Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 „bis & weit" Seite 5 einen tragischen Moment im Leben des jüdischen Volkes zum Ausgangspunkte nahm. Musste er lange darnach suchen? Kr schaute um sich vm'd das Gespenst von K i s e ho u e w stand vor seinen Augen, das blutige, grausige. Und dieses Gespenst war es, das wie in „Hamlet" den Geist 'des Vaters zum "Kampfe reizt, zum Wahnsinn treibt. Eine schlichte jüdische Arbeiterfamilie in Russland. Per Vater, Elieser, ein alter Uhrmacher, wohl kein besonders gescheiter Mann, aber mit einfachem, weichem Herzen. Sein Sohn, Student einer rassischen Universität, feuriger Sozialist, L i a, die einzige Tochter des Alten, ein junges Mädchen, Studentin. Die beiden jungen Leute hal)en ihrem Volke den Rücken gekehrt. Aber in ungleicher Weise. Er, der Student, hat endgültig, unwiderruflich gebrochen, ihn rührt nicht das. jüdische Elend, er kennt nur das Arbeiterelend, ihn rührt nicht die Tragik des Judentums, er sieht nur den Schmerz der Menschheit, dann den des russischen Volkes. Sie — Lia—ist jüdischer. Si e hat die alten Ju den schmerzen, die Sehnsucht nach dem Volke nicht auszurotten, nicht zu verleugnen vermocht. Alles Jüdische hat sie abgestreift, nur die Liebe zum Volke nicht, nur nicht den Stolz des Volkes. Dazwischen zwei Typen — ein Stockrusse — der Student B e r e s i n, Sozialist, Sohn eines Geistlichen, einer, der mit seiner Umgebunggebrochen hat, der zum „Jnng-Russland" gehört. Und er liebt Lia und wird geliebt. Denn seine Wünsche sind ihre Wünsche und seine Ideale sind die ihrigen. Paneben a c h m a d, ein Stockjude, ein Vertreter des stolzen Judenideah, einer, der mit den alten Anschauungen des geknechteten Judenvolkes gebrochen hat und zum „Xeujudentum" gehört ■— ein Zionist. Und er liebt Lia — und sie liebt ihn nicht, denn seine Ideale sind nicht die ihrigen. Sie meint, ein neues, breites, grösseres Leben kennen gelernt zu haben — die Kähmen des alten Milieus sind ihr zu eng geworden. Beresin ist ihr ideell näher. Aber nur ideell, denn im Herzen ist sie Jüdin geblieben. Und während der rührenden Szene im zweiten Akte, wo der Seelenkonflikt des Mädchens zum Durchbruch kommt, sieht m*an die gewaltige Kluft, die zwischen den. beiden Welten liegt. Ein heftiges Anein and erprallen von Ansichten. Nacliman gegen Beresin. Zionismus gegen Sozialismus, Judentum gegen Kussentum — denn trotz seiner sozialistischen Ideale kann sich Beresin seines National riissentums nicht entäussern, er kann nicht und will es auch nicht. Wer bleibt Sieger? Offenbar der Kusse — wenigstens in der Diskussion, in der Theorie, Naehman erscheint uns im Stück als ein Fanatiker, als eine krankhafte, gereizte Persönlichkeit. Offenbar wollte uns der Dichter die ganze Ideologie des Zionisten als krankhaft, als Resultat einer nervösen Reaktion darstellen. A b e r d a s L e b e n g i b t d e m Z i on i s t c n r e cht. Beresin, der Student, Eliesers Sohn, Lia. der Arbeiter, der die Sache des Proletariats mit schäumendem Munde verteidigt, alle werden sie überwältigt durch die elementare Wucht der Ereignisse. Ein JudeneA-zess entsteht, ein zweites Kischenew. Wer hat recht? vscheint der Dichter zu fragen. Der Zionismus als Reaktion gegen den Antisemitismus — das ist die Auffassung des Dichters. Teilweise richtig, soweit es die äußerliche Seite der Bewegung betrifft, innerlich vollkommen falsch, weil sie die ganze Ideologie der Bewegung verkennt. Wir haben bisher in der Literatur wenig zionistische Dramen — ausgenommen ,,Das neue Ghetto" und „Doktor Kohn" — Dramen, die die psychologische Herkunft des Zionisten aufdeckten, die Grundtiefen einer