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Die Welt · 1905-02-24 · 8 (24.2.1905) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „bl* # Welt11 Nr. 8 Gefühle irgend eines Menschen in England verletzen wollte, sicherlich auch viele, die es als eine Schmach für England ansähen, wenn man politischen Flüchtlingen den Aufenthalt verweigerte. Wenn sie gleichwohl die Bill gegen die Fremden wünschen, so ist dies mir ein Zeichen dafür, dass sie die Lage der Juden in Uussland für unerträglich halten, dass sie an eine baldige Besserung nicht glauben, dass sie ein stetes, riesiges Anwachsen der Immigration befürchten, die nach ihrer Meinung England schwer schädigen müsste. AVenn es noch für manche Juden, eines Beweises bedürfte, dass ihre Lage — und wenn sie sich noch so krampfhaft als Germanen, Gallier oder Angelsachsen gebärden — in unlöslichen] Zusammenhange ist mit der Lage der Juden in allen anderen Ländern, so wäre mit. dieser Bill wieder einmal ein stringenter Beweis erbracht. Die Agitation, die jetzt in England von mancher Seite mit den gewissenlosesten Mitteln betrieben wird, um den Juden des Ostens den Eintritt zu verwehren, wird zweifellos nicht ohne Rückwirkung bleiben auf die Lage der in England eingeborenen Jude]]. Das muss mit allem Ernste wieder konstatiert werden. Nicht für diejenigen, die das Volkstum der Juden bctone]i, sondern für die Leute, die jede Zusammengehörigkeit mit den Jude]) anderer Länder ableugnen. Es zeigt sieh eben, dass da das Wollen allein nicht genügt, dass die Tatsachen die schönsten Theorien und die feinsten Systeme brutal über den Haufen werfen, wenn sie der geschichtliche]]. Notwendigkeit widerstreben. Es wird vielleicht manchen begeisterten Verfechter der Assimilation doch stutzig machen, wenn er die letzte Zufluchtsstätte, die den Juden bisher offen war, verschlossen sieht, wenn er überlegt, dass der Strom der Auswanderung sich nun nach, anderen Ländern ergiessen und schwere Komplikationen her vor r u f en könn t e. Traurig genug allerdings, dass es eines solchen äusserlichen Momentes bedarf, um sie aufmerksam zu machen. Da aber die Menschen gewöhnlich erst lerne]], wenn sie am eigenen. Leihe Erfahrungen sammeln, wenn sie fühlen, was sie nicht hören wollen, so werden immerhin einige Juden auch bei dieser Gelegenheit wieder etwas erlernen, was sonst nicht in ihre Köpfe wollte, etwas fühlen, wovor sie sonst ihr Herz fest verschlossen hielten. Wir Zionisten empfinden es mit tiefem »Schmerze, dass es bei. vielen Juden des Westens erst solcher Geschehnisse, bedarf, um sie über die jüdische Frage zum ernstem selbständigen Nachdenken zu zwingen. Wir sind nicht erfreut, wenn uns auf Grund solcher Vorkommnisse neue Anhänger zuströmen. Wir sagen uns. dass die Krankheit im jüdischen Volkskörper schwer heilbar ist, wenn erst eine akute Vorsehlinnuerung Abwehr hervorruft. Wir wollen aber nicht verzagen. Es wird immer offenbarer, dass unsere Anschauungen richtig sind, weil die Voraussetzungen, auf denen sie beruhen, auch unseren (iegnern immer mehr einleuchten. Wir können daraus den folgerichtigen Schluss ziehen, dass auch unsere Ziele immer mehr Verständnis finden, dass die Juden endlich in ihrer Gesamtheit unserer Politik Gefolgschaff leisten, worden, der Politik, die um das ganze Volk sorgt, und die über Aliens Bills ebenso erhaben ist, wie über den Antisemitismus anderer Lander. iE. Jüdische Parteiungen in Ungarn, Das streitbare Organ, der ungarischen Assimilation möge nicht erschrecken, dass sich irgendwo in. Ungarn eine jüdische, eine spezifisch jüdische Partei gebildet habe. Nein, der „Egyciilöseg" kann ganz ruhig sein, und muss weder einen gewaltigen patriotischen Bann strahl auf die vaterlandslosen Zionisten. niederschmettern, 3ioeh. ein ketzerisches Strafgericht über dieses für die Taufe arbeitende Gelichter