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Die Welt · 1905-03-03 · 9 (3.3.1905) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9 bie j> weit Seite 3 fassen und dementsprechend handeln muss. Wenn der offizielle Zionismus keine klare und befriedigende Antwort auf diese Fragen gibt, so wird eine? von beiden geschehen: entweder die Masse wird eigene zionistische Wege gehen, wobei eine Zersplitterung der Kräfte stattfinden wird, die schwere Folgen nach sich ziehen nvuss, öder aber die Proletarier werden sich — wenigstens für eine Zeitlang — anderen Strömungen anschliessen, die allmählich zur Assimilation hinuberlcitcn. Die ersten Anzeichen dieser letzten Erscheinung können wir schon jetzt beobachten. Zugleich möge es als Beispiel des schädlichen Einflusses falscher Predigten dienen. Seitdem viele borvorragende Kul tu rzion isten begonnen haben, überall zu predigen, eine Massenkolonisation sei unmöglich oder nur in Romanen möglich, drängte sich vielen die Meinung auf, ein sehr grosse]- Teil der Juden müsste überhaupt in der Diaspora bleiben. Dadurch wurde das Gegenwartsprogramm zum Selbstzweck: Kampf für Gleichberechtigung, für bessere Ökonomisehe Lebensbedingungen und sogar für nationale Rechte. Du aber dieser Kampf nicht vom jüdischen Proletariat allein geführt Averden kann, so begann man sich unter dorn gemeinsamen "Ranner der radikal-oppositionellen Elemente zu scharen. Noch bewahrt man das zionistische Tdeal — aber nur im Archiv. Eine reine Prinzinmnorkla>un<>\ ohne praktische Folgen. Xoeh ist diese Strömung nicht die überwiegende, aber sie gibt viel zu denken und jedenfalls muss sie von den Praktikern in Betracht gezogen werden. Wenn die Wilnaor Distriktsversanimlung letzthin beschlossen hat, solche Elemente aus der Organisation auszusehliossen. so ist damit nichts erreicht. Auf diese Weise kann man nichts ändern. Tatsächlich hat ein bedeutendes zionistisches Organ gegen diesen Besch!uss schon protestiert. Natürlicherweise sind diese, radikalen Elemente meistens Territorialisten, indem sie meinen, ein Territorium 'überhaupt sei leichter zu bekommen als d a s Territorium, als Palästina, indem sie voraussetzen, der Territorialisnius gestatte' eine schnellere und ausgedehntere Kolonisation als der Zione-Zionismns. Deshalb ist diesen Elementen Fssisehkins Programm der Kleinarbeit in Palästina ein G reuel. Dass sie Territorial isten sind, ist wohl begreiflich. Als Repräsentanten des am meisten leidenden Teiles der jüdischen Mtasse wollen sie eine sofortige Massenkolonisation ermöglichen, damit die lang ersehnte Hilfe gleich eintritt. Ihre Deklamationen gegen Palästina sind erst a posteriori hinzugekommen, teilweise von den ,.reinen" Palästinensern dazu gedrängt, teilweise, 11111 sich selbst zu betäuben, um die instinktive Liebe zu Palästina, zum historischen "Lande, zur Wiege der jüdischen "Kultur künstlich loszureden. Die Hauptsache aber ist — sofortige Hilfe. Und nun wollen wir eines vorwegnehmen. Tu -seiner Kritik der Ausführungen des Herrn Zlocisti („Jüdische Rundschau" Nr. 7) schreibt Herr Berthold Feiwel folgendes: „Der wesentliche Gnindirrtum der Zlocistischen Auffassung aber beruht darauf, dass er etwas Zeitweiliges — die Einigration und die krasse Not der russischen Juden — als Grundlage der Politik des Zionismus setzt, die doch einen konstanten Zug — selbst auf Generationen hinaus — haben mnss. Es ist kein Zweifel, dass die Revolution in Russland, ja selbst nur eine teilweise Reform (so!), wie sie sicher in absehbarer Zeit zu erwarten ist, den Juden das Mass der Freizügigkeit (selbst wenn auch nicht volle Gleichberechtigung) gehen wird, das ihnen eine, nehmen wir nur an, bescheidene Entfaltungsmöglichkeit in dem. gesundenden Riesen reiche geben wird. Damit wird die Emigration zu Ende sein. (?!) Wir