Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „&fe # Wett" Nr. 9 zu diesem Zwecke gesammelt werden. Zur Kolonisierung von 300.000 Seelen seien 10,000.000 Dollars nötig. Man dürfe also voraussetzen dass die „Ica* die Angelegenheit doch in ihre Hand nehmen werde. Aber den Zionisten obliegt« es, sich Einfluss zu verschaffen, und zwar sollte der nächste Kongress Vorsorge treffen, dass die »Icau hier nicht nach denselben Prinzipien kolonisiere wie in Argentinien. „Icatt habe nämlich bloss die Millionen Baron Hirschs, aber nicht dessen edles Herz. In der „Haschkafa" Nr. 41 teilt deren Redakteur B e n - Jehuda mit, dass er sich von dem in Palästina bestehen den Komitee zur Erweiterung der hebräischen Sprache zurückziehe, und zwar aus rein persönlichen Gründen, da er nämlich nicht zum Vorsitzenden dieses Komitees gewählt wurde. Es ist wahr, dass ßen-Jehuda auf diesem Gebiete bereits viel gearbeitet und schätzenswerte Erfahrungen sich erworben hat, aber wir finden es unbegreiflich, wenn er einer seinem Herzen so nahestehenden grossen Sache nur dann dienen will, wenn er den Präsidentenstuhl innehat. So viel Persönliches, Allzupersönliches hätten wir diesem Manne niemals zugemutet! In derselben Nummer dieses Blattes klagt eine Originalkorrespondenz aus Marokko in bitteren Worten über die grosse Notlage in der sich die dortigen Juden befinden. Gegen 3000 Seelen in der Gemeinde der Hauptstadt Fez sind buchstäblich dem Verhungern ausgeliefert, da sämtliche Armen der Stadt Taza nach den Verfolgungen sich dorthin flüchteten; unter diesen sind mehrere hundert Kranke die infolge der Teuerung nicht verpflegt werden können, und die Gemeinde ist darob in höchster Verzweiflung. „Der jüdische Arbeiter*' (Jargon), Zentralorgari der österreichischen „Poale Zion", tritt mit der am 10. Februar erschienenen ersten Nummer des zweiten Jahrganges in das Eigentum des Verbandes der „Poale Zion'% gemäss dem Beschlüsse des Krakauer Parteitages. Diese Nummer enthält eine Reihe trefflich redigierter Beiträge, so den Anfang eines Artikels von Ben-Berachel unter dem Titel: „Ein Kommentar zum Zionismus", in welchem mit scharfen und klaren Argumenten für Palästina und gegen Uganda gekämpft wird. Auch die Artikel „Ueber die Vorgänge in^Russland" und „Aus dem jüdischen Proletarierleben'4 sind wohl informierend und zweckentsprechend. Das Blatt ist dahin vergrössert worden, dass es vom 1. März zweimal im Monat erscheinen wird. Hebräus. Richtigstellung. Auf Seite 14 der vorigen Nummer (Nr. 8) soll es in Zeile 3 (von oben links) heissen: „und den Leuten will doch" etc., statt „denen will doch" etc. Feuilleton. Im Jargontheater. Von Leo B a f a e 1 s. Wir begehen eine schwere Unterlassungssünde, indem wir das Jargon theater von oben herab behandeln, sein Vorhandensein vornehm übersehen. Ich stecke bis an den Hals in schwerer Berufsarbeit, die weiten weit vom jüdischen Theater, von jüdischem Wesen überhaupt entfernt ist, und aus Angst vor Zersplitterung halte ich alles von mir fern, was nicht im engsten. Zusammenhang mit meiner aint'lieben Tätigkeit steht. Deshalb habe ich alle inneren Verlockungen lange von mir gewiesen, so lange es eben ging — und jetzt sitze ich doch da und spreche vom jüdischen Theater. Das ist die Macht der Schaubühne auf ein in Selbstzucht geübtes Gemüt; wie muss sie erst die grosse \Knge bezaubern, die sich willig starken Wirkungen üi>erlässt? Deswegen, meine ich, sollten wir das Jargontheiater öfter aufsuchen, es besser kennen lernen und mit seinen hosten Kräften in Fühlung treten: es ist im Getriebe unserer Bestrebungen eine Feder von nicht zu unterschätzender Bedeutung Ich habe Stunden tief innerster Scham, aber auch Stunden reinster