Seele bloßlegten, die Seiten seiner Psyche berührten, die mit Antisemitismus eigentlich nichts zu tun haben. Alle bisherigen Dramen und Novellen waren sozusagen künstlerische Kommentare der materialistischen Geschichtsauffassung. GibtV aber keine andere Erklärung, keine tiefere, innerlich notwendigere? Ein solches Drama erwarten wir. Unsere tiefen Dichter mögen darüber nachdenken. Man hat neulich Z a n g av i. 1 1 einen Vorwurf gemacht, dass er eigentlich kein tiefes Seelenbild des modernen Judentums gegeben hat. Carl J o u b e r t meinte, Zangwill hätte Besseres zu tun, ah Lustspiele zu schreiben. Ich weiss nicht, ol) Jonbert recht hat, aber unwillkürlich entsteht die Frage: Warum schöpfen unsere Dichter so wenig aus dem Leben unseres Volkes? Warum müssen jüdische Probleme von Xichtjuden, also Aussen stehen den, behandelt werden? S p e c t a t o r. Berliner Brief. Die jüdische Gemeinde in Berlin wird wahrscheinlich demnächst da? liberale Regime spüren können. Unübertroffene Wohltäter, die nun die Liberalen eben sinkl, wollen sie nicht sehr bemittelte Glaubensgenossen von der unerträglichen Last des Steuerzahlens befreien. Wahrhaftig eine Wohltat, die gar mancher Steuerzahler wohl zu schätzen wissen würde. Freilich, gedenkt man dabei nicht, den richtigen Grundsatz eines vernünftigen und natürlichen Hechtes zu verletzen, dass nur der Steuerzahler auch das Wahlrecht ausüben darf. Aber was ist Wahlrecht für diese Paupers? Die Repräsentanten verzichten auf sie sehr gerne; die Gemeindeangelegenheiten wurden durch so viele Jahre ohne Einfluss dieser untersten Kreise erprobt masterhaft zum allgemeinen Besten erledigt und sie allein sollten doch an erster Stelle nicht so dumm sein und den Wert des Stimmzettels für die Repräsentantenwahlen mit sechs Mark jährlich abschätzen. Der fürsorgliche Gemeinde vorstand also verlangt einen Beschluss der Rcpräscntantenversamnilung, wonach Gemeindemitglieder mit einem Einkommen von 900—1200 Mark jährlieh nicht zur Steuerzahlung veranlagt werden dürften. Ausser der erwähnten liebevollen Rücksicht auf das Wohl dieser Gemeindemitglieder handelt es sich um eine kleine Sparsamkeitsmassregel, da die Erliebungskosten in den erwähnten Gruppen der Steuersumme gleichkommen eder sogar si-> noch übersteigen. Der liberale Referent, der für die Annahme des Antrages war, sehlug bloss, damit man nicht etwa plutokratische Absichten (die man doch weder dem Vorstände noch den Repräsentanten zumuten kann!) den Gemeinderäten vorwerfen könnte, das Amendement vor, dass man die in Betracht Kommenden von dem Beschlüsse benachrichtige und über seine eventuellen Folgen belehre. Gegen diesen Vorschlag wur'de seitens des Vorstandes bozeiehnendenveise eingewendet, er besitze kein Mittel, diese nicht zu Besteuernden ausfindig zu machen. Also der Gemeinde verstand besitzt —eigentümlich genug—keine Möglichkeit, sieh mit seinen Mitgliedern, resp. einer bestimmten, Gruppe unter ihnen zu verständigen. Der konservative Korreferent war für Ablehnung des Antrages, in dem er nicht auf die damit verbundene Verlustigerklärung des Wahlrechtes so vieler Genieindeinitglieder eingehen konnte. Er fand aber nur einen Anhänger. Die übrigen hielten eben den Verlust des Wahlrechtes für nicht so tragisch. So gehen die liberalen Gemeindeiiäupter in derselben. Zeit, in welcher man in allen repräsentativen Körperschaften für eine fortwährende Ausdehnung des Wahlrechten kämpft, mit der grössten Ruhe daran, dasselbe einzuschränken und womöglich für immer die Herrschaft des Geldsache« zu befestigen. Freilich ist die Entlastung dieser kleinsten Einkommen nur recht und billig, nur muss sie