Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 „bis # weit11 Nr. 1 „Rocznik zydowski", redigiert von Adolf Stand, Lemberg 1905. Verlag „Kadimah". Als der „Rocznik" vor zwei Jahren zum erstenmal erschienen ist, versprachen wir uns viel von ihm sowohl als von einem zionistischen Organ als auch von einem Sammelpunkte der polnisch-jüdischen Intelligenz, Denn es gibt ja viele junge, tüchtige Kräfte unter den Juden Galiziens und Polens, die ihre Feder in den Dienst des Polentums stellen, die ihren Geist und ihr Herz für die Hebung, Fortsetzung, Vertiefung der polnischen Literatur geben. Wir haben da einen Feldmann, Ostap Ortwin, Jan Sten, viele und gute, entwicklungsfähige Talente- Und wir versprachen uns, die jüdischnationale Idee, das neue Volksideal werde diese Kräfte wecken, uns zuführen, ihnen neue Ideen, neuen Lebensinhalt zuführen. Denn auch ihnen ist es unheimlich und kalt, auch sie fühlen sich fremd. Und die Aufgabe des jüdischen Schrifttums in fremden Sprachen ist ja, ein jüdiscnes Milieu zu schaffen, dass mit dem Kulturmilieu des Landes in steter Verbindung stünde und doch jüdisch, heimisch, gemütlich wäre. Leider hat es keine einzige fremdsprachige Literatur zustande gebracht — und auch die Erwartungen, die man sich vom?/Rocznik zydowski" machte, sind nicht in Erfüllung gegangen. Keine neuen Namen, keine bedeutenden, originellen Leistungen. Den Anfang und den Schluss des Jahrbuches bildet Herzl, das Alpha und Omega desselben der Zionismus. Etwas eintönig der Auswahl nach. Der Einführungsartikel über Herzl ist von Adolf Stand geschrieben. Eine Charakteristik des verstorbenen Führers, eine schöne, bilderreiche Skizzierung. Ist es neue, psychologisch vertiefte Erklärung des geschichtlichen Phänomens, das Herzl ist? Ist es eine pragmatische Darstellung des Werdeganges, der Entwicklung der Persönlichkeit und der Tätigkeit Herzls? Ein neuer Beitrag zur Verständnis Herzls ist der Artikel nicht. Sein Mangel ist der Reichtum an Worten, an Poesie. Gefühl verklärt, aber erklärt nicht, Schwung reisst hin, aber überzeugt nicht. Der schöne Stil des Aufsatzes ist aber anziehend, an manchen Stellen direkt entzückend. Und er schliesst mit dem schönen mystischen Worte Mickiewicz', der in seinen „Dziady" den Grossen, Unnennbaren, Unverkennbaren, den Geist der Ewigkeit mit dem unverständlichen mystischen Namen nennt :UndseinName war „Vier un d vierzig4. Den Schlussartikel bildet eine Herzl-Charakteristik von Salomon Schiller, Eine gute, aufrichtige Würdigung, eine gerechte, liebevolle Kritik. Er hat nicht alles gesagt, was man sagen konnte. Noch ist die historische Perspektive zu nah. Der Aufsatz von Martin B u b er über „Bewegung und Renaissance". Dieses Wort Renaissance geht einem schliesslich schon auf die Nerven. Wo ist diese geistige Renaissance? Ist sie denn nicht erst das Ideal, das wir suchen, der Stern, den wir greifen möchten? Neues über die Idee der Renaissance — als Selbstbefreiung, geistige Entfesselung, hat uns Buber nichts gesagt. Wie soll man sich diese Renaissance denken? Welche Formen soll sie annehmen? Ist sie nicht ein Phantom? Und bewegen wir uns wirklich auf dem Wege zur geistigen Wiedergeburt? Diese Fragen sind zu beantworten, diese Fragen sind nicht beantwortet. Die übrigen publizistischen Aufsätze sind informativen Charakters und als solche ziemlich interessant. Die belletristische Abteilung ist arm. Wieder ein paar Uebersetzungen aus dem Jargon und dem Hebräischen (Nomberg, Perez, Woliin). Die Novellen und Gedichte haben keinen künstlerischen Wert. Die Illustrationen sind nicht besonders gelungen. Im allgemeinen macht der ,Roczniku einen angenehmen Eindruck. Und wenn trotz des guten Willens und der Mühen der Redakteure das Buch nicht das geworden ist, was es werden sollte, so liegt die Schuld an den jüdischen Intellektuellen, die es vorziehen, in fremden Gärten ungebetene Gäste als im eigenen willkommene und erwünschte Genossen zu sein. Cor. Der bedeutende rumänische Essayist und Universitätsprofessor Mihail Dragomirescu veröffentlichte in der „Epoca" einen grösseren Artikel, der unter anderem auch folgende Aeusserungen über das Judentum enthält. „Es gab Zeiten, zu welchen ich aus tiefster Ueberzeugung zu sagen pflegte — und ich sage es auch jetzt noch zuweilen — dass, wenn ich nicht Rumäne wäre, ich Jude sein wollte. Und ich hatte viele und gute Gründe dafür; denn bei keinem einzigen Volke ist, wie bei diesem, das Hauptprinzip des Schönen und des Lebens, das Prinzip der Einheit in der Verschiedenheit verwirklicht: spanischer oder chasarischer, polnischer oder amerikanischer, dänischer oder französischer, afrikanischer ode asiatischer Jude _ unter allen Nationen und unter allen Sprachen besitzt er eine