bekommen schlimmstenfalls einen Zustand, der dem der Juden Oesterreich-Ungarns annähernd entsprechen wird." Wir müssen dieser Auffassung, die ziemlich verbreitet ist, weil sie sehr plausibel zu sein scheint, ganz entschieden entgegentreten: sie ist grundfalsch und dementsprechend kann sie, falls sie auch das Handeln der Zionisten beeinflussen soll, verhängnisvolle Folgen nach sich ziehen. Wir möchten allen Zionisten ans Herz legen, die grundlegenden. Untersuchungen der ökonomischen Eage der russischen Juden (die von der sicherlich nicht zionistisch gesinnten „loa" ausgeführt sind) genau zu studieren und darüber nachzudenken. Auf Grund dieser objektiven Untersuchungen haben wir nachgewiesen (siehe „Ewreiskaia Zisn." 1904 Nr. 11 u. 12). dass die sicher zu erwartende Reform in. Russland, auf die wirtschaftliche Lage der Juden nur einen geringen Einfluss 1 iahen wird — qualitativ und quantitativ — dass man jedenfalls nie und nimmer den Satz aufstellen darf: Damit wird die1 Emigration zu Ende sein". Wir können leider hier nicht unsere Beweisgründe anführen — dazu fehlt uns der Raum — aber wir wollen nur einige Zeilen aus 'dem Leitartikel der russisch-zionistischen Wochenschrift „(Jhronik des jüdischen Lebens" anführen, wobei wir ausdrücklich betonen müssen, dass diese Wochenschrift von den reinsten Zione- Zion isten geleitet und geschrieben wird, die gegen die Territorialisten einen, heftigen Kampf führen. Da (Nr. 5, Seite 3) lesen wir: „Man tröstet uns da mit, dass die Emigration zu Ende sein wird, sobald die jüdische Bevölkerung Russlands mit der autochthonen gleichgestellt werden wird/' (Der Verfasser geht also noch weiter als Herr Feiwel und gibt die Möglichkeit der vollen Gleichherechtigun'g zu.) „Um darauf zu antworten, könnte man sieh auf das Beispiel Oesterreich-Ungarns berufen, wo die Juden gleichberechtigt sind, und trotzdem wächst die Emigration von. Jahr zu Jahr . . . Man kann doch nicht die Augen vor den reellen Tatsachen schliesscn und sich vorstellen, dass die politische Umwälzung der Massen Wanderung, die durch die ökonomische Xot hervorgerufen ist, ein Ende machen könnte. Kein „Frühling" (so bezeichnet man in der russischen Presse die heranbrechende Aera) kann der jüdischen. Bevölkerung Lithauens, "Polens und des rech tsuf er igen Kleinrusslands den sicheren Broterwerb an Ort und Stelle gehen, den auch das galiziseho Judentum nicht besitzt. Ebenso wäre es leichtsinnig zu phantasieren, dass die Aufhebung des „Ansied 1 umrsi'civonsu die jüdische Emigration von Westen nach Osten, nach den inneren Gouvernements Russlands ablenken wird. Es gibt gar keinen Zweifeh dass mit der Aufhebung des Ansiedhingsrayons eine starke Migrationsbcwcgiuig nach den inneren Gouvernements beginnen wird, aber diese B e w e g u n g w i r d fast a uss c h 1. i e s s 1 i c h n u r d i e Eiern e n t e u m f a s s e n, d i e j e t z t g e w ö h n lieh n a c h A m e r i k a n i c hl e m i g r i c r c n : die m i 11- 1 e r e B o u r g e o i s i e u n d das i n t e 1 1 e k t u e 11 e P r o 1 e t a r i a t." Fast möchte man meinen, der Verfasser dieses Artikels wollte speziell gegen den Artikel Feiwels polemisieren. Dem ist aber nicht so, denn beide erschienen an demselben Tag, der eine in Petersburg, der andere in Berlin. So schreibt ein Mann, der in bezug auf die zionistische Arbeit mit Herrn Feiwel wohl einverstanden, der aber nicht in seinem Kabinett das Beben konstruiert, sondern es in seiner ungeschminkten Wirklichkeit beobachtet. Noch mehr: Herr Feiwel dementiert sich ja selber, indem er nach dem lapidaren Satz: „Damit wird die Emigration zu Ende sein" hinzufügt: „Wir bekommen schlimmstenfalls einen Zustand, der dem der Juden Oesterreich-Ungarns annähernd entsprechen wird".

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