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Die Welt · 1905-02-24 · 8 (24.2.1905) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 8 „bie # weit" Seite 15 hängen, dank den unseligen Kombinationen der Philanthropie, fast auss>hlk>sslich vom Baron. Hirsch-Fonds ah. Als die ersten Ansiedler hergeschickt wurden, dachte man., scheint es, nur daran., hier eine lan(Lvvrirtsclia.l'tlie-Iie Kolonie zu begründen, und so entstanden vorerst ringsherum jüdische Farmen. Aber diese Kannen schlugen gänzlich, fehl: nach jahrelanger, midie voller Arbeil, — die meist im Aushacken von Wickel pflanzen best and — begannen die Kolonisten, nach Brot suchend, in die Städte zu fliehen. Da errichtete die „Ica" eine 'Fabrik, dann andere drei und bot auf diese Weise den. Oitsiandwirteu und den speziell zu diesem Zwecke hinzugereisten l'abriksarheitern — Beschäftigung. Diese Fabriken haben jedoch eine gewisse, originelle Ausnahmsstellung, die eben eine Folge der Philanthropie ist: Weil, eben die Lage für Fabriken nicht entsprechend ist und wenigstens kein einziger Fabrikant sich, hier ansässig machen wollte, erteilte die ,,lca" den Unternehmern Subventionen, (hhäude und Fin richte ng sind daher Eigentum der Baron Hirsch-Stiftung, den 'Unternehmern wurde die kostenlose Benützung derselben zugestanden, unter der Bedingung, dass sie wöchentlich eine bestimmte Quote des (lewinnes an die Arbeiter auszahlen. Solange nun die Arbeit im Fluss ist und der Unternehmer mit der Baron Hii\<di-Verwaltung in Eintracht lebt, fühlt dei* Arbeiter nicht so sehr die ,AYohltaten.c der Philanthropie. Aber in. der Tatsache., dass hier nur für 500 Arbeitskräfte Platz ist und da>ss es nur vier Unternehmer gibt, liegt die ziemlich berechtigte Besorgnis, dass diese „gemieteten" Kapitalisten übermässig den Arbeiter ausbeuten, der in der Tat ganz in ihrer Macht ist. Die ganze Oefahr der Situation kam im Jahre 1904 zum Vorsehein, als nach Ablauf des fünfjährigen kontraktmässigen Zeitabschnittes ein Streit ausbrach zwischen dem grössten diesen- Unternehmer und der Hirschfondsverwaltung. Infolge dieses Streites waren 300 Leute durch drei Monate ohne Arbeit und an die Tore des blühenden Woodbine begann. Meister Hunger zu klopfen! . . . Der Unternehmer, der mit einem Prozesse drohte, bekam heuer 20 000 Dollars. Wer weiss, was die fünf folgenden Jahre bringen werden?! Und wenn wir auch vorläufig die Frage, ob die Kombination der Farm mit Fabriken gut und zweckentsprechend ist dahingestellt sein lassen — Tatsache ist, dass nach diesem Streit den Arbeitern der Taglolm gekürzt wurde4! Und diese' ganze Atmosphäre des Wartens und der daraus folgenden Besorgnisse, dieses künstliche Gebäude, welches jeden Augenblick einzustürzen droht, wodurch die hübsehen. Woodbiner Wohnhäuser leerstoben werden müssen (die Fabrikanten erdreisten sieh zu behaupten : .,T)as sind u n sere Häuser, das haben wir für die Arbeiter gebaut") — dies alles muss einen ungeheuer traurigen und verderblichen Einfluss auf gesunde, arbeitsfrohe Naturen machen — und ein schwerer Alp bedrückt die Seele eines Juden, wenn er zusieht, wie wenig diese grosse jüdische Philanthropie wirkt — weil sie es so will! Tch. will noch bemerken, dass in den Woodbiner Fabriken der Zelmstundoniag herrscht und dass die hygienischen Einrichtungen wenig befriedigend sind, obwohl es in den grossen städtischen Fabriken noch ärger sein soll. Tn den ersten Wochen erhält der Arbeiter o—4- Dollars wöchentlich, später 8 Dollars im Durchschnitt. Kleine Kinder sieht man nicht, aber viele Mädchen, die vorgaben, 11 Jahre alt zu sein, aber so schmächtig und mager sind, dass es kaum, glaubwürdig erseheint. Wo das Familicnhaupt und die Kinder nicht genug verdienen, nehmen sie für 2—3 Dollars wöchentlich Arbeit