Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 8 (24.2.1905)
- Date
- 1905-02-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 „Ol* * w$it" Seite 11 41.754 Juden das Land verlassen, darunter 9288 Handwerker. Die grösste Zahl fällt auf das Jahr 1900, nämlich 5383 Männer, 3089 Frauen und 7336 Kinder, zusammen 16.G78 Personen. Unter den ausgewanderten Handwerkern befinden sich 3071 Schneider, 625 Schreiner, 604 Spengler und 503 Seiler. Aus Rumänien- Vor kurzer Zeit fand in Jassy eine Versammlung der konservativen Partei statt, in welcher Cantacuzino sein Ai beiteprogramm klarlegte. Schon der eine Umstand, dass er die Judenfrage in keinem Punkte berührte, deutet darauf hin, dass die Juden gar keine Verbesserung ihrer Lage von dem jetzigen Kabinette zu erwarten haben. Im Gegenteil! Die Aeusserungen des bekannten antisemitischen UniversitäUprofessors Xenopol (als Verax zur Genüge bekannt) una die des Greceanu lassen viel Schlimmeres voraussehen. Greceanu, der sich am 16. Mai 1899 bei den antisemitischen Ausschreitungen in Jassy durch seine Aufforderungen zu Judenplünderungen hervorgetan hat, warf der liberalen und junimistischen Partei vor, dass ihre Führer Bratianu und P. Carp es waren, die 1870 für die Naturalisation der Juden eingetreten wären und sich schon dadurch als Feinde des rumänischen Volkes dokumentiert hätten. Xenopol wieder verlangte, dass man Leute aus der Oltenia nach Jassy bringe, damit diese den Handel aus den Händen der Fremden (und wen er darunter verstand, ist der ganzen Weltbekannt), bei welchen er sich jetzt befinde, reissen sollen. Die liberale Partei konnte natürlich einen solch ungerechten Vorwurf, wie ihn Greceanu ihr gemacht hatte, nicht ruhig auf sich sitzen lassen und so suchte am 24. Jänner a. St. J. Bratianu in einer Versammlung sich als noch giösseren Patrioten hinzustellen, indem er auf die Juden losschimpfte und sie als die Ausbeuter des rumänischen Volkes bezeichnete und als B,eweis den Juden Moke Fischer anführte, der bereits mehrere Güter in Pacht habe, denselben, der einen riesigen Pachtzins dem Bruder des Redners zahlen muss.Wir sehen also, dass, welche Partei auch immer am Ruder sein möge, in dem einen alle überein stimmen, dass „die Judenfrage (ich zitiere hier einen Punkt aus dem Programme des Kandidaten A. C. Guza aus Jassy) gelöst werden müsse — durch Vernichtung der Juden*. L. S. Makebeth. Aus Konstantinopel. Das Zentralkonsistorium der Türkei hat seine Demission gegeben, da es mit dem Grand Rabbin Moise Levy in Konflikt geriet, Auch bezüglich des von der „Alliance" geschaffenen theologischen Seminars ist es infolge der Stellung, die das Rabbinat dazu einnahm, zu Differenzen gekommen. Gegenwärtig soll der Plan ernstlich erwogen werden, das Seminar von Konstantinopel nach Saloniki zu verlegen. Jerusalem. Am jüngsten Sonnabend fand in den Lokalitäten der hiesigen vereinigten Ortsgruppen ein längerer Vortrag statt, der sehr beifällig aufgenommen wurde. Mit Hinweis auf unsere Urgeschichte führte der Vortragende aus, dass, wie unsere Väter, ebenso wir erst ein Volk werden müssten, ehe wir an die Erwerbung eines Vaterlandes schreiten. Das verheissene Land haben die Ausgezogenen aus Aegypten weder de facto besessen noch vom Augenschein aus gekannt. Indes hinderte sie das nicht, sich in dem Zeiträume von 40 Jahren, welchen ihr Wanderzug in Anspruch nahm, zum Volke heranzubilden. Ia bezug aut die seinerzeitigen Bestrebungen, eine Art nrnren im heiligen Lande zu schaffen, bemerkte der Redner, oass diese als Konsequenzen der Erfolge zu betrachten seien, welche der selige Führer unmittelbar vorher an massgebendster Stelle Russlands erzielt hat. Zum Schlüsse mahnte er zur Eintracht und zu einem zielbewussten Vorgehen, zur Förderung der hebräischen Sprache und an die Ausfälle jener Kreise, die noch in dichter Finsternis stehen, sich nicht zu kehren. Am 30. Jänner fand hier die Eröffnung des neuen arabischen Theaters statt. Für dasselbe legte der Gouverneur, wie für alles Edle und Schöne, grosses Interesse an den Tag. Diesem ist es auch zu dankeD, dass das Entree für diesen Abend mit Frcs. 20 und noch höheren Summen bezahlt worden ist. — Am 6. d. M. hat hier die Bankque Ottomane eine Filiale eröffnet. Vor einigen Tagen verbreitete sich das Gerücht im Lande, dass in Yemen eine Verschwörung gegetv die Regierung ausgebrochen sei. Was man jedoch anfangs als Gerücht ansah, gilt heute als traurige Wanrheit. Der Aufstand hat bereits solche Dimensionen angenommen, dass eine verstärkte Wehrkraft zu entsenden nötig geworden ist. Es werden daher alle Reservisten der Umgegend einbezogen, von denen bereits der erste Trupp heute am 8. d.M. abmarschiert