Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1905-02-17 · 7 (17.2.1905) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
7 (17.2.1905)
Date
1905-02-17
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316128-3316140--46606-3341460
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 7 flbie & weit" Seite 15 Er wendet sich freilich bloss an diejenigen Territorialisten die nicht wie manche Heisssporne „Palästina" ganz ausscheiden wollen, sondern, wie es Jasinowski formuliert hat, streben : nach der Errichtung einer Heimstätte vor allem in Palästina und erst, wenn das unmöglich wäre, es mit einem anderen Territorium zu versuchen, ß er Ilfeld meint, die Verständigung könne stattfinden, wenn seitens der Territorialisten keine Programmänderung gefordert werde. Wenn diese glauben, sie könnten in nächster Zeit eine grosse Kolonisation in einem Lande ausserhalb Palästinas durchführen, so könnte ihnen das Baseler Programm nicht hinderlich sein. Selbst als Zionisten dürften sie sich an einer solchen Kolonisationsarbeit beteiligen, wenn diese auch nicht Sache unserer Organisation sein kann; ebensowenig wie ein Zionist zum Beispiel der „Allianz" fernstehen müsse, ebensowenig sei es verwehrt, einer Kolonisationsgesellschaft anzugehören, wenn er an die Ausführbarkeit und den Erfolg ihrer Bestrebungen glaubt. Die Palästinazionisten können gegen die ßesiedelung Ugandas ebensowenig unternehmen wie gegen die Auswanderung so vieler Tausender, die sich über ganz Amerika jährlich zerstreuen. Sie müssten sich nur gegen eine Aenderung des zionistischen Programms wehren, das noch lange nicht bankrott geworden ist. Er hofft, dass diejenigen, die Vernunftgründen zugänglich sind, dem Streit ein Ende machen und eine Spaltung verhüten werden. Die hebräischen und jüdischen Zeitungen in Russland veröffentlichen einen warmen Aufruf zugunsten der 40.000 jüdischen Soldaten, die sich auf den mandschurischen Schlachtfeldern befinden und sehnlichst wünschen, mit ritueller Kost für die bevorstehenden Osterfeiertage versehen zu werden. Mit Einwilligung des Ministeriums wurde zu diesem Zwecke ein Komitee gegründet; in Samara und Irkutsk sind Orte bestellt, wo die Mazzoth gebacken werden sollen, auch der Transport ist gesichert, nur fehlt es an Mitteln zur Anschaffung des Mehls, das hingeschickt werden soll. Hoffentlich wird der Aufruf den gewünschten Erfolg haben. Die Adresse für Geldsendungen ist: Sibirski Torhowli bank für Passahkomitee, St. Petersburg, Newsky Prosp. 44. .Die jüdische Zukunft", Monatsschrift für Leben, Literatur und Wissenschaft, redigiert von Dr. J. Worts mann, IL Jahrgang, 1. Heft. „Die jüdische Zukunft" schreitet auf der einmal betretenen Bahn gedeihlich fort. Was sie vielen besonders wert macht, ist das mutige und offene Eintreten für das Baseler Programm und Palästina. Ueber „unsere Organisation" schreibt Herr M. Kleinmann: Die Organisation muss bewusste Zionisten umfassen, nicht aber bloss Schekelzahler. Die Parteileitung soll kollegial sein bei Selbständigkeit aller Mitglieder. Er fordert Trennung der inneren Parteileitung durch das A.-C. von der Vertretung nach aussen durch die „politische Kommission", dann die Trennung des Kongresspräsidiums von dem des A.-C. Die A.-C.-Mitglieder sollen in einer Stadt ansässig sein, wogegen die „politische Kommission" aus hervorragenden Zionisten aus aller Herren Ländern bestehen kann. Einen populären soziologischen Aufsatz über die Entwicklung einer „Nation" schreibt S. I. S t u p n i c k i. Wir finden in dieser Nummer ausserdem eine geschichtliche Würdigung der „Inquisition" sine ira et studio, den Artikel von Prof. W a r b u r g „Palästina als Kolonisationsgebiet" in guter Uebersetzung aus ,Altneuland" Nr. 1 und eine ausführliche, mit Daten belegte Besprechung der von der „Ica" herausgegebenen Materialiensammlung über die ökonomische Lage der Juden in Russland. Die „Chronik" enthält einen sarkastischen Bericht über die wichtigsten Erscheinungen des jüdischen Lebens und der Presse. Einen peinlichen Eindruck macht jedoch die Polemik gegen die gesammte „jüdische Presse**. Der literarische Teil, der Erzählungen und Gedichte von Nomberg, Fichmann und anderen enthält, ist sehr ungleich. Die Redaktion scheint ihm gerade