Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 wbif* w^ip Seite ff schiicsst die Türe; England wird sie auch schliesseii. Es genügt um Abgeordneter zu werden, das Versprechen vor den Wählern abzugeben, die Schliessung Englands ihr die „Fremden" anzustreben. Unter „Fremden" versteht man die Juden! Was wird nun aus den Juden werden? Jetzt haben sie wenigstens eine Lotterie, deren Gewinnlos Amerika ist; nun wird auch diese Lotterie geschlossen. Was wird aus ihnen, aus ihren Kindern werden? Die Erfahrung lehrt, dass die Assimilation unmöglich ist, dass die Zerstreuung, wie es ein grosser Jude aufgefasst hat, nur den Judenhass an neuen Punkten anschürt. Nein, wir müssen uns organisieren und dem Lande unserer Väter zustreben, am" das wir niemals verzichten wollen. Die Wege, die dahin führen, sind verschieden. Beim Bau einer Eisenbahnlinie überlässt man es den Ingenieuren, an üit und Stelle zu untersuchen, wo man eiin Tunnel zu bofiren, eine Brücke zu spannen oder einen Umweg zu machen Hat. Die gegebenen Bedingungen entscheiden, was ratsamer und besser in Angriff zu nehmen ist. So ist auch die Sache mit dem Zionismus bewandt. Wir können nicht im vorhinein sagen, welche Marschroute wir einschlagen werden, indem wir der Station Zion zusteuern. Dies hat auch Herzl erklärt. Wenn der jetzige Sultan, bei seiner jetzigen Laune, nicht gewillt ist, den Charter zu bewilligen, so wird einmal ein anderer Sultan kommen oder ihn eine bessere Laune anwandeln. Der Wege sind viele, das Ziel! ist eines: Zion! Der Zionismus muss und wird sein Ziel erreichen! Ui.ser Ziel ist gegeben, wir müssen die Machtmittel behuis dessen Erlangung aufbringen. Manche fragen hämisch: Was hat Herzl gebracht? Herzl hat seinem Volke den Kongress, die Bank, den Nationalfonds geschaffen, aber das Volk hat nichts getan. Nur ein Viertel unseres Volkes hat den Schekel gezahlt. Rothschild hat 30 Millionen gespendet für Palästina, aber er hat es wie ein Reicher getan, mit guten Gedanken, aber zur Ausführung war er unkompetent. Man hat energievolle, von einem heiligen Eifer beseelt: Männer, in winselnde, jammernde Menschen verwandelt. Alle hatten das Beste gewollt, dieAdministration auch zum Teil, aber das. Menschliche muss man menschlich begreifen. Wenn wir jetzt solche Helden unter uns hätten, hätten wir anders gehandelt, aber um solche Helden zu erzielen, muss man starke Propaganda in Wort und Schrift machen. Wir sind von einer gewissen Presse angefeindet, wir werden heftig verfolgt. Aber wollen wir es uns nicht verdriessen lassen. Mögen unsere Verfolger sich schämen! Wir sind auf dem rechteii Wege. Es ist Pflicht aller selbstbewussten Juden, sich mit dem Ziorisrnns zu beschäftigen, sei es, um ihm eine grössere Form zu geben, sei es, um ihm einen neuen Hauch zu verleinen. Jed^* Jude, der sich dem Zionismus nicht anschliesst, begeht die Sünde, den Zionismus zu verlangsamen. Jeder Jude, der nicht den Schekel zahlt, begeht diese Sünde. (Rauschender, nicht enden wollender Beifall.) Mit einer warmgefühiten Ansprache Dr. AI. M a r m o r e k s und einer hebräischen Rede Dr. Slouschz' schloss der Abend, der Lange im Gedächtnisse aller Teilnehmer nachwirken wird. L Carny. Brief aus Lemberg. Herr Samuel v. Horowitz ist zum Präsidenten der Lemberger Hr.udels- und Cewerbekamrner gewählt worden. Die Geschichte dieser Wahl hat für die Verhältnisse, unter denen die Juden leben, so viel Symptomisches, dass sie es verdient, mit einigen Worten besprochen zu werden. Die Lemberger Handelskammer wrar im Parlament durc i eine Reihe von Jahren von einem Juden vertreten. Der letzte jüdische Abgeordnete war der verstorbene Jakob Piepes-Poratynski, Nach dessen Tode sollte es anders werden. Wie diese Veränderungen durchgeführt wurde, das Ist