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Die Welt · 1905-03-03 · 9 (3.3.1905) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 9 ❖ w*it" Seite 15 Mit einer solchen Mutter sass ich jüngst einmal an demselben Tisch und da schämte ich mich in die tiefste Seele hinein. Es wurde Goldfadens ,,Akeedah" gegeben, nach Sprache-, Inhalt, Technik ein spontanes Wiederaufleben des alten Mjysteriumspiels mit seinen Knittelversen, groben Reimen, derben Scherzen und tiefem, echtem Gefühl. Kann es für eine jüdische Frau etwas Einfacheres, Fasslicheres geben als die Geschichte von der „Opferung Isaaks"? Nun denn, die Frau verstand den. ganzen ersten Akt hindurch nicht, um was es sich eigentlich handelte. Elieser, Ismlael, Lot streiten sich um das Erbe Abrahams: -Wer ist Elieser?" — „Wer ist der komische Mensch (Ismi:iel)?" — „Wer ist Lot?" Worauf der Mann die geflügelten Worte sprach: „Alle drei sind Diener beim kinderlosen Abraham und wollen ihn beerben." Ein wohlhabender Geschäftsmann, der den Jargon spricht, allerdings sehr gegen seinen Willen, und zu einem Betverein gehört! * * * Die S t ü c k e. Von den vielen, vielen Theaterstücken im Jargon, die es geben soll,, habe ich einen verschwindend kleinen Bruchteil gesehen, alles in allem etwa ein halbes Dutzend; davon sind drei von Goldfaden, dem Schöpfer des jüdischen Theaters: „Die Opferung Isaaks", „Sulamith", „Sehniendrik", und in diesen paar Stücken sind, wie man mir sagt, alle Typen der ganzen dramatischen Jargonliteratur enthalten. Ich. habe eigentlich nur zwei Gattungen unterscheiden können: das historische Singspiel und das Lebensbild; „Die Opferung Isaaks" vertritt die eine, „Sdimendrik" die andere Eichtling. Wer in der Stimmung ist, sich über die ganze Jargon-hühne lustig zu machen oder einem Jargonschwäriner einfür allemal die Liebe zum jüdisch-deutschen Theater auszutreiben, der führe eine Gesellschaft zu dem Stücke „Esra, der ewige Jude": ich gebe ihm die Versicherung, dass die Heilung eine gründliche sein wird. Eine solche Spottgeburt von Geschichtsfälschimg und verlogenem Pathos, von unberufener Verteidigung des Judentums, ungewollter Entweihung, ist mir noch nie unter die Augen gekommen. Nicht viel hesser ist ein anderes Stück ähnlicher Mache, „Der komische Herrscher", nur dass das possenhafte Element ein^ rechte Empörung nicht aufkommen lässt. Merkwürdigerweise scheint diese Gattung heim Stammpublikum des Jargontheiaters sehr beliebt zu sein; die guten Leute nehmen die Bühnenereignisse offenbar für urkundlich erhärtete Geschichte, klatschen rasend Beifall, wenn „Esra, der ewige Jude" dem König von Polen, ein jüdisches Heer gegen die Russen zur Verfügung stellt und die Moskowiter wirklich zu Paaren treibt; sie schütten sich aus vor Lachen, wenn der Grossincpirsitor sich als ein Säufer und Schürzenjäger entpuppt, sie weinen heisse Tränen — nein, da gehöre ich zur Masse, was zum Weinen ist in den Stücken, das ist immer echte Geschichte; in diesem Punkte braucht der Dramatiker nicht seine unfruchtbare Einbildungskraft zu bemühen. Das Unerträglichste bei der „historischen Operette" — die irreführende Verkleinerungsform stammt leider von Goldfaden seihst! — ist der Doppelstil: vornehme Leute, gleichviel, ob Juden oder Nichtjaiden, sprechen „hochdeutsch", Dienstpersonen gebrauchen, wieder ohne Unterschied der Volkszugehörigkeit oder des Bekenntnisses, den Jargon. Dieser Versuch, in der Sprache der Wahrheit nahezukommen, ist für den Forscher sehr lehrreich, aber ein Genuss ist dadurch ganz ausgeschlossen! Sobald die armen Sehiauspieler „hochdeutsch" radebrechen müssen, haben wir das Gefühl, dass sie mit Gefahr ihres Lebens auf