Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 8 (24.2.1905)
- Date
- 1905-02-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 „bl* # W*lt* Nr. 8 tnir das doch recht äusserlich gedacht. Die schlimmsten Demagogen haben immer die erhabensten Forderungen im Munde geführt und denen will doch Feiwel kaum das Wort reden. Solange die innere Wahrheit und Reinheit unserer Idee in unserer Politik zum Ausdruck kommt —und das wird wohl immer geschehen, solange wir mit Würde und Festigkeit an der Durchsetzung unseres Programmes arbeiten — solange dürfen wir über die „sittliche Forderung" wirklich bsruhigt sein, W. Der „Rozvoj" erzählt für seine Schildbürger dementsprechende Histörchen, um ihnen di<* Politik der Zionisten zu erläutern. Natürlich wird kein bestimmter Fall erzählt, wozu auch?! „Es geht doch nichts über die Klugheit." Im Echo Sioniste, unserer französischen Monatsschrift, die von der zionistischen Federation Frankreichs seit Jahren mit grosser Opferfreudigkeit erhalten wird und die unter unseren Gesinnungsgenossen grössere Verbreitung verdiente, macht Dr. Gilo Racah einige interessante Bemerkungen zu dem wiederholt ventilierten Projekt, für die jüdischen Auswanderer, zum kleinen Teile wenigstens, in Italien eine Zuflucht zu schaffen. Er meint, dass gerade die emflussreichen Juden Italiens sich gegen eine solche Immigration aussprechen würden, und kann sie deshalb nicht verurteilen, weil Italien tatsächlich dicht bevölkert ist und selbst eine gewaltige Auswanderung hat. Dagegen, meint er, werde die italienische Regierung nichts dagegen haben, wenn man die jüdische Einwanderung in das schwach bevölkerte Tripoiitanien leiten würde, das noch genug jungfräulichen ßoden besitze und vielleicht sogar ein autonomes Zentrum zu bilden gestatte. Besonders empfiehlt Hr. Racah die cyrenäische Provinz, die sich unter türkischem Protektorat befindet. Die Beschreibung, die er von den Vorteilen dieses Ansiedlungeplanes gLbt, sind zwar sehr verlockend und wenn er erklärt, aas3 diese Provinz Ostafrika sicherlich vorzuziehen wäre, so ist er vielleicht sogar im Rechte. Aber leider ist uns diese Provinz von Italien resp. der Türkei gar nicht angeboten und zweitens wissen wir nicht, inwiefern die Nachrichten des Hrn. Racah auf Wahrheit beruhen. Jedenfalls wollten wir unsern Lesern dieses neue Projekt zur Kenntnis bringen. —r. Im „Hasman" vom 13. und 14. d. M. behandelt eine Korrespondenz aus Jaffa das Schulwesen und die Erziehungsfrage in den Städten und Kolonien Palästinas. Das Bild, das da entworfen wird, ist ein sehr düsteres. Es fehlt in allen diesen Schulen nicht allein an einem einheitlichen Lehrplane, nicht allein an berufenen Lehrki äften, sondern überhaupt an einheitlichem Geist, an einer leitenden Grundidee, die unsere Jugend in den Kolonien für die nationale Zukunft erziehen sollte. Wo der Sinn für den hebräischen Unterricht noch vorhanden ist, wird von ungeschickten Lehrern zu viel Zeit mit grammatikalischen Spielereien vergeudet, wo dagegen das Interesse an dem Hebräischen nicht vorherrscht, ist der herrschende Geist überhaupt nichts weniger als jüdisch. So die von der „Alliance" erhaltenen Schulen, die ihr höchstes Ideal darin erblicken, eine Domäne für die französische Sprache zu sein, trotzdem das jüdische Leben in den Kolonien mit dem Französischen blutwenig oder gar nichts zu tun hat. Viel wichtiger für die Erziehung wäre freilich die Pflege des Arabischen, was die französischen Kongregationsschulen bereits eingesehen haben, aber die Jüdischen Franzosen" müssen ja päpstlicher sein als der Papst und die Leiter der Allianceschulen vergeuden ihre Zeit und die ihrer Schüler mit der Pflege einer Sprache, welche die letzteren, kaum dass sie die Schulen verlassen, bald vergessen, ohne für das Leben anderes Wissen mitzunehmen, das ihnen wahrhaft nützlich wäre. Ausserdem stehen, dem Berichte zufolge, diese Schulen auch in pädagogischer Beziehung auf sehr niedriger Stute. Dagegen verspricht sich der Korrespondent viel Gutes von den Versuchen des Odessaer „Chowewe Zion"-Vereines zur Ausgestaltung seiner Schulen und zur Einführung eines einheitlichen Lehrplanes