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Die Welt · 1905-02-24 · 8 (24.2.1905) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „EM* # W^It" Nr. 8 oder noch grösseren Geläufigkeit andere Sprachen spricht, doch immer nur Jude, im nationalen Sinne genommen, sein kann. Das kann nicht oft genug gesagt werden, auch dein Herrn V. Y. an der Moldau. „Nicht ,die Juden", sondern den jüdischen Geist gilt es zu bekämpfen", ruft der Verfasser aus, und ist mit Prof. Ludwig G e i g e r einig, wenn er weiter sagt: „Der durchschnittliche ,deutsche Jude* ist auf deutschem Boden geboren, wächst in deutscher Muttersprache, deutscher Bildung auf; die hamilienüberliererung ist heute schon vorwiegend deutsch. Er hat die Wahl zwischen Deutschtum und Judentum, ja er ist zum Deutschen vorbestimmt (??) und ein voller Jude zu werden kaum noch imstande. Das ist des Pudels Kern: Die Judeiifrage ist nur durch reinliche Scheidung der „deutschen Juden" in Deutsche schlechtweg und Juden schlechtweg zu losen. Der Austritt aus der mosaischen Bekemitnisgemeinschait** — hier zeigt sich V. V. als Schüler des famosen Dr. Elias Jakob der Berliner „Zukunft4* — „ist dieir unerlässliche erste Schritt: ist doch die Zugehörigkeit zu ihr ein Hauptniiitel der jüdischnationalen Propaganda . . . wenn es irgend möglich, bleibe nicht bekenntnislos und werde nicht Katholik, sondern ersetze das jüdische Nationalibekienntnis durch das deutsche!''. Also einfach wechseln, wie man Wäsche wechselt! Und wer gibt dem Verfasser das Recht, die protestantischen Deutschen als die eigentlichen waschechten zu bezeichnen? Der tragikomische Prager geht aber noch weiter: „Die Ehe mit einer „Arierin", gegebenenfalls die Vertauschung des eigenen Vor- und Zunamens oder des Zunamens der Kinder gegen einen glaubhaft „arischen" — ein Jörn Kohn ist, von allem abgesehen, zweckwidrig — müssen folgen.4' Wie der Leser aus dem bisherigen ersieht, ist der Prager Herr alles, nur nicht originell. Auf diesen Gimpelfang fällt ihm kein Mensch herein. Wohl verlangt er andrerseits, dass der „Arierparagraph", der geschriebene und der ungeschriebene, fallen müsse. Er glaubt — was Wunder nach seinem bisherigen Naturaiunsinn — nicht an ein lebenskräftiges jüdisches Volk, weil „es eine Parodie auf unseren Volksbegriff sein müsste". Nein, verehrtester junger moderner Student, Sie sind wohl oder übel eine Karikatur eines V0.llkerpsycholo.gen und müssen noch bei sehr vielen Rassentheoretikern und Nationalökonomen in die Lehre gehen, um das Judentum auch nur in den elementarsten Dingen zu verstehen. Mit einer geradezu sträflichen Naivität behaftet, werfen Sie sich die Pseudoattila des Völkerpsychologen um; die Windigkeit der dogmatischen Begriffe führt Sie in eine politische Sackgasse; trotz der Donnerstimme des Katastrophenpolitikers merkt man die übergrünen Hirngespinste, die nur pathologisch zu nehmen sind — oder komisch. Und damit ist dem „Sc hie mihi" in Berlin — dem ich manche lachende Stunde verdanke — einen Teil meiner Dankesschuld abtrage, stelle ich ihm die „Forderuiigen zur Lösung der Judeiifrage, zunächst für das Deutsche Reich**, hiermit gratis zur gefälligen Benützung zur Verfügung: 1. a) Verbot aller jüdischen Einwanderung aus Ost- und Südost-Europa, einschliesslich Galiziens, der Bukowina und Ungarns, und aus den anderen Erdteilen, b) Begünstigung der jüdischen Auswanderung, besonders aus Süd-, Ost- und Westpreussen und Schlesien; 2. Durchführung einer Bezeichnung der Volkszugehörigkeit (Nationalität) anstatt jener der Muttersprache oder neben ihr auf allen Zählungsbogen und Personenpapieren; 3. streng folgerechte Behandlung der hiernach sich ergebenden Juden als Volksfeinde in allem und jedem, insbesondere Stellung derselben unter eine Sondergesetzgebung auf Grund der" Auffassung des Deutschen Reiches als Nationalstaat und tunlichste Durchführung des wirtschaftlichen Boykotts gegen sie, zumal auch gegen die Presse, soweit sie Juden beschäftigt; dagegen 4. Abschaffung jeglicher Ausschliessung und sonstigen Benachteiligung von Deutschen jüdischen Blutes, Durchführung ihrer vollkommenen Gleichstellung mit den anderen Deutschen, hierzu a) Begünstigung beziehentlich Forderung des Austritts aus der mosaischen Bekenntriisgemeinschaft und des Eintritts vorab in die protestantische Kirche des Landes, der Annahme schlichter deutscher Yor- und Zunamen, der Ehen zwischen „arischen" und „jüdischen" Deutschen, b) Erschwerung beziehentlich Verbot des Eintritts in die mosaische Bekenntnisgemeinschaft, der Annahme schreiender Vor- und Zunamen, der israelitischen Erziehung