ist. — Heute verschied hier Rabbiner Rabinowitsch-Teumim. Der altersschwache, des Augenlichtes leider beraubte R. Schemuel Salant verlangte vor Jahren schon einen Stellvertreter, der eventuell sein Nachfolger im Rabbinate werden sollte. Mit Einwilligung der Vorsteher und Zustimmung seitens der russischen Rabbiner setzte sich der greise Salant mit Teumim, dem damaligen Rabbiner zu Mire (Russl.), in Verbindung und veranlasste ihn zur Uebersiedlung nach Jerusalem, Mach vierjährigem Wirken als Rabbinerstellvertreter ist er nun nach längerem Leiden in ein besseres Jenseits hinübergeschlummert. Teumim soll erst im Alter von 55 Jahren gestanden haben. Es war ihm also nicht beschieden, erster Rabbiner Jerusalems zu werden, naäMn Hazioni. Ein neuer Hafen am Roten Meere. Die ägyptische Regierung schickte eine Kommission nach Scheich Bargut am Roten Meere, um daselbst die nötigen Arbeiten zur Herstellung eines Hafens in Angriff zu nehmen, da die Berberbahn dort enden soll. Scheich Bargut ist 100 Kilometer von Suakin entfernt und nur von wenigen Kegern bewohnt. Bodenerwerbungen der „lea" in Argentinien. Die „Jewish Colonization Astociation* hat SO.OOOHekiar Land zu Kolonisationszwecken angekauft und steht wegen der Erwerbung weiterer 135.000 Hektar in Unterhandlung. Bücher und Zeitschriften-Rundschau. Jahrbuch moderner Studenten. Minie Anregung und Abwehr von Max Nacher. im Verlage A. W. Zickfeld, Osterwieck a. Harz, erschien dieser Tage ein Büchlein, -das sich „Jahrbuch moderner S tu - denten" nennt. Die allgemeine Tendenz ist entschieden zu lohen. Ks ist wahrlich hoch an der Zeit, mit der alttoeidelbergfrohen und grünen nachtigalrlseligen Zeit zu brechen, es ist vollauf berechtigt, dass mit der Tradition, au den Begriff Student — im deutschen Sinne genommen — die ideenassoziatiojieji: Kneipe, Kommiers, Biermöpse etc. zu hängen, endlich einmal gebrochen werden rnuss. Ja noch mehr; ich möchte, dass bei uns Juden in diesen Begriff Student ein paar starke Tropfen jener Empfindung geträufelt werden, die man bei dem Aussprechen dies Begriffes „Arbeiter' in sich hegt. Denn wir Juden haben vor allem die Pflicht, unserem Volke zu dienen, die jüdische Jugend nichts mehr, aber auch nichts weniger als Pioniere des Zionismus zu sein. — Für den modernen deutschen Studenten soll diie vielgepriesene Burschenherrlichkeit „ein Phantasma der Vergangenheit" sein, für uns bewusste Juden kommt nicht einmal dieses Phantasma in Betracht. Und da möchte ich eine Analogie fragend anführen. Während — von den deutschen Studenten gar nicht zu reden — selbst die tschechische und polnische Studentenschaft ihre eigenen publizistischen Organe hat, worin sie ihre Lage und Wünsche berät und vor einem grossen Forum klarlegt, entfernt die jüdische Studentenwelt noch immer einer solchen Zeitschrift.*) Man sehe sich die vorerwähnten Zeitschriften und Almanache der slawischen und lateinischen Akademiker an und wird staunend fragen: Sollte das, was jenen g'elungon ist, nicht auch uns gelingen? Doch ist es wirklich nötig, den Angehörigen eines „Volkes der Schrift" die Existenzberechtigung der studentischen Presse klarzulegen und zu begründen? Was dieses „Jahrbuch moderner Studenten" von vornherein sympathisch erscheinen lässt, ist die von allen chauvinistischen Schlacken befreite Objektivität, mit der der Herausgeber alle möglichen Parteien und Richtungen im modernen Stüde ntenorg anismus zu Worte kommen Hess. Ob auch die Juden? Das werden wir gleich zu prüfen haben. Neben Aufsätzen, wie „Der Student und die Politik", „Die Krise der tschechischen Studentenschaft und ihre Lösung*'- finden wir Artikel über „Studentische Lebensprobleme", der „Student u;d Alkoholismus", „Einiges zur Mittelschulfrage", „Der mo erne Student im d die Sozialwissenschaft", „Die Studenten ind die österreichische Frage" und — „D i e .1 u d e n f r a g v o n V. V. (Prag). Mit diesem sieben Seiten umfassenden Auf;tze will ich midi im folgenden kurz befassen. Der Autor geht vor allem fehl, „ohne Rücks'.ht auf die Literatur" dieser Frage auf den Grund zu gehen. L will jene Auffassung der Judenfrage darlegen, die er „unter hin. en und äusseren Kämpfen selbständig gewonnen, durchgebüldti 'uid erprobt habe". Hier stocke ich schon, und frage: wo u;k. wann durchgebildet und erprobt? Fr setzt den Nationalismus voraus und meint, dass der „deutsche Jude" „weder notwendig Deutscher, noch notwendig Jude ist, sondern Deutscher oder Jude sein kann". Diese Lehre ist wohl ganz neu. Wir meinen, dass der Jude, ob er bkrss deutsch oder daneben mit derselben *) Von dem ganz vorzüglichen, aber in diesem Sinne zu unvollkommenen „Jüdischen Studenten" will ich hier absehen, (A. d. V.)