nicht besonders viel Aufmerksamkeit zuzuwenden. Zum Schaden des Ganzen. Denn in übrigen ist die Zeitschrift sehr gut redigiert und verdient unterstützt;zu werden. Z. Dr. J. Chasanowitz, der bekannte Gründer und Förderer der Nationalbibliothek in Jerusalem, teilt den hebräischen Zeitungen mit, dass er nun müde sei, die Lasten dieses nationalen Unternehmens allein zu tragen, da sich die vermögenden Kreise gleichgültig zu demselben verhalten. Er sei deshalb fest entschlossen, sich von der Bibliothek vollständig zurückzuziehen und sie ihrem Schicksale zu ü berlassen. In der „Youngstowne Rundschau* verbreitet sich Dr. P. Friedmann anderhalb Spalten lang über den Zionismus. Es ist ein Referat ohne viel subjektive Färbung. Diese kommt erst zum Vorschein, als der Verfasser auf die Reformrabbiner zu sprechen kommt, deren Wirken er als vernichtend für das Judentum hinstellt. Interessant ist nach den letzten Auslassungen Leroj-Beaulieus die Konstatierung, dass der Zionismus in Amerika stark ist und wächst. Das Interesse der genannten Zeitung für die Bewegung spricht jedenfalls gegen den französischen Publizisten. — y. Feuilleton. Im?,Belfer"-Verein. „Belfer" — so heissen in der Verballhornung des jüdischen Volksmundes die „Behelfer", die Gehilfen des Melamed, des Kinderlehrers im osteuropäischen Ghetto : Mit dorn neuhochdeutschen Gebelfer haben diese armseligen Geschöpfe nichts gemein, wenn sie auch unter dem Hund leben. Wahrlich, wer diese blassen, abgeplagten Gesichter mit den matten, schläfrigen Augen auch nur flüchtig gesehen hat, der hat es gleich heraus, wie wenig beneidenswert das Schicksal dieser jungen, in den meisten Fällen sogar jugendlichen Juden ist. Eine rechte Vorstellung von der schrecklichen Misere, die in ihren Kreisen herrscht, bekommt aber erst derjenige, der Gelegenheit hat, dieses Leben aus nächster Nähe zu beobachten. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein sind sie auf den Beinen. Die meisten haben die Pflicht, jedes der Schulmeisterkunst ihres Melamed anvertraute Kind vom Elternhause abzuholen, es ins Cheder zu geleiten, um ihm dann wieder auf dem Heimwege ein treuer Wächter zu sein „Bessere" Judenhäuser stellen gesteigerte Anforderungen an den Belfer. Er muss da dem Kinde bei der Morgentoilette behilflich sein, er muss es abends zu Bette bringen» bei dieser und jeder anderen Gelegenheit seinen Zöglingen die üblichen Gebete und Segenssprüche vorsagen und — last not least — den Launen des Kindes gegenüber eine wahre Lammsgeduld an den Tag legen. Seine vom Melamed abgeleitete Strafgewalt gleicht fast null: ein weinender Aufschrei des verhätschelten Sprösslings setzt den armen Belfer den Eltern des Kindes gegenüber gleich ins Unrecht. „Wer gibt dir das Recht, mein Kind zu schlagen?11, so tönt es ihm halb fragend, halb zornig entgegen. Es lässt den Kopf sinken und denkt an die grausige Möglichkeit, das kärgliche Mittagmahl von heute, oder das trockene Abendbrot von morgen zu verwirken, wenn er auch nur Miene macht zu protestieren. Nicht viel gemütlicher fühlt er sich im Cheder. Dieses ist die Domäne des gestrengen Melamed, wo er unumschränkt schaltet und waltet, und die Sünden „reicher" Kinder ohneweiters an dem Belfer ahndet. Ist es Zufall oder trägt der langjährige Verkehr mit Kindern daran Schuld, dass die Melamdim nicht gerade die klügsten Leute sind? Ist doch die Borniertheit des Melamed längst sprichwörtlich geworden — ein mehr oder minder würdiges Pendant zur Zerstreutheit deutscher Professoren. Die erwähnte Eigenschaft seines Vorgesetzten macht dem Belfer das Leben im Cheder nicht angenehmer, wenn man da überhaupt von Annehmlichkeit sprechen kann. Zu den Annehmlichkeiten gehört auch unmöglich der Aufenthalt in einem ziemlich kleinen, von 40 oder mehr Kindern erfüllten Raum, dessen Stickluft unter dem Chorälen Singsang der althergebrachten Chederl ehr weise erzittert, dessen Wände unter den unaufhörlichen bald gütlich aneifernden, bald energisch befeuernden Zurufen der Lehrpersonen — Melamed und Belfer — erdröhnen. Und doch war es keine andere Lehranstalt, als das Cheder, woraus jahrhundertelang Männer hervorkamen, die dann Zierden und Leuchten ihres Volkes waren! Und doch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.