der Kinder aus Mischehen; 5. Gründung einer Gesellschaft zur Verbreitung der nationalistischen Auffassung und zur Verfolgung der obigen Forderungen, deren weitaus dringendste erste je eher je lieber aufzunehmen Ehrenpflicht aller „nationalen*' Parteien ist. Man irrt, wenn man meint, dass Herr V. V, (Prag) nichts vom Zionismus giehört hat; doch er gliaubt nicht, „dass der Zionismus, mag es einzelnen Führern und Anhängern noch so ernst um den Judenstaat zu tun sein, uns Deutsche je in höherem Mass entlasten werde! Binnen wenigen Jahrzehnten wird er sich im allgemeinen zum einfachen jüdischem Nationalbewusstsein gemausert, wird der „Antisemitismus" eine mächtige .Organisation des Judentums über ganz Deutschland hin zu schaffen geholfen haben. Und dann? Dann wird der Jude nur den Juden, der Deutsche a*ber wohl oder übel auch den Juden unterstützen, der nicht zu entbehren, geschweige aus dem Lande zu boykotten sein wird". Gegen diese Ausführungen ernstlich zu polemisieren hiesse mit Kanonen nach Spatzien schiessen, hiesse unsere ganze Arbeit auf den Kongressen, wo öffentlich — also auch für Herrn V. V. — verhandelt wurde, hiesse unsere siebenjährige Arbeit in dier „Welt" in einem Privatissimuirn dem Prager Herrn wieder holen, wozu ich keineswegs Lust noch Zeit noch viel weniger Raum habe. Der Lächerlichkeit dieses konfusen anonymen Artikels im Jahrbuch wird durch einen von Pathos triefendien Schlusssatz vollends die Krone aufgesetzt, wenn er sagt: „Es ist eine Hauptaufgabe des zwanzigsten Jahrhunderts, in Ueberwindung der Verirrungen des neunzehnten die Jndenfrage der Lösung näherzubringen, die entweder die hier vorgezeichnete oder die nicht sein wird." Eine weitere Auseinandersetzung mit derartigen Anschauungen halte ich für zwecklos; ich wollte bloss diie Leser dieses Blattes vor dem nutzlosen Ankauf und den Anlockungen des Titels „Die Judenfrage", von unnützen Geldausgaben — da wir unser Geld für den Nationalfonds brauchen — und vor dem Missbrauch ihrer freien Lesezeit schützien. Der Zweck ist durch diese weitere Wiedergabe erreicht. Herrn V. V. — zum Teufel], heraus mit dem ehrlichen Namen, das ist nicht anständig, sich wie eine feige Memme zu verstecken, während alle anderen Mitarbeiter des Jahrbuches mit vollem Namen zeichnen! — rate ich, sich mit seinem Landsmanne Herrn Rabbiner Dr. Kraus in Beneschau, über diese Frage auseinanderzusetzen. Er akzeptiert sicherlich Ihren Aufsatz für den „Rozvoj", nur setzt er überall statt des Wörtchens „deutsch" «mit derselben Berechtigung wie Sie das Wöir.tchen „tschechisch". Ich aber glaube; der tertius gaudens werden wir Zionisten sein. — Ritterliches Liederbuch. Von Börries, Freiherr von Münchhausen. F. A. Lattmann, Verlag, Berlin- Goslar-Leipzig, Er ist uns lieb, der Börries vonMünchhausen, der uns das Buch , Ju d au geschenkt. Der uns in die Seele zu schauen wünschte mit heisser Gier und dem Herzschlag unseres Volkes horchte. Ist es derselbe, der uns ein Ritterliches Liederbuch gab? Ich hätt' ihn vielleicht nicht gleich erkannt, aber, so meine ich, lange hätte er mich nicht gefoppt, wenn er auch seinen Namen verschwiegen hätte. „Wenn einer nur bei Kopf und Kragen Den Mut hat: Dasbin ich! zu sagen/ Den Mut hat er. Drum erkennt man ihn bald. Und manchmal kommt's mir vor, dass es nicht mehr Mut, sondern heller Uebermufc ist und ein bisschen Bramarbasieren obendrein. Weiss nicht, haben ihn viel verlästert. Und habe doch wenige gehört, die so versonnen in ihr Träumen, so weich in ihrem Fühlen. Und wenige, die so frech und froh ihre Schelmenlieder sangen, und noch weniger, die so fest und frei dem hellen Tag ins Auge schauen und so stolz und still den traurigen überwanden. Wie er den Waldesfrieden empfindet: „Mit langen, feuchten Händen strichen Die Zweige schmeichelnd mein Gesicht, Und alle meine Sorgen wichen, Und all mein Denken ward Gedicht. Im träumenden Bergaufwärtssteigen Ein neues Lied ich zag begann, — Mit grossen Augen sah das Schweigen Des Waldes mich verwundert an." So innig weiss er zu fühlen. Wenn er aber traurig wird, dann steht's auch dafür. Dann kommen Todesgedanken und Sargphantasien. Passt gar nicht zu der Physiognomie. Da behagen mir schon eher die Herrenlieder „Jagdlied", „Wir" u. s. w. Und ist ihm nicht alles gelungen, ein ritterliches Liederbuch ist es doch mit Recht geheissen. Natürlich, ein so feudales Buch kann auch nur zu einem Verlag kommen, der seine standesgemässen Ahnen aufweisen kann. Lattmann — Dreihundert Jahre deutscher Buchdruckerkunst. Feudal — Buch und Verlag. —r.

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