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Die Welt · 1905-03-03 · 9 (3.3.1905) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Weit" Nr. 9 I. Vergleichen wir die Zusammensetzung der zionistischen Partei Osteuropas vor 6—7 Jahren und jetzt, so müssen wir zu einem sehr, wichtigen Resultate gelangen: vorher umfasste der Zionismus hauptsächlich die Intellektuellen und die ,,Balakitim" grösseren und kleineren Kalibers. Es waren Elemente, die nicht so sehr für sieh wie für die anderen arbeiten wollten. Edle Gefühle und unbestimmte, fast verschwommene Wünsche. Manche wurden zu Zionisten, wohl durch die Not gedrungen, aber diese Not war rein geistiger — moralischer oder sogar ästhetischer — Natur. Die zwei Gruppen, die die ersten zionistischen Truppen bildeten, hatten ihre typischen Repräsentanten: einerseits die Träger der jüdischen Renaissance. Yen oben herab wollte man eine jüdischnationale Kultur schaffen, fast dekretieren, als ob eine Kultur diktiert und nicht vom realen Lehen geschaffen wird. Die andere Gruppe fand ihren konsequentesten Repräsentanten in Herrn U s s i s c h k i n. Man will die anderen glücklieh machen, ohne sie zu fragen, ob sie auch mit den Vorschlägen und Plänen einverstanden sind. Wer sich z. B. an das Organisationsprojekt des Herrn Ussisehkin erinnert (dem V. Kongress vorgelegt), weiss ganß genau, wie er die Sache leiten möchte : an der Spitze die Gottgesalbten, die ihre Untergebenen selbst aussuchen, die dann ihrerseits die Plebs leiten, unterrichten und glücklich machen sollen. Es steckt darin viel weniger Despotismus als Ideologie: man stellt sich die Sache vor, als ob der Einzelne — der von Gottesgnaden Auserwählte — sicher besser alles versteht als die Masse selbst. Alles beruht in diesem System auf echt idealen Motiven: Liebe, Hingebung und Aufopferungssinn. Eine Garde soll sich in den Dienst des Zionismus stellen, eine Garde soll in Palästina Erdarbeit und Ackerbau interesselos (reiben. So lange die Zionisten sich hauptsächlich unter den Intellektuellen und den sozial nicht scharf definierbaren Elementen rekrutierten, ging die Sache ziemlich ruhig zu. Hie und da kämpfte man, hauptsächlich, wegen eines Gogcnwartsprograinms, das aber keine präzise Formen annehmen wollte, weil es überhaupt unmöglich ist, e i n Gegenwartsprogramm für a 1 1 e Elemente der Judenschaft zu schaffen, Unmöglich, weil der westeuropäische Zionist, der von den höchsten Blüten der allgemeinen Kultur gekostet hat, der oft von einer idealen Kunst, Moral oder Aestihetik träumt, der in den Zionismus die höchsten und tiefsinnigsten Probleme des menschliehen Geistes hineintragen möchte., ein ganz anderes Gegenwartsprogramm braucht als etwa der durch die allgemeine Entwicklung 1' des wirtschaftlichen Lebens ruinierte osteuropäische jüdische Händler oder Handwerker. Unmöglich, weil der fast ganz assimilierte Westeuropäer oder russische Intellektuelle ganz andere Eorderungen an die „Kultur" stellt, als der mit Sprache und Inhalt des geschichtlichen Judentums wohlvertraute Jude des Ghetto. Unmöglich — weil es sich überhaupt um eine amorphe Masse handelte, deren Interessen schwankend und schwer definierbar sind; be^ kanntlich klagt der „kleine Mann" •— der Kleinhändler und Handwerker — überall über die sehlechten Zeiten und keine ."Regierung, die sogar über Mil iiardenbudgets verfügt, hat noch bis jetzt das Mittel gefunden, die „Mittel standsfrage"' befriedigend zu lösen. Trotz alledem, trotz aller dieser kleinen Kämpfe, verlief alles doch ziemlieh glatt. Ganz anders gestaltete sich die zionistische Bewegung' in den letzten 2—3 Jahren. Der Zionismus beginnt eine Massenbewegung zu werde]!, wobei