abhalten,, ja selbst nicht einmal in ein homerisches Gelächter über die hirnverbrannten Ideen der „zionistischen Herren" ausbrechen — nein, diese drei so oft gebrauchten Waffen, die diversen Schmähungen und Verleum'dungein sind diesmal noch überflüssiger als sonst, denn, den ungarländisehen Zionisten ist es weder bei den -letzten Wahlen noch sonst eingefallen, sich in eine innerpolitische Partei zu verwandeln,. Andere Elemente haben den Stoff zu einer Besprechung jüdisch-politischer Parteiungen geliefert — an ihrer Spitze übrigens der „Egyenlöseg" selbst—und wenn auch vieles noch dazukam, wa-s mit dem bewährten Assimilationsprogra.nune nicht in Einklang zu bringen ist — mein Gott, die hohlen, Phrasen der Assimilationspolitik unterscheiden sich eben von der nackten Wirklichkeit, wie sich ja Lüge von der Wahrheit unterscheidet. Am Beginn der Wahlkampagne hatte der „Egyenlöseg" selbstredend die Parole aufgestellt, dass das „israelitische Glaubensbekenntnis" keinen) Einfluss auf die politische Richtung und die Wahl der mosaischen ungarischen Wahlbürger ausüben dürfe, und mit entrüsteter Miene und beissendem Spotte wurde über den Wahlaufruf berichtet, der von „patriotischen israelitischen. Wählern in Kolozsvar" an ebensolche zugunsten der vereinigten Opposition gerieiltet worden war. Warum die 'Unterscheidung von patriotischen Wählen), zu denen im Gegensatz es natürlich auch unpatriotische Wähler geben muss, nach Konfessionen, und worin unterscheiden sich die israelitischen Wähler in dieser Zweiteilung von den patriotischen und unpatriotischen Wählern römisch- und griechisch-katholischem griechisch-orientalische]], reformierten und unitarischen Bekenntnisses? Aber in seiner Gewinn imgstüchtigkeit ging das Blatt noch weiter und betonte auf das entschiedenste, die einzelnen israelitischen Abgeordnetenkandidaten haben cibsolut ihres Eeligionsbekenntnisses halber nicht Anspruch auf die Stimmen ihrer Glaubensgenossen, denn jedermann treffe seine Wahl nach seiner politischen 1 Vberzeugung und nicht nach seinem Glaubenshekeuntnis. Diese glänzenden Ausführungen, haben aber ihren Zweck wohl am meisten beim „Egyenlöseg" selbst verfehlt. In einer Heike von Nummern, wird in diesem „israelitischkonfessionellen" Blatte für die liberale Partei, für die Regierung die Werbetroinmel gerührt, und zwar in einer so energische]], schrei enden Weise, wie es wohl nur in TTngarn. betrieben wird und in dem Worte Korteseha.tion seine Bezeichnung gefunden hat. Insbesondere in der unniittdbar vor den Wahlen erschienenen Nummer wird überall bewiesen, dass die Israeliten nur mit der liberalen Partei stimmen können und gegen die vereinigte Opposition Stellung nehme]], müssen — sogar das Feuilleton muss herhalten, um die Jiidenfeindlichkeit des oppositionellen und den Wurschtigkeit sstandpunkt des liberalen Kandidaten zu beweisen, denn dass die liberalen Abgeordneten auch nach den Wahlen, jnclenf reund] i eli sind, wagt „Egven- Jnseg" seinen Lesern wohl nicht einmal im Feuilleton vorzusetzen. Nicht mit blassen Farben wird den israelitische]] Wählern von der bangen Zukunft erzählt, wenn die vereinigte Opposition durchdränge — und da dies nun bekanntlich wirklich geschehen ist, so stehen wohl in Bälde in Ungarn Eeligionsverfolgungen, Zwangstaufen, -Scheiterhaufen u. dgh bevor. Selbstverständlich kann nämlich in einem Blatte, das imzähligcmal d e n G e d a n k <• n e i n e r j ii d i s c h e n X a t i o n a 1 i t ä t f ü r T o r ho i t u n d A7 e r b r e c h e n erklärt hat und für reines Magyaren tum mosaischer Konfession eintritt, diese ganze Angelegenheit nur vom k o n f e s s i o n. e 11 e n S t a n d p u n k t e a u s he trachtet werden. Wenn von zionistischer und jiid ischnationaler Seite aus immer und in allen Ländern betont wird, die

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