bald ei zählt. Der Bürgermeister von Lemberg H. G. Malachowski ist den'Machthaber-Ii der Lemberger Ratsstube, der sog. „Schützenpartei" unbequem geworden und sein Verbleiben im Rathause unmöglich. Der Statthalter Graf Potocki gab seinen diesbezüglichen Wunsch den Herren deutlich zu hören. Um dem Bürgermeister seine bittere Pille zu versüssen, sah man sich nach einem merkwürdigen Auskunftsmittel um. Er sollte Reichsratsiögeordneter werden. Infolge Ablebens des Herrn Piepes-Poratynski war das Reichsratsmandat der Handelskammer neu zu besetzen und viele Kandidaten bewarben sich um dasselbe. U. a. auch Samuel Edler von Horowitz, ein sehr reicher und einflussreicher Mann. Er hatte auch, wegen der Majorität der jüdischen Wä.iler die grössten Aussichten und seine Wahl war gesichert. Nun tr.a das Merkwürdige ein. Plötzlich taucht die Nachricht auf: Zwischen H. Horowitz und der „Schützenpartei" seien Abmachungen getroffen worden, wornach H. Horowitz auf seine Wahl zu gunsten des Bürgermeisters Malachowski verzichte, wohingegen die Schützen - partei sich verpflichte für H. Horowitz bei der Wahl des Kammerpräsidenten corporativ zu stimmen. Jetzt ist der Wechsel eingelöst worden. Herr Malachowski ist zum Abgeordneten und Herr Horowitz zum Präsidenten der Handelskammer gewählt worden. Wir würden di:se Geschichte nicht erzählt haben, wenn sie nicht, wie gesagt, uasere ganze Goluspolitik in so drastischer Weise charakterisieren würde. ___ Wir glauben zwar nicht, dass bei den obwaltenden Verhältnissen im österreichischen Parlament ein Mann, wie HorowiU, für die Verbesserung der jüdischen Lage in Galizien hätte viei ausrichten können, aber den schwer und unter mühseli-genOpieni errungtenen jüdischen Besitzstand in so schnöder Weise preiszugeben, das ist ein Stückchen, das sich von selbst richtet. Im übrigen steht dieser Fall gar nicht vereinzelt da. Bei der Watil in den galizischen Landtag ist es nicht anders zugegangen. Da wurde nach dem Tode des Herr Dr. Bernhard uoldnuan eines der wenigen jüdischen Mandate in den Landtag frei. Auch hier haben es unsre gegenwärtigen Kehillaversorger nicht unterlassen, das Mandat zu gunsten eines gut christlichen Kandidaten fallen zu lassen. — Dass hier wie dort viele wichtige Interessen auf dem Spiele sind, was scherts? Es ist ja blos des armen Juden Haut und die kann ohne Bedenken verschachert werden. Wenn nur die paar reichen Juden, ihr Geschäftchen dabei machen. •_ii.;..;iü^iL Gegenwärtig sind die Wahlen in den Gemeinderat vor der Tür. Viele Parteien, viele Komitees, auch jüdische. Die Juden der Hauptstadt Galiziens machen den dritten Teii der Bevölkerung Lembergs aus und sollten von rechts wegen 33 jüdische Gemeinderäte entsenden. Gewählt werden aber, wenn es gut geht, 18. Der Gemeinderat von Lemberg ist nämlich liberal, sowie man ja überhaupt in Galizien nicht antisemitisch ist. Man lässt nur nicht zu, dass der Jude, Gotte behüte, die k'einste, komunale Beamtenstelle erlange, dass er Stadtarzt, definitiver Lehrer etc. werde. So es sich um die Besetzung eines Direktorpostens in einer ausschliesslich von jüdischen Kindern oesuchten Schule handelte und viele qualifizierte jüdische Bewerber, auf den Plan traten, da hatte man gegen die jüdische i Bewerber kein schlechtes WöTtchen fallen lassen, man hat ei-1fach einen Christen angestellt. Und die jüdischen Lenrerinium können ja schliesslich auch 10—15 Jahre warten, bis sie zur provisorischen Unterlehrerin ernannt werden. Unsere jüdischen Vertreter im Gemeinderate haben es Gott sei Dank „nicht nötig". Sie sind fakt durchwegs vermögende Herren und können sich doch unmöglich in (ein jüdischen Frage i so weit exponieren und den Vorwurf zionistischer Engherzigkeit •und jüdischen Chauvinismus auf sich laden.