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Die Welt · 1905-02-24 · 8 (24.2.1905) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „bis # W^lt" Nr. 8 kenntnis, der Zionismus sei das grösste Unglück des Judentums (vide Jlosse), die Zionisten seien allesamt junge Phantasten (nnd Herr Kastan?)/ die Zionisten lieferten nur Material für die „Kreuzzeitung" (indem sie Leute ä lä Kastan an den Pranger stellen) und Kischenew und Manie] seien nur vorübergehende^ erklärliche Erscheinungen, die Juden in Rus&land könnten ja gar keine Rechte haben, haben doch die Bussen selbst keine , . . u. s. f. Und das setzt ein „Verein für jüdische Geschichte (!) und Literatur" seinen Hörern als geistige Kost vor. Sollte os nicht Pflicht des Vorstandes sein, sich vorher über seine Redner zu informieren? Oder ist die Tatsache, dass jemand beim „B. T." angestellt ist, schon genug Empfehlung und Beweis einer Befähigung für jüdische Geschichtsvorträge? Acht Tage nach diesem Debüt sprach im „Liberalen Verein der Synagogengemeinde zu Breslau" Herr Dr. Gustav Karpeles über „Die Zukunft des Judentums". So betitelte er einen Vortrag, in dem er zu zeiget suchte, dass die Beligion der Zukunft nur die des Judentums sein könne, und zwar des liberalen Judentums. Der Träger des Judentums, der Juden, gedachte er dabei nicht oder nur nebenbei. Die Juden vergass er über seiner Mission, was um so weniger zu verwundern ist, als er die zukünftige Weltreligion schon sehr nahe glaubt. Wie deren Zukunft sich gestalte, ist ja auch wohl vom Standpunkte der Mission aus nicht so wichtig, der Mission, die einige Fanatiker noch immer zu leugnen wagen. Darum erwähnte er auch den Zionismus und die Zionisten mit keinem Worte, auch den Antisemitismus nicht. Und das gefiel dem Vorsitzenden des Liberalen Vereines, wie er nachher hervorhob, am besten am Karpelesschen Vortrage. Dieser liberale Herr Dr. Keich ist also noch einer von den Naiven, die glauben, am besten dadurch mit dem Antisemitismus und Zionismus fertig werden zu können, dass man sie negiert, totschweigt. Schweigen Sie nur, Herr Dr. Beich, Sie tun gut daran. Wenn sie aber meinen, dass der Karpelessche Vortrag gedruckt werden sollte, so wollen Sie bitte erwägen, dass er eigentlich den Christen gewidmet ist (Mission!) und Sie werden gut daran tun, Christen den Vortrag umsonst zu überlassen. Nur Juden müssen es bezahlen, wenn Sie diesen Vortrag noch lesen wollen. Einmal versprach sieh Herr Dr. Karpeles; er sagte: „mein Volk", er verbesserte sich aber gleich und sagte: „meine Glaubensgemein.de". — Festhalten möchten wir hier folgendes aus seinen Worten: „Wir sind Juden, weil wir uns als Juden fühlen, auf dem historischen Boden des Judentums stehen, den Zusammenhang nicht verloren haben mit unserer Vergangenheit und erbeben wenn wir den Notschrei unserer jüdischen Brüder hören .... Das Judentum ist keine Beligion, sondern eine sittliche Weltanschauung und geschichtliche Tatsache, der sich niemand entziehen kann, der in dieser Gemeinschaft geboren ist . . . Die hebräische Sprache ist das gemeinsame Band für uns alle." — Klingt das wie „Allgemeine Zeitung des Judentums"? — Warten wir ab, in einigen Jahren klingt's vielleicht noch besser. Schliesslich ist alles Entwicklung, ol. Das Ende des Homeler Prozesses. (Berichten russischer Blätter entnommen.) Nach fast zehnwöchentlicher Dauer ist der Homeler Prozees, welcher durch seine mehr als eigentümliche Führung und durch die dramatischen Momente, die er geboten, die Aufmerksamkeit der ganzen zivilisierten Welt auf sich gelenkt hat, nunmehr beendigt worden. Am 8. d. M. hat der ausserordentliche Gerichtshof^ nach elfstündiger Beratung das Urteil im Homeler Prozesse gefällt. Von den angeklagten 25 Juden wurden 13 freigesprochen, 12 zu verschiedenen Freiheitsstrafen verurteilt; von den angeklagten 28 Russen wurden 16 freigesprochen, 12 zu unbedeutenden Kerkerstrafen verurteilt. Der Gerichtshof beschloss gleichzeitig, das Urteil dem Zaren zu unterbreiten und die Verurteilten der Gnade des Kaisers zu empfehlen. Das ist sozusagen das trockene, ziffermässige Ergebnis des sensationellen Homeler Prozesses, Aber seine soziale und politische Bedeutung liegt in den Vorgängen, welche sich in den letzten Tagen der Verhandlung und nach Verkündigung des Urteiies