Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 8 (24.2.1905)
- Date
- 1905-02-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „bis afr Welt" Nr. 8 Zionismus in Schutz nimmt* Am 15. Februar hielt der tschechische Abgeordnete Dr. Herold im österreichischen Parlament eine Rede über Beamte deutscher und tschechischer Nationalität in Böhmen, wobei er folgendes ausführte (Stenographisches Protokoll Seite 27.192): „. . . Ich kann mich heute noch an einen Vorfall erinnern; es sind schon 5 Jahre her und der betreffende Mann ist tot. Es war seinerzeit, als noch Herr Dr. Schlesinger Landesausschussbeisitzer war, da hat es sich im Landesausschuss um die Besetzung einer Konzeptsbeamtenstelle gehandelt Unter sämtlichen Bewerbern war ein Israelit deutscher Nationalität, alle übrigen Bewerber gehörten der böhmischen Nationalität an. Dieser Kompetent hat eine ausgezeichnete Qualifikation gehabt und es wäre seitens der böhmischen Landesausschussbeisitzer überhaupt gar keine Einwendung gemacht worden, dass dieser Kompetent angestellt werde, damit man eben nicht sagen könne, dass die Deutschen präterieit würden. Da hat der selige Schlesinger gesagt: Das geht doch nicht, dass wir einen Juden anstellen." Dieser Dr. Schlesinger war der Führer der Liberalen in Böhmen. Rabbinerjubiläum. Am 19. d. M. feierte Rabbiner Wilhelm Reich das ^ojähriges Jubiläum als Seelsorger der Kultusgemeinde Baden bei Wien, Er hatte das Glück, als junger, begabter und tatkräftiger Mann Rabbiner einer jungen, aufstrebenden Gemeinde zu werden, in welcher sich ihm ein weites Gebiet für seine vom Hause aus mitgebrachten rabbinischen Fähigkeiten eröffaete. Zusehends entwickelte er sich selbst und seine Kanzelreden wirkten immer stärker und packender, so dass alle seine Anregungen zu Wohlfahrtsinstitutionen in der Gemeinde Anklang fanden und zum Nutzen derselben zur Ausführung gelangten. Sein nach Frieden und Einigkeit strebender Sinn bewerkstelligte es, die divergierenden Anschauungen der Gemeindemitglieder über Kultus und Unterricht alimählich zu vereinigen, so dass jetzt die Kultusgemeinde Baden sich eines guten und ruhmvollen Namens erfreut. Und der Vorstand dieser Gemeinde, mit seinem Präses Herrn Moriz L e i t n e r an der Spitze, der das Gute stets zu würdigen weiss, nahm also die 25. Jahreswende der seelsorgerischen Amtstätigkeit seines Rabbiners zum Anlasse, um ihm in einer besonders schönen und würdig durchgeführten Feier den Dank und die Anerkennung der Kultusgemeinde zum Ausdrucke zu bringen. Der Verlauf der Feier seJbst \\rar folgender: Um 5 Uhr abends geleitete der Gesamtvorstand den Jubilar vom Kanzleigebäude in den hellerleuchteten und mit Blumen dekorierten Tempel, in dessen Vorhalle ein Baldachin aufgerichtet war. Hier, von vielen hervorragenden Gästen erwartet, wurde er von einem Schulknaben mit einem kurzen Gedichte begrüsst und ihm zum Schlüsse ein Blumenbukett überreicht. Nach einer kurzen Erwiderung betrat der Rabbiner den bis auf das letzte Plätzchen besetzten Tempel, worauf Herr Oberkantor Seifert das „Ma-towu" mit Chorbeglt-itung anstimmte. Kaum war der Gesang verhallt, betrat der Rabbiner die Kanzel und fesselte in einer halbstündigen Festrede alle Zuhörer, unter welchen die Bezirkshauptmannschaft, das Bezirksgericht, das Platzkommando, die Stadtkommune sowie sämtliche Schulinstitutionen vertreten waren. Nach Verrichtung des Kaisergebetes bei offener Bundeslade durch den Rabbiner erfolgte das Minchagpbet durch den Oberkantor. Den Schluss des Festes bildete die Absingung der Volkshymne durch den Tempelchor. Nach Beendigung der Feier im Tempel ward der Jubilar in den Sitzungssaal geleitet, wo ihm der Kultusvorsteher Herr Moriz L e i t n e r nach einer an ihn gerichteten Ansprache eine höchst geschmackvoll ausgeführte Adresse überreichte- Herr Anton Schneider richtete im Namen der Chewra-Kadischa, zu deren Vorstand er gehört, eine Ansprache an den Rabbiner und feierte ihn zugleich als Anreger zur Gründung des in der hiesigen Kultusgemeinde segensreich wirkenden Frauenvereines. Mit Absingung des 111. Psalmes durch Oberkantor M. Seifert und den Chor, welcher Vortrag allgemeinen Beifall fand, schloss die schöne und erhebende Feier. Otto Erich Hartleben, der vergangene Woche in Halkyone, seiner Villa am Gardasee, starb, war einer der trefflichsten Satiriker des jungen Deutschland. Unter anderem hat er auch auf die modernen Judenchristen einen bekannten Hexameter gedichtet und die frischgetauften Juden an den Pranger gestellt. Der Vers lautet „Darwinistisches, Hosenverkäufer der Alte, der Junge schon Affe des Giftbaums, Rechtsanwalt und Notar, Arzt oder Richter sogar. Heissa! Nun geht's ans Taufen! Man tut es mit möglichster Sorgfalt und aus dem „Christen" entsteht herrlich der Antisemit.