Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316142--46637-3341493- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 „bie * weit Ni\ 9 Ja, was will das sagen? Nur keine Romantik, sondern Ziffern. Die reden eine klare Sprache. Man höre nur: Im letzten Berichtsjahre (d. i. vom 1. Juli 1903 bis zum 30. Juni 1904) wanderten nur nach den nordamerikanischen Vereinigten Staaten aus Oesterreich-Ungarn 20 211 Juden. Nun wissen wir ja aber zwei Dinge: 1. Die jüdische Emigration geschieht fast ausschliesslich aus Galizien; weder aus Ungarn noch aus den anderen Teilen Oesterreichs wandern, die Juden aus, eher geschieht das Gegenteil, wenn auch nicht in bedeutendem Masse; 2. wandern Juden nicht bloss nach Nordamerika; man findet galizisdhe Juden in allen neugebildeten Ghetti, sei es in London oder in Paris oder sogar in manchen Städten der Schweiz. Wenn wir also diese Zahl 20 211 nur auf die kaum 800 000 Juden Galiziens beziehen werden, bekämen wir als Resultat, dass 2,5 Prozent jährlich auswandern. Beziehen wir aber, um ganz genau zu sein, diese Zahl der Auswanderer auf die ganze Zahl der österreichischen Juden. Nach der letzten Zählung wohnen in ganz Oesterreich 1 224 899 Juden. Nehmen wir sogar an, die Juden emigrieren aus allen Teilen Oesterreichs gleich-massig, so erhalten wir doch 1,(54 Prozent jährlicher Auswanderung. Nun verspricht man uns solche Zustände in Kussland. Das heisst — wenn wir denselben Prozentsatz (1,64 Prozent) annehmen — dass von den 5 189 401 Juden, die Russknd nach der letzten offiziellen Zählung besitzt, n u r n a c Ii N .o r d a m e r i k a jährlich 84 920 werden auswandern müssen. Aber das ist ja der alte Zustand, Herr Feiwel! In demselben Berichtsjahre wanderten aus Russland nach Nordamerika 77 744 Juden, id. i. noch weniger als in der gesegneten Zukunft, die man uns prophezeit. Es ist also gar nicht „so einfach und klar", wie man da meint, und die Frage der Jiidennot verschwindet nicht so. schnell von der Bild fläche. Eine andere Frage ist, ob man den Zionismus auf der Judennot allein basieren kann und darf. Wir glauben, dass die materielle Judennot als solche eher zur Assimilation als zum Nationaljudentum führen müsste. Aber der Zionismus, als integrale L ö s u n g der Juclenf rage, darf und kann nicht einen so eminent wichtigen Faktor im jüdischen Volksleben wie die materielle Not ausser acht lassen — wenn er wirklich sei mm Charakter al s Volksbewegung bewahren will. In diesem Falle aber darf man sich ja nicht bloss mit der Predigt der Liebe zu Palästina begnügen oder etwa sich darauf beschränken, „grosse Liebe und grosse Hoffnung in die kleinsten Arbeiten zu leg^n", sondern man muss den Beweis erbringen, dass die berechtigten Interessen durch diese oder jene Lösung am besten befriedigt werden können. Man nniss mit einem Worte den Grundstein zum grossen Erfolg sofort legen, damit dieser Erfolgnicht für eine ,,späte Zukunft" bloss zu erwarten wäre. Nur komme man ja nicht mit dem. platten Vorwurf, das Interesse sei egoistisch. Nichts regt so die Hingebung, Ausdauer und Aufopferungsfreudigkeit an als das Interesse. Sehe man nur zu, zu welchen Opfern die europäische Arbeiterklasse fähig ist, die doch ihre Interessen verteidigt! Wir müssen also nachweisen, dass die menschlichen Dasei nshedingungen der jüdischen Masse am besten und sichersten geschaffen werden können, wenn wir zugleich die geschichtliche Kontinuität des jüdischen Nationalgedankens und des jüdischen Eigenwesens bewahren werden. Die Schlichtung des Streites zwischen den Torrito rialisten und Zione-Zionisten ist nur dann