abgespielt haben. Nur die Würdigung dieser Vorgänge vermag den Ausgang des Homeler Prozesses ins wahre Licht zu rücken und die Lage unserer Volksgenossen in Russland erschöpfend zu illustrieren. Vor allem ist es die von uns bereits erwähnte Zeugenaussage des orthodoxen russischen Hof- und Gerichtsadvokaten Kalaschnikow aus Moskau, welche die weitestgehende Beachtung verdient. Kalaschnikow, welcher in Hornel geboren und erzogen wurde und des ganze Leben der Homeler Juden genau kannte, befand sich während der hlutigen Exzesse gegen die Juden in seiner Vaterstadt Hornel und war Zeuge aller Vorgänge, welche sich in den Strassen von Hornel in jenen denkwürdigen Tagen abgespielt haben. Und was Kalaschnikow vor Gericht deponierte, das trug auch den Stempel der strengsten Wahrheit und Objektivität. In lebhaften und eindrucksvollen Farben schilderte Kalaschnikow die trostlose Lage der Juden. Die Behörden haben nach den Worten dieses Zeugen die Juden, welche Kussland mit allen Fasern ihres Herzens lieben, stets als Feinde behandelt und dadurch eine für die Juden unerträgliche Stimmung erzeugt. Die ganze russische Intelligenz in Hornel habe stets Hass gegen die Juden gepredigt und die Juden sogar von dort verdrängt, wo sie eine schöpferische Tätigkeit entwickelt hatten. Die Polizei untersagte z. B. den Besitzern von Booten, Juden Boote oder Kähne zur Fahrt auf dem Wasser zu vermieten . . . Diese Predigt des Hasses trug besondere Früchte während der Exzesse gegen die Juden. Kalaschnikow sah auf der Strasse Szenen, welche jeden gesitteten und ehrlichen Menschen mit Abscheu erfüllen müssen. Jüdische Schulmädchen traten aus der Schule und im Nu wurden sie von Polizisten umringt und blutig misshandelt . . . Kalaschnikow machte den Versuch, die armen und unschuldigen Kinder aus den Händen der russischen Wächter der öffentliche n O r dn u n g zu befreien, er wurde aber zurückgewiesen, wobei ihm zugerufen wurde: „Wir dürfen die Juden niederhauen, sie sind Feinde Russlands!tf Wie sich die höheren Polizeibeamten den Exzessen gegenüber verhielten, darüber wurde schon vieles berichtet. Aber Kalaschnikow teilte dem Gerichte haarsträubende Einzelheiten mit, welche für die buchstäbliche Teilnahme der Behörden an den Exzessen gegen die Juden den unwiderleglichen Beweis erbrachten. Aber trotz der nachhaltigen Wirkung, welche die dreistündige Rede Kalaschnikows auf den Gerichtssaal geübt, beharrte der Staatsanwalt Ryschow auf seiner Anklage gegen die Juden, welche bekanntlich dahin lautete, dass „die Juden aus religiösem Hasse gegen die Russen Unruhen veranstaltet und sich den Weisungen des Militärs widersetzt hättenEr sprach in gehässigem Tone gegen die Juden, er stellte sie als Feinde der Ordnung und des russischen Vaterlandes dar. Den Gipfel der Feindseligkeiten gegen die Juden boten jedoch die hasserfüllten und hetzerischen Reden der Vertreter der christlichen Angeklagten, der Advokaten R o m anenko, Schmakow und Pogoschew. Die antisemitischen Advokaten hielten gegen die Juden förmliche Brandreden, ohne vom sonst so schneidigen Vorsitzenden unterbrochen zu werden. Pogoschew bezeichnete die Juden als Japaner, welche Russland vernichten wollen. Romanenko erklärte offen, dass die Russen im Rechte seien, wenn sie Exzesse gegen die Juden veranstalten, und Schmakow flehte den Gerichtshof an, Russland von den Juden zu befreien. Und als der Verteidiger Pontalejew den Versuch machte, die gehässigen Ausfälle der antisemitischen Advokaten zurückzuweisen und die Unstichhaltigkeit der von diesen gegen die Juden geschleuderten Anklagen hervorzuheben, wurde er vom bekannten Präsidenten des Gerichtshofes unterbrochen und zur Mässigung ermahnt. ir- ) Die schwüle Atmosphäre im Gerichtssaale erfuhr noch im letzten Augenblick eine Verschärfung. Unter den angeklagten Juden verbreitete sich das Gerücht, dass in der Stadt Exzesse gegen die Juden ausgebrochen seien. Sie erwirkten eine Unterbrechung der Verhandlung und eilten zu ihren Familien. Leider erwies f sich das Gerücht als begründet . . , Streikende Arbeiter überfielen jüdische Häuser und begannen sie zu plündern. 300 jüdische Familien flüchteten nach der Synagoge und verbarrikadierten sich dort. Die Arbeiter zertrümmerten die Fensterscheiben in

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