nach Hause. Die Kindererziehung und das geistige Lohen ist in Woodbine mustergültig. Die Frequenz der Schulen lässl nichts zu wünschen übrig. Die Schule bietet den Tvindern nicht nur Wissen, sondern an eh Gymnastik, Musik, Spiel*'. Kinderklubs; es existieren auch Krankejninterstützimgsvereine und sogenannte Logen, auf gegenseitiger 'Versicherung aufgebaut. "1 )ie landwirtseha ftlieho Schule entwickelte sieh aus kleinen Anfängen vortrefflich und isi eine vorzüglich eingerichtete Lehranstalt, die über 100 Schülern unentgeltlich Unterricht und materielle Versorgung erteilt. Mit einem Wort: für eine so junge Geniel*nschat't Wolhvnier Juden ein staunenswerter Fo vi seh ritt und eine hübsche amerikanische Kultur. Und unter dein Einflüsse dieser amerikanischen Kultur entwickelt sieh das junge Geschlecht und assimiliert sich, es entstehen zwei wildfremde Ideenkreise, junge und alle, und in der Mitte sieben diejenigen, die schon in fast reifem Alter herkamen und noch nicht „alt" sind. Die wissen nicht, was anzufangen, sie möchten, gerne Juden sein, sie sehen aher ringsherum Iauter A.inerikancr'L Die Woodbiner Intelligenz erschöpft ihr Judentum, wie überhaupt die amerikanische Intelligenz, darin. ..dass sie die von den Barbaren unterdrückten Glaidiensgenossen unterstützena'. Die jüdischen Kinder lernen in den Schulen sehr genau die Geschichte der Vereinigten Staaten und der übrigen Welt, aber von jüdischer Geschichte — keine Silbe. Und diese Kinder in Woodbine erfahren erst später, in reiferem Alter, dass auch die .luden ihre Geschichte haben, und lernen erst später ihre Zugehörigkeit zu etwas empfinden, wovon sie sieh nicht mehr Tiochcnsehafi geben können: so schaffen diese ..Philanthropcm'*' eine gewaltig Disharmonie in der Seele des Mensehen.. Tch begegnete intelligenten Leu hm, die mir erzählten, sie hätten von Juden sehr viel hübsche Sachen gehört, und zwar von christlichen Amerikanern. Woodbine hat sogar ein eigenes Talmud-Thnragvhäude, in dem sieh jetzt eine Filiale der öffentlichen Volksschule befindet: die Einwohner haben momentan (?!) kein Geld für jüdische Lohrer und die Baron Iii rsch-Verwaltung, die selbst verschiedene Klubs und Organisationen gründet oder unterstützt, überläset die Talin ud-Thorasehulc diskret der Privatinitiative der „wohlhabenden" Fabriksarbeiter. Mr. Sabsovieh hat mir auf meine Frasre ausdrücklich erklärt, dass das, was beispielsweise in Woodbine geschieht, gar nicht die Lösung der Judonfragc bedeutet; sie kümmern sich überhaupt nicht darum: er wäre russischer Revolutionär und sei heute amerikanischer Bürger. Sonst kümmere ihn nichts. Selbsthilfe ist der einzige Weg zur Lösium* der dudeivfrage, aber die „loa" hat noch nicht viel davon erlernk höchstens was die äussere Forin betrifft. Es unterliegt' gar keinem Zweifel, dass die ,.Ic.=r an diese Lösung dm* Luden Präge überhaupt nicht denkt, sie macht nur Versuche in Argentinien, Woodbine ete., wiederholt die alten Fehler, zerstört anstatt zu gründen unid. wirft dabei jährlieh Hunderttausende hinaus. Woodbine selbst, kostet (nach dem Märzhcffc 100-1 des ,,Kcw Era Magazine") bereits;]()0 ()()() Dollar?. Pr. II. >i/ruj>. * , * # Xicht uninteressant und ein wenig im Widerspruch mit den. obigen Schilderung ist der Brie 1". welchen seoh- Zöglinge der Enron Hirsch sehen landwirtschaftlichen Schule in Woodbine an. ein amorikanisches Blatt gerichtet haben. Als Zion.isteu, die mit grossem Interesse die Bestreourtgen der zionistischen Führer verfolgen, dabei abgehärtete, kräftige, mutige und selbstbewussto Farmer sind, bieten si(4 sich als Pioniere für Uganda au, zu welchem Schritte sie nicht ihre schlechte Lage, sondern ihr warm s j ü d i seh e s M i t g e f ü h 1 drängt.

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