möglich, wenn wir nachweisen können, dass: 1. Von allen möglichen und unmöglichen Territorien Palästina mit den Nebenländern das beste, günstigste und. entwicklungsfähigste Territorium ist; 2. tatsächlich Palästina mit den Nebenländern mindestens eine gleich günstige — sogar in bezug auf den Beginn der Arbeit — Antwort auf die Not der j ü cl i s c h e n Masse gibt, als irgend ein anderes n o c h unkultivie rt e s Territorium; 3. die integrale Autonomie des jüdischen Gemeinwesens — nicht bloss in juristischer, sondern auch in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht — nur in Palästina möglich ist; 1. der ostafrikanische Plan — auf den ja die Territo» rialisten tatsächlich bauen — keineswegs berufen ist, die auf ihn gesetzten Hoffnungen, zu erfüllen. Es handelt sich aber nicht bloss um einen theoretischen, sondern hauptsächlich um einen praktischen Beweis, cl. i. der siebente Kongress muss alle die Massregeln ergreifen, die den Beginn der praktischen Arbeit markieren sollen. Wir werden nun versuchen, vom Standpunkte der integralen Interessen des jüdischen Volkes Stellung zu den jetzt von verschiedenen Seiten vorgeschlagenen Lösungen zu nehmen. Wir hoffen, nachweisen zu können, dass die richtige Lösung nur die sein kann und muss: 1. Kon Zentrierung der zionistischen Arbeit in Palästina u n d in den Nebenländern im Sinne der Vorschläge des Herrn Warburg und nicht im Sinne Ussischkins; 2. Uebcrlassung des ostafrikanischen Projektes den . existierenden nichtzionistischen Organisationen, falls sie es auf eigene Rechnung übernehmen wollen. Gr e n f, den £4. Februar 11)05. Dr. D. Pasmaiiilc. Aus England. Vielmehr nicht aus England. Aus der ganzen Welt. Aus der Judenwelt. Denn ich will eine Frage berühren, die mit den. eigentlichen Verhältnissen nichts zu tun hat. Ich will ein wenig vom „Chosen Peopie" plaudern. „Chosen Peopie" heisst so viel wie „Das ausewählte Volk". T'nd unter diesem Titel, der etwas ironisch klingt, ist das Drama von T s c h i r i k o w, „Juden", in England aufgeführt worden. Eine in London gastierende russische Truppe — die von O r 1 e n e w — hat dieses Stück dem englischen Publikum, wenn auch in russischer Sprache, geboten. Ein Stück des jüdischen Lebens in Russland, der echten jüdischen Misere. Ich will nicht über die Darstellung und über die Inszenierung des Stückes sprechen — die Theaterkritik ist nicht mein Beruf — aber über das Stück, dessen Grundlage und Tendenzen. Es ist ein Problemdrama, ein Drama, das einen geschichtlichen Moment im Leben des jüdischen Volkes auf die Bühne bringt. Der Dichter ist kein Jude, sieht deshalb alles mit den Augen eines objektiven, aussenstehenden Beobachtors. Die Motivierung des Konfliktes, die Begründung des Dramas ist den Aeusserlichkeiten des Lebens entnommen. Warum ist der Zionismus entstanden, hat sich der Dichter gefragt? Was hat die Kluft zwischen Russen und Juden hervorgerufen, was hat den Lauf der alles erobernden Idee der Brüderlichkeit, des Sozialismus, der Humanität, unterbrochen, und gerade in Russland, wo alles, was denkt, leidet, wo alles, was sich nicht uniformieren, nivellieren, ducken will, sich aneinanderreiht, um zu kämpfen oder zu sterben, warum ist gerade mitten im Kampfe eine neue Parole erteilt worden, die Parole der Auferstehung des jüdischen Volkes? Kino Parole, die einigt und scheidet, die erweckt und betäubt, die die entferntesten Klassen und Schichten der Judenschaft zusammenkettet, aber gar oft im Schosse der Familie Kinder von Eltern, Brüder von Brüdern trennt? Der Dichter hat eine Antwort zu finden geglaubt, indem er