* Jüdische Dozenten. Dem „RussK und „Birsch. Wjedom," zufolge ist die Unterrichtsbehörde in Russland entschlossen, im .nächsten Sommer mehrere Juden als Dozenten und, Professoren an Universitäten zuzulassen. In Universitätskreisen sowohl wie in Ministerkreisen soll die Angelegenheit der Zulassung von jüdischen Lehrern an Hochschulen vielfach diskutiert werden. Besonders soll dies der Fall sein an der Fakultät der orientalischen Sprachen in Petersburg, wo demnächst einem jungen jüdischen Gelehrten, der seine Studien in Königsberg absolvierte, eine Lehrkanzel eingeräumt werden soll. Das Zentralkomitee der „lcaa in Petersburg ist, dem „Fr aind" zufolge, mit der Ausarbeitung eines eingehenden Werkes in russischer und jüdischer Sprache beschäftigt, in welchem alle wissenswerten Einzelheiten, die auf die Emigration russischer Juden nach Kanada Bezug haben, zusammengestellt werden sollen. Die Abteilung für jüdische Emigration desselben Zentralkomitees hat auch einen Fragebogen ausgearbeitet, mittels dessen in den Städtchen des Ansiedlungrayons Erkundigungen nach den Verhältnissen, wie etwa Ziel und Ursache der Auswanderung und dergleichen gepflogen werden. Jüdischer Frauenbund in Deutschland. Am 23. v. M. fand im Logenheim in Hamburg eine Sitzung des Vorstandes des Jüdischen Frauenbundes statt. Die erste Vorsitzende Fräulein Pa p p en h e im-Frankfurt a. M. eröffnete die Versammlung und setzte die Gesichtspunkte auseinander, aus denen heraus der Bund gegründet wurde. Derselbe will und soll nicht in die Einzeln vereine eingreifen; er soll und will eine Stärkung der Schwachen bedeuten, er will bei der Lösung von allgemeinen Fragen die Führung übernehmen, das Solidaritätsgefühl der jüdischen Frauen stärken; er will dahin wirken, dass die jüdischen Frauen ihre eigene Sache, die jüdische Frauensache als ihre eigenste, wichtigste betrachten: „Die jüdische Frau lerne insbesondere, dass ihr bestes Fühlen, ihre beste Kraft ihrem jüdischen Volke gehört." Und ob die Vereine sich Holzvereine, Krankenvereine oder Wöchnerinnenverein, Näbverein, Unterstützungsverein etc. nennen, sie alle können durch ihren Anschluss an den Jüdischen Frauenbund dem Bunde und rückwirkend sich selbst dienen, da jede Einzelrichtung und jedes Einzelbestreben Platz finden sollen in dem ganzen Grossen. Und bietet der Bund auch nicht gleich so grosse ersichtliche Vorteile, so wird die nächste Zukunft sie sicher für jeden Einzelverein zeitigen. Wie wenige jüdische Frauenvereine arbeiten überhaupt heute schon auf jüdischsozialem Gebiete! In den provisorischen Statuten begründet daher der Bund seine Ziele mit den Worten: „Der Bund verfolgt die Förderung der Gesamtinteressen der jüdischen Frauenwelt. Er will Gelegenheit geben zum Gedankenaustausch, zu Vergleichen, zur Anregung selbständiger Schöpfungen und enthält sich jeden Eingriffes in die Selbständigkeit der einzelnen Vereine. Politische und religiöse Parteifragen sind ausgeschlossen." Die erste Schriftführerin Frau Henriette May-Berlin gibt darauf einen Bericht über ihre bisherige Tätigkeit und bringt zur Kenntnisnahme, dass erfreulicherweise sich 42 jüdische Frauenvereine dem Bunde angeschlossen haben. Sodann wird zur Beratung einig«--r Punkte der Tagesordnung geschritten und zwar über Organisation, Propaganda und ein Bundesorgan. Fräulein Sidonie Werner-Hamburg wird zur Vorsitzenden eines Presskomitees ernannt. Alle offiziellen Berichte sollen durch ihre Hände gehen und mit O B. gezeichnet werden. Es werden Vorschläge zur praktischen Arbeit gemacht, die bei der nächsten Delegierten Versammlung zur Klarlegung kommen sollen. Es sollen dann nachstehende Temata behandelt werden: Zulassung der Frauen zur jüdischen G*meindearmenpflege (Fräulein Werner- Hamburg), Uneheliche jüdische Kinder (Fräulein Pappenheim-Frankfurt a. M.), Zentralisation der Armenpflege (Frau Dr. Seligmann - Frankfurt). Die V ersammlung beschliesst, dass der Bund dem „Hilfsverein der deutschen Juden* seine Bereitschaft erkläre, jegliche Arbeit zu übernehmen, welche Frauen in der augenblicklich so aktuellen Auswandererangelegenheit leisten können. Die Versammlung geht von der Ueberzeugung aus, dass Frauenhilfe, besonders in den Grenzstädten, sehr wohl erwünscht sein könnte. Es wird beschlossen, die nächste Delegiertenversammlung im Herbst in Frankfurt a. M. abzuhalten. Die Auswanderung und Ausweisungen von rumänischen Juden. Das statistische Amt des rumänischen Innerministeriums gibt eine Uebersicht über die jüdische Auswanderung in den letzten Jahren. Danach wanderten aus: 1889 3375, 1900 16.678, 1901 3401, 1902 8974, 1903 6671, 1904 (3/4 Jahr) 2682, zusammen 41.281. — Aus einem zweiten vom rumänischen Minister des Innern veröffentlichten Berichte geht hervor, dass, seit dem Jahre 1881 bis jetzt, 859 Personen aus Rumänien ausgewiesen worden sind» Seit dem Jahre 1894 betrug die Zahl der Auslieferungen 192 und diejenigen der Verbannungen 6529. Von 1899 bis zum 1, Oktober 1904 haben