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Die Welt · 1905-02-24 · 8 (24.2.1905) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 8 „Di* * weit11 Seite 13 „Gedichte". Von M. S t e n g e 1. E. Piersons Verlag. Dresden, 1905. Der Verfasser der vorliegenden Sammlung von Gedichten, M. Stengel, ist ein Dichter von Geschmack und DistiDktion, von tiefer Empfindung und reichem Gemüt, von künstlerischer Begabung und eindrucksvoller Gestaltungskraft. Für uns bieten die Gedichte Stengels besonderes Interesse, weil wir darunter jüdische und zionistische Lieder finden, voll Anmut und Heiz, voll Innigkeit und wahrer dichterischer Kraft. „Lieder des Leidens" nennt der Verfasser seine Gedichte und das charakterisiert den Inhalt und die Stimmung dieser Lieder ganz genau. Stengel leitet seine Lieder des Leidens mit einem Hebräerlied ein, welches in schönen und markigen Versen die leidensvollen Geschicke beweint, welche Judas Volk ereilt haben, seit es seine alte Heimat eingebüsst hat. Voll poetischer Schönheit ist das jüdische Wiegenlied, welches dem blutigen Judengemetzel von Kischenew gewidmet ist. Dichterisch und inhaltlich bedeutender und wertvoller ist jedoch das grössere Gedicht „Jerusalem41, echte zionistische Klänge voll Wärme und Innigkeit, voll Begeisterung und poetischer Wirkung. Der Tod Herzls entlockte dem Verfasser der Gedichte einen Schmerzensschrei, wehmütige Töne, in denen derDichter mit wahrhaft poetischem Pathos das schwere nationale Unglück, welches Israel betroffen, beweint und die Grösse des heimgegangenen Schöpfers der zionistischen Bewegung treffend charakterisiert. Die Sammlung der Gedichte von Stengel enthält noch viele andere Werke, so Lieder des Lebens und Lieder der Liebe, in denen der Verfasser als feiner und geistreicher Beobachter von vornehmerDenkungsart erscheint. Und mithin bilden die Gedichte von Stengel eine literarische Erscheinung, welche in einer Hinsicht beachtenswert ist. Gt. Die jüdische Toynbee-Halle In Berlin. Zur Eröffnung der von den Berliner Logen U. O. B. B. gegründeten jüdischen Toynbee-Halle ist vor einiger Zeit eine kurze Broschüre erschienen, die von allen Freunden der jüdischen Toynbee- Hallen gelesen zu werden verdiente. In seinen Ausführungen gibt der Verfasser Herr Maximilian Stein eine kurze Uebersicht über die Entstehung der Toynbee-Hallen überhaupt und speziell über die jüdische Toynbee-Halle in Wien, die infolge der rastlosen Bemühungen Professor Leon Kellners gegründet wurde. Vergleichsweise wird auch die Tätigkeit der Hamburger Toynbee-Halle besprochen, deren Schöpfer der vielverdiente jüdische Volksmann Gustav Tuch ist. Einige Sätze der Broschüre mögen hier Platz finden, weil sie uns den Geist kennen lehren, in dem die Berliner jüdische Toynbee-Halle geführt werden soll. Maximilian Stein sagt von der Toynbee-Halle: „Hier soll sich der Besucher nicht als Fremdling, sondern wie zu Hause fühlen. Die Darbietungen stehen nicht ausserhalb und jenseits des Publikums, sondern dieses wirkt mittelbar selbst mit. Eine intime Wechselwirkung teilt sich allen Besuchern mit, ein nahezu familiäres Band schlingt sich um die Anwesenden und fesselt sie in allseitiger Teilnahme. Der Abend in der Toynbee-Halle soll kein fremdes Schauspiel, sondern ein Erlebnis sein, inhaltsreich genug, um den geistigen Besitz zu mehren, gesellig und behaglich genug, um den Genuss gesellschaftlichen Zusammenschlusses empfinden zu lassen. So soll die Toynbee-Halle nicht allein Gutes schaffen, sondern Bösem vorbeugen, indem sie an winterlichen Abendstunden allen denen, ohne Unterschied der Stellung, die mit sich selbst und ihrer Zeit nicht viel anzufangen wissen, ein Heim schafft and sie vor der Wirkung des Spruches behütet, dass Müssiggang aller Laster Anfang ist. Bildung ist Menschlichkeit. Auch ein gewisses Mass von Luxus, von Behaglichkeitsgefühl, von Geselligkeit ist jedem Menschen, auch denen der abhängigen (niederen Klassen, notwendiges Lebensbedürfnis. Die jüdische Toynbee-Halle soll diejenigen, die freudlos von hartem Leben gebeugt und gedemütigt sind, über die Tagesnot hinausheben, unsere Achtung vor ihnen dokumentieren, ihnen die Wertschätzung des eigenen Ich stärken und ihr Bewusstsein kräftigen, vor allem auch ihr jüdisches Bewusstsein. Mehr als die Gutsituierten leiden die Minderbegüterten unter judenfeindlicher Zurücksetzung, unter gehässigen Vorurteilen, unter der Not, um ihrer jüdischen Abstammung willen leiden zu müssen. Darum bedürfen sie um so mehr der solidarischen jüdischen Anteilnahme, der freundlichen Berücksichtigung und Aufrichtung." Die Broschüre schliesst mit folgenden Sätzen : „Schroffe und tiefklaffen de Klassengegensätze sind wesentlich unjüdisch. Das Judentum wollte sie nicht kennen und aufkommen lassen und stellte gerade für die