in den Schulen der Kolonien. Der Verband der Lehrer, sowohl als die bevorstehende Gründung einer hebräischen Mittelschule dürften eine neue Epoche im Schulwesen Palästinas inaugurieren. Für die Erziehungsfrage in Palästina ist auch das Geständnis eines „Sephardi"" in der „Haschkafa" Nr. 39 bemerkenswert. Der Schreiber des Artikels gesteht, dass die Sephardim leider bis jetzt für das Wiederbeleben der hebräischen Sprache in Palästina nur wenig Mitarbeit geleistet haben. Iq ihrer grossen Talmud - Thora, die 500 bis (iOO Schüler zählt, gibt es bloss 22 hebräische Lehrer mit einer Unterrichtsstunde täglich, so dass höchstens 20 bis 30 Schüler das Hebräische ordentlich erlernen können, während das „Ladino", der spagnolische Jargon, in hervorragender Weise dominierend sei. Ein Versuch im Waisenhause habe gezeigt, dass im Laufe weniger Monate die Einführung des Hebräischen als Vorlragssprache grossen Erfolg hatte, und derselbe Erfolg wäre auch in der Talmud - Thoraschule zu gewärtigen, wenn nur der gute Wille dazu vorhanden wäre. ID&m D^nn Das Leben und die Natur. Dies der Titel einer neuen J ugendzeitung in hebräischer Sprache nach dem Muster des j^p die in Wilna seit 1. d. M. erscheint. Die Zeitung Hat zwei Abteilungen: für Kinder leichte punktierte und für die reifere Jugend an Inhalt etwas schwierigere und unpunktierte Texte. Der Inhalt dieses ersten Heftes, das uns vorliegt, sowie dessen Illustrationen entsprechen in jeder Beziehung den Bedürfnissen der jugendlichen Leser beiderlei Alters und die Mitarbeiter, die wir aus dem „Olam Katan* kennen, bieten uns die Gewähr, dass die Zeitung sich auf der Höhe ihrer Aufgabe halten wird. Hebräus. Feuilleton. Reisebriefe aus Amerika *) :ir.*:i:) Woodbine, Dezember IDOL .Hirsch .Leib Sznbsovich, den ich im ersten Briefe erwähnte, stammt ans Odessa. Er war in Ihissland als sogenannter „Xarodniktk tätig, d. h. er gehörte einer niehlpolitischen Partei an, die nur ökonomische (?) Kefonnen anstrebte, studierte in der Schweiz, organisierte dann in den achtziger Jahren eine Eniigrantenpartie von 400 Juden, die nach Amerika auswanderten, wo er selbst Lehrer wurde. »Seit 13 Jahren ist er Leiter der landwirtschaftlicheii Schule, Verwalter der Baron Ilirsch-Stit'liing und die Seele der ganzen Kolonie: gegenwärtig — gewühlten* Bürgermeister der Stadt Woodbine. (Woodbim» ist vor drei Jahren zur Stadt erhoben worden.) „Vom sozialen Standpunkte kann die Kolonie Woodbine als ein glücklicher Versuch der Woldstandsb.\i>TÜndung durch Selbsthilfe betrachtet werden und sie ist ein sichtbares Beispiel, wie man dem übermässigen Eindringen der Landbevölkerung in die Grossstadt wirksam entgegenarbeiten könne," lesen wir im Jahresberichte. Selbsthilfe soll also die Grundlage der ganzen Organisation sein — und in der Tat haben die Kolonisten alles durch eigene Arbeit erworben : sie haben auch schnell erlernt, wie man Wälder rodet, Wege und. Strassen baut und dergleichen — dieselben Juden, die in Europa von solcher Arbeit keinen Begriff hatten — und schufen im Verlaufe von ungefähr zehn Jahren aus Wildnis, Wald und Gestrüpp eine hübsche und gesunde Kolonie. Ein zweites, nicht minder wichtiges Element, war da. die sogenannte praktische Philanthropie. End wir wollen es sofort heraussagen: Der unglückselige Geist der falsch \-erstandenen und schlecht ausgeübten „PhilanthropiV* hat auch dieser Kolonie schon seinen Stempel aufgedrückt, wer weiss, o}) nicht für hnnier. Die Philanthropie, im allgemeinen ist in Amerika einfach klassisch. Europa hat. keinen Begriff, wie viel (IM hier jahraus., jahrein, verschiedene grosse und kleine Millionäre für Schulen, Spitäler, Bibliotheken^ Museen, Waisenhäuser und dergleichen, auswerfen. Diese Philanthropie ist auch sehr gut organisiert. Die Baron. Hirsch-Stiftung 3nit ihren unzähligen Abteilungen und [Jntembl ei hingen ist zweifelsohne die grösstc Stiftung dieser Art, dafür wirts( -1 i a f t et si e a ] )er a ] n ärgst ei i. Woodbine verdankt sein. Ihitstehen der Arbeit der Kolonisten; seine Entwicldung jedoch nnd seine Zukunft *) Aus „Wschod", 'Lemberg, VI. Jahrgang, Nr. 2, **) Vgl, „Di© Weit" Nr. 2, Jahrgang 1905.