eigene Seele, die ihn an den einzigen Gott knüpft. Sein Glaube ist der einfachste und dabei der wundervollste und er ist kein blosses Wort, sondern Wirklichkeit, und er bewirkt es, dass der Jude in allen Lebensformen, welche er sich von den Völkern, unter denen er wohnt, borgt; ein einzig Dastehender sei. Dieser Glaube ist es, den er von den ältesten Zeiten besitzt bis zum heutigen Tage. Seine Geschichte beginnt wie die keines anderen zivilisierten Volkes mit der Erschaffung der Welt. Sie entwickelt sich mit solchem Feuer und Glänze, mit solcher ungetrübter Einheitlichkeit, dass sie das meist gelesene und am stärksten geliebte Buch wurde, eine unversiegbare Quelle des Lernens für hunderte Millionen von Menschen. Der einfache Geist dieses Volkes, verkörpert in seiner Geschichte,- ist auch in das Geistesleben der anderen Völker eingedrungen, modifizierte und modifiziert noch dasselbe nach seinem Glauben. Diese Ueberlegenheit bewirkte, dass das jüdische Volk, obwohl hunderte und tausende Jahre unter anderen Völkern lebend, von diesen verachtet, beschimpft und unterdrückt, dahinkam, dass es allmählich und mit einer Geduld, wie sie nur hyperhumane Seelen haben können, sich den anderen fügte und mit ihnen lebte wie Söhne einer Nation, aber zu gleicher Zeit — und das ist das charakteristische Zeichen der Ueberlegenheit dieser Rasse — wenn es auch dem gemeinsamen Vaterlande sich unterwarf, seinem ideellen Vaterlande treu blieb, in welchem es, wie in einem Staate und über alle anderen Staaten, mit allen seinen Brüdern aus den entferntesten Teilen der Erde lebte, wobei es seine individuelle Anschauung, die ebenfalls mit der Erschaffung der Welt beginnt, sich bewahrte. Welche Nation hat ein so schwieriges und hohes Ideal zu verwirklichen vermocht wie diese? Und wenn Momente kommen, in welchen dich die Machinationen des nationalen Treibens anwidern, wie sollst du dann nicht mit Sehnsucht emporsteigen — und wenn du willst herabsteigen — zum Volke, das ein solch unvergängliches Ideal gezeigt? Nirgends hat sich so klar der Triumph des menschlichen Geistes gezeigt und es ist natürlich, dass man wenigstens von Fall zu Fall diese Höhe zu erreichen sucht." L. S. M. In der Jüdischen Rundschau* vom 10. Februar a. c. schreibt Dr. Theodor Zlocisti über die gegenwärtige Lage im Zionismus. Der Artikel, der unter dem Titel „Zur Situation im Zionismus" erschien, würdigt eingehend die Schwierigkeiten der jetzigen Lage und bespricht die Massnahmen, die zu einer Besserung führen können. Er schliesst mit den Worten: „Erziehung zur nationalen Gesinnung, Gewinnung der politischen Faktoren, kulturelle und wirtschaftliche Erschliessung Palästinas." Das ist das Programm, das Zlocisti für die künftige Leitung aufstellt. Eines in diesem Artikel scheint aber noch besonderer Erwähnung wert. Zlocisti spricht einige Hypothesen bezüglich der politischen Aktionen Dr. Herzls bei der hohen Pforte aus. Es wird vielleicht nicht überflüssig sein, ausdrücklich hervorzuheben, dass es sich dabei natürlich nur um Vermutungen unseres geschätzten Gesinnungsgenossen über Dinge handelt, die sich seiner Kenntnis begreiflicherweise zum grössten Teile entziehen. —r. Die Kinderzeitung „Jung-Juda" ist an dieser Stelle bereits oft besprochen worden. Anlässlich ihres Eintrittes in den fünften Jahrgang können wir nicht umhin, diese ausgezeichnete Lektüre für unsere Jüngsten und Kleinsten den interessierten Kreisen aufs wärmste zu empfehlen. Wir finden in den letzten Heften eine schöne Auswahl von lehrreichen und nützlichen Beiträgen, die geeignet sind, das kindliche Gemüt für das Judentum einzunehmen und zu erziehen. Wir möchten aber auch den Herrn Herausgeber bei dieser Gelegenheit aufmerksam machen, etwas mehr Sorgfalt auf die hebräischen Uebungsstücke „Zum Uebersetzen" zu verwenden, da es ja nicht angeht, Kindern inkorrekte Texte vorzulegen, wie es in Heft 11 mit dem ersten und zweiten Spruche und mit der Rätselauflösung: Zweig—Flügel der Fall ist. Auch die Erzählung in Nr. 12 wimmelt von Fehlern in der Punktation und der Sprachgebrauch ist nicht immer korrekt. Darauf muss bei der Jugend, die lernen soll, sehr geachtet werden. H e b r äu s. Im „Hazofe" ergreift nun auch Dr. Bernfeld, der auffallenderweise lange zum Ugandastreit geschwiegen hat, das Wort in einer Artikelserie mit der Ueberschrift: „Der siebente Kongress." Nachdem er in den ersten zwei Artikeln die Haltlosigkeit des „Territorialismus" dokumentiert, zugleich aber betont hat, dass dieser nicht mit ungebührlichen Mitteln bekämpft werden dürfe, schliesst er sich im dritten Artikel einer Mahnung des „Fraind" an, die gutgesinnten Zionisten mögen sich vor dem Kongresse zusammentun und eine friedliche Einigung herbeiführen.