesinnte Junkerpartei (Militärpartei); weiter haben wir dann eine fest organisierte konservativreaktionäre Partei (die Partei der „Russischen Versammlung",) schliesslich tritt noch eine halbliberale, protektionistische, grossindustrielle Partei hervor. Weiter links finden wir eine rein konstitutionelle, demokratische (in politischem Sinne) Semstwopartei, noch weiter links kommt die „organisierte" sozialdemokratische. Arbeiterpartei und ganz zum Schlüsse die halb sozialistische, halb anarchistische, rein revolutionäre Partei. Ausser dieser Parteiung Stamm russtands spielen eine sehr bedeutende Rolle in der Konstellation der russischen politischen Kräfte die verschiedenen nationalen Parteien, so z. B. ist der Einfluss der polnischen, finnischen, armenischenlith au i sehen, kleinrussischen und anderer nationaler Parteien durchaus nicht zu unterschätzen. Und sollte die jetzige, in den Annalen denrussischen Geschichte unerhörte Gährung für das Grosse Russland etwas Heilvolles herausreifen lassen, so steht zu erwarten, dass es höchstwahrscheinlich die Form eines konstitutionellen Staates von der etwaigen Struktur Oesterreichs, resp. eines Mittelgebildes zwischen Oesterreich und Rumänien annehmen wird. Dabei wird der hauptsächliche Naf ionalitätenkampf in den westliehen Provinzen des Reiches sich abspielen, d. h. da, wo die ganze jüdische Bevölkerung, konzentriert ist. Wir dürfen uns durchaus über die uns in der nahen Zukunft bevorstehenden Geschicke nicht täuschen, und da wir überall, in jedem Gouvernement ohne Ausnahme, in einer Minorität sind, so werden unsere Interessen, auch bei der liberalsten Verfassung, die noch lange nicht durchgeführt ist, in keiner sicheren Weise gewahrt werden. Wir können erwarten, dass wir auf dem Papier, in der Theorie irgendwelche Rechte oder sogar die bürger-

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