fürchterlichen Stelzen ein'hergehen — da hört jeder 'Spass auf. . Die besten Kräfte versagen im historischen Stück; die Erau M\, die uns als die Darstellerin einer tüchtigen, braven „Judene" ergriffen hat, macht sich lächerlich und vertreibt uns, sobald sie die Geliebte des polnischen Königs vorstellen muss. Ganz anders steht es um die „Lebensbilder"'. Lacht euch aus, soviel ihr wollt: „Mirale Ef ros" ist das Wstc Stück, das ich seit zehn Jahren in Oesterreich, Deutschland, Frankreich und England gesehen habe. Es ist aus einem Guss, wahr, voll Verstand und Gemüt, ein Stück jüdischen Lehens mitten ans der Gegenwart heraus, lebcn- •cTi<>\ bewegt, reich an feinsten Details. Und die Schauspieler legten sich gehörig ins Zeug! Die Leutchen waren offenbar glücklieh, sich „ausleben" zu können: in „Mirale Efros" wird, wie in allen Lebensbildern, von Anfang bis zu Ende Jargon gesprochen. Und doch war mir auch dieser schöne Abend kein ungetrübter Genuss. Das Stück spielt im heutigen Eusslanid, an der galizischen Grenze, und die Verhältnisse sind mit photographischer Treue wiedergegeben, als wäre der Verfasse]- S. Gordin — so nennt ihn der Theaterzettel — bei den Berliner Realisten in die Schule gegangen. Also volles, pulsierendes Lel>en von heute. Fleisch von unserem Fleisch, Bein von unserem Bein? IST ein! Wenn man näher zusieht, sieht man, dass der Dichter aus der Ferne des Orin< — und der Zeit! — porträtiert. Detailnialerci liegt nicht im Wesen der Heimatskunst, die Stoffe und Menschengestalt der täglichen Umgebung entnimmt, am allerwenigsten jener dramatischen Kunst, die auf die „hinteren Tische" rechnen muss. Es gehört zur realistischen Kunst, dass z. B. in „Herzale Mejiches" die Sabbutausgan^stinunung durch ein kurzes Hainasd i 1 angedeutet, die Hochzeit von der alten Melodie eingeführt wird. Aber was uns in „Mirale" geboten wird, ist ganz was anderes. Die fromme, brave, ausgezeichnete Mirale singt alle Strophen des „Gott von Awrom" — das ist nicht für die Frauen gesehrieben, die gleich Mirale das herrliehc Lied allsablnd 1 ich singen, denn die würden ein so selbstverständliches Detail in solcher Ausführlichkeit als störende Unterbrechung der Handlung empfinden; nein, das ist für Männer und Frauen, die sich dunkel erinnern, einmal in der weit zurückliegenden Jugendzeit das Lied aus dem Munde der Mutter oder gar Grossmutter gehört zu haben, diesen Männern und Frauen ist das „Gott von Awrom" kein realistisches Detail, sondern verlorene Jugend, die blaue Blume der für ewig verlorenen alt jüdischen Sabbatpoesie . . . Ihr amtlich bestellten Wächter und Erhalter des Judentums, geht doch einmal in das jüdisch-deutsche Theater und seht euch das Publikum und die Stücke an; horcht mit scharfen Ohren hin und sagt aufrichtig, was ihr aus dem Beifall und der Ablehnung herausgehört habt: lebendes, treibendes, blühendes Judentum oder — Vergessen und Verfall!--- * * * D i e D a r s t e 1 1 e r. Es sind greuliche Pfuscher und armselige Gestalten in der Wandertruppe, die jetzt gerade in unserer Stadt ,,gastiert"; aber was für prächtige Talente sind unter ihnen., was für ausgezeichnete Stimmen! Der Hehl und Liehhaber würde jeder Oper zur Zierde gereichen, wenn er es nicht vorzöge, seine feine, diskrete Schauspielkunst in den Dienst des Dramas zu stellen; der Komiker würde überall volle Häuser erzielen. End diese Künstler ziehen unter demütigenden Verhältnissen, sicherlich auch in Not, von Ort zu Ort und spielen vor armen Leute]], denen es an, Verständnis für ihre Leistungen, an Geld für bessere Plätze fehlt! An ■ Wochentagen ist das Theater zu zwei Dritteln

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