Kleinen, für die Niederen und Bedürftigen unzählige Grundsätze auf, die an sozialer Gerechtigkeit in aller Ethik der Welt unübertroffen ihresgleichen suchen. „Als das grösste und fundamentalste soziale Werk aller Zeiten ist der jüdische Sabbat anerkannt, der zum ersten Male die Arbeitszeit um ein volles Siebentel kürzte zugunsten der Diener, Arbeiter, Sklaven und kleinen Leute aller Art, um diesen Ruhe und Müsse zu schaffen. „Die alte Sabbatruhe, an der das jüdische Familienleben sich erwärmte, jene Ruhe, die weihevoll am Freitagabend mit Lichterglanz beginnend, Friede, Freude und Behagen einströmen liess in die Herzen auch der Geplagten und Gedemütxgten, die altlieben Sabbatstunden sind im heutigen Tumult lärmender Getriebe mehr oder weniger zurückgedrängt und vernachlässigt. Wir wollen einen Schimmer davon aufzufangen suchen und so, was an religiöser Stimmung verloren gegangen, ein wenig einzuholen trachten auf sozialem Wege; wir wollen denen, die ihrer bedürfen und sie entbehren, den Armen und Bedrückten, neue Feierstunden geben und ihnen, verteilt auf die sieben Abende der Woche, wahren und echten Feierabend errichten, zum Segen der Allgemeinheit, in der jüdischen Toynbee-Halle." -r. Zur Situation im Zionismus ergreift Berthold Fei wel in der „Jüdischen Rundschau" zum zweiten Male das Wort, um gegen die Ausführungen Zlocistis, die wir in ihren Konklusionen unseren Lesern bereits mitgeteilt haben, zu polemisieren. Feiwels Auseinandersetzungen verdienen wohl beachtet zu werden. Dass er gleich anfangs für die „Kulturzionisten1* (lies im Gedanken „die Fraktion") eine Lanze einlegt, wird ihm niemand verübeln. Er hätte vielleicht gut getan, hinzuzufügen, dass sich niemals irgend ein Zionist gegen die Erziehung zur nationalen Gesinnung gewehrt hat, sondern dass nur die Art, wie: dies von einigen Seiten versucht wurde, und die Gegensätze, die sich sofort mit aller Heftigkeit offenbarten, eine formelle Initiative des Kongresses bisher unmöglich machten. Den einzelnen Organisationen als solchen, ebenso den einzelnen Zionisten wurde bei der Verfolgung kultureller Bestrebungen nicht nur nichts in den Weg gelegt, sondern die möglichste Unterstützung gewährt. Seine Auseinandersetzungen über die Auffassung der zionistischen Politik schliesst Feiwel mit folgenden Worten : „Daraus aber folgt: Wenn die Zionisten Politik bei den Mächten mit Erfolg treiben wollen, so müssen sie andere Grundlagen haben als nur Judennot und Egoismus. Ich kann es hier nicht ausführlich begründen; aber ich meine, die Grundlage unserer Politik beiden Mächten kann nur etwas eminent Sittliches sein, ein Positives, das möglichst machtvoll in die Erscheinung tritt, die kraftvolle Dokumentiere g unserer historischen, kulturellen, unserer freiheitlichen Forderungen und Rechte — eben jenes also, was Zlocisti als „historisch-romantisch" aus der Bewegung bannen möchte. Ob die europäischen Mächte für die Grösse eines sittlichen Postulates empfänglich sein werden, wenn wir uns anstrengen werden, diese Grösse zu schaffen und ihnen vorzuführen — dafür will ich allerdings kein Prophet sein. So viel aber ist sicher, dass unsere Politik vor allem die Regierungen für unsere Interessen wird gewinnen müssen, nicht ihren vermeintlich bestehenden Interessen sich unterordnen darf." Es wäre doch gut und vielleicht sogar nötig gewesen, wenn Feiwel gerade das und sogar recht ausführlich begründet hätte. Zu leicht könnte sonst ein Missverständnis Platz greifen. Darüber ist sich Feiwel doch wohl klar, dass die Regierungen und Völker nichts für uns tun werden, was ihren Interessen irgendwie zuwiderlaufen könnte. Und eben die Unterstützung unserer Forderungen, die zugleich für die Völker und Regierungen vorteilhaft sind, suchte Herzl und sucht jetzt Zlocisti als das gegenwärtig Erreichbare und Anstrebenswerte, als das Wichtigste in unserer Politik hervorzuheben. Hier handelt es sich um ein Koordiniertes, hier lässt sich nicht davon sprechen, dass unsere Politik sich „nicht ihren (der Regierungen) vermeintlich bestehenden Interessen unterordnen darf". Dass die Grundlage unserer Politik bei den Mächten bisher des Sittlichen, ja des eminent Sittlichen entbehre, wird Feiwel wohl nicht behaupten wollen. Bisher wurde immer mit der vollsten Offenheit und mit allem Freimut den Mächten unser Programm und unser Ziel auseinandergesetzt. Ich glaube auch nicht, dass die bisher angewendeten Mittel zur Erreichung unseres Zieles das sittliche Moment irgendwie vermissen Hessen. Die kraftvolle Dokumentierung ist allerdings nur dann möglich, wenn wir selbst geeint und kraftvoll dastehen. Das ist gewiss ein Ziel, aufs innigste zu wünschen. Wenn aber Feiwel meint, dass darin das Sittliche unserer Politik bestehe, so scheint

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