das klar bewusste, scharf umschriebene und vom Leben hervorgerufene Interesse die Grundlage des Zionismus wird. Diese Zionisten wollen nicht für andere — wobei sehr wenig herauskommt — sondern für sich arbeiten, fürs eigene Wohl und Glück. Die Interessen dieser Zionisten sind klar: es handelt sieht um die materielle und geistige Wiedergeburt der jüdischen Masse auf einer fortschrittlich-demokratischen Basis. Sie sind zu Zionisten. geworden, nicht bloss . weil sie Juden sind, sondern auch weil sie eingesehen haben, dä-ss . in der Diaspora — unabhängig von den gegenwärtigen oder künftigen sozialpoliti sehen Lehensbedingungen — der Jude nacht zur freien Entfaltung aller seiner Kräfte gelangen, überhaupt sich nicht normal ausleben kann. An anderer Stelle haben wir darauf hingewiesen — um nur ein Beispiel zu geben — dass, wenn sogar in Osteuropa normale Verhältnisse eintreten, die Lage der dortigen Juden sich nur insofern bessern wird, als sie freier ihren Handel oder Handwerk werden ausüben können, dass aber die abnorme Differenzierung des jüdischen Wirtschaftslebens sich um kein Jota ändern wird. Auch später, wie jetzt, werden die Juden in der Diaspora weder einen gesunden Bauernstand noch eine sich progressiv entwickelnde Arbeiterklasse schaffen können. Das osteuropäische Proletariat — im wissenschaftlichen Sinne des Wortes — das mindestens eine halbe Million zählt, beginnt eben diesen Sinn der tatsächlichen Lebensverhältnisse mehr und mehr zu begreifen und dementsprechend zu handeln d. i. es beginnt mehr und mehr zionistisch zu werden. Die Repräsentanten dieses Proletariats im zionistischen Lager sind die Poale-Zionisten, die zuerst unsere Bewegung zu einer wahren Volksbewegung gemacht haben, die nicht bloss auf Gefühlen und romantisch-ästhetischen Motiven, sondern auch auf wohlverstandenem Interesse beruhen muss. Nur komme man ja nicht mit dem Vorwurf, man führe so alles auf die Judennot zurück. Das Interesse der Masse umfasst d>as ganze Leben. Je mehr aber diese klar bewussten Elemente in unsere Bewegung eintreten, desto mehr ändert sich das ganze Bild/ Es handelt sich nicht mehr um den leeren Streit, ob Judennot oder Judentum, sondern um die Befriedigung von. allseitigen Bedürfnissen materieller und geistiger Natur. Da wird das Gegenwartsprogramm zu einer Lebensnotwendigkeit, denn eine Massenbewegung kann nicht bloss von der Zukunft leben, sondern muss die Gegenwart in die Zukunft hinüberleiten, respektive zwischen beiden ein enges Band knüpfen. Dr. Herzl hat die Sachlage intuitiv erfasst: er hat den Massencharakter unserer Bewegung vorausgesehen und als Realpolitiker hat er den steigenden Bedürfnissen entgegenkoniinen wollen.. Daher der ostafrikanische Vorschlag. Eine andere Frage ist es, ob Uganda die richtige Antwort war — darüber später — aber eines wollen wir festhalten : Ostafrika sollte, nach dem Plane unseres seligen Führers, (1 a s Gegenwartsprogramm werden. Auf diesem Standpunkte steht noch heute Herr Greenberg. (S. „Die Welt" Xr. 7.) Wenn wir also einerseits die unter den osteuropäischen Zionisten heftig geführte Diskussion vollauf begreifen, wollen, andrerseits zu den Fragen, wie Charter oder Kleinarbeit, Diplomatie oder friedliehe Landeroberung, Palästina mit oder ohne Uganda, Zione-Zionismus oder Territorialismns, Stellung nehmen wollen, dürfen wir nicht vergessen, dass der Zionismus mehr und mehr zu einer Massenbewegung wird und dass das jüdische Proletariat sich mit schönen Versicherungen und dichterischen Phrasen nicht begnügen wird noch kann, dass man also die Tendenzen, der lebendigen Interessen dieser Masse er-

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