Erhebung im Jargontheater erlebt. Ich will es versuchen, meine Eindrücke in einigen flüchtigen Bemerkungen festzuhalten. Die Zuschauer, Das jüdische Theater ist natürlich in einem- Wirtshauslokal untergebracht; die jüdischen. Schauspieler haben ja. nie genügenden Zuspruch, um die Miete für ein eigenes Haus zu erschwingen. In vielen Fällen ist der Inhaber des Wirtshauses auch der finanzielle Leiter des Theaters, die Preise der Plätze sind nicht allzu hoch bemessen; wenn, man 2 K für einen Logensitz zahlt, hat man das angenehme Bewußtsein, zu den allervornehmsten Leuten im Theater zu gehören. Ach! die Männer und Frauen in den Logen mögen sehr reich sein, vielleicht Grundbesitzer aus der Umgebung der Hauptstadt, vielleicht Bankiers aus der Provinz — vornehm sind sie nicht. Die „vornehme" Welt unserer Stadt, der alte jüdische „Adel", die vielbeschäftigten Advokaten, die gesuchten Aerzte sind in. diesen Räumen niemals zu finden : so alt ist auch unser ältester Adel nicht, dass er es wagen dürfte, den schrecklichen Verdacht aufkommen zu lassen, dass zwischen ihm und dem entsetzlichen Jargon irgend ein geschichtlicher Zusammenhang bestellt. Wer weiss, wie mancher dieser Aristokraten sich in stiller Sehnsucht nach den anheimelnden Lauten der jüdischen Bühne verzehrt; aber Adel verpflichtet und so geht er in das deutsche Theater, langweilt sich zutode bei der mittel massigen Wiedergabe von, Lebensverhältnissen und Seelen kämpfen, die er nicht kennt und nicht versteht, dafür aber spricht er im Kaffeehaus und in Gesellschaften seiner Frau mit, wenn man das neueste Theaterstück von Hauptmann oder Hartleben mit Kennermiene kritisiert. Ganz vorne beim Orchester schmusen hochelegante junge Leute mit iiberlehhaften Augen und aufdringlichem Schmuck. Das sind Bei sende aus dem Westen, die un<sere zairückgebliebene Stadt mit den Produkten der böhmischen und mährischen Industrie beglücken und nach den aufreibenden Geschäften des Tages in das jüdische Theater gehen, „um sich eine Hetz zu machen". Das reden sie nämlich einander, vielleicht auch sich selber ein, und benehmen sich anfangs darnach; sie witzeln über das Publikum der hinteren Tische, das sich nicht entsehliessen kann, die Kopfbedeckung abzunehmen, über die jüdischen Kellner, die jüdischen Speisen, die armen Musiker zu ihren Füssen; aber wie der Vorhang in die Höhe geht und die Schauspieler zu sprechen beginnen, erstarrt allmählich das überlegene Grinsen der westlichen Kulturträger, unbewumt legen sie Messer und Gabel aus der Hand und sind bald mit allen Sinnen im Banne des verspotteten Jargons. Erst wenn der Vorhang wieder gefallen ist und das elektrische Licht unbarmherzig die verlegenen Gesichter der Jünglinge zeigt, suchen sie sich mit üblicher Gewandtheit aus der Klemme zu ziehen. „Haben Sie etwas verstanden, Joll.es?" „Ich weiss ungefähr, um was es sich handelt; aber Sie, Löwi, Sie haben Ihr Essen kalt werden lassen!" — Die „reservierten Sitze" bilden örtlich und sozial die Mitte zwischen den Logen und den hinteren Tischen; da findet sich der [bescheidene Geschäftswohl stand ein, der nichts zu verschwenden hat, aber sich vergeben würde, wenn er mit dem „Volke" zusammenfasse.. Sie kommen familienweise: Männer, Frauen und Kinder! Kleinwinzige Dinger von fünf Jahren und noch weniger sitzen bis elf Uhr nachts im Theater und geben weder den Eltern noch den anderen Leuten zu schaffen; die frühreifen Seelen folgen mit Verständnis und Teilnahme dem Stücke. Ist das nicht in einem einzigen Zuge ein ganzes Stück Völkerpsychologie? Die jüdische Mutter, die sich nicht entschliessen kann, auf den Theatergenuss zu verzichten, aber zu viel Mutter ist, um ihr Kind fremden Händen zu überlassen --