Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 „bi* # weit11 Seite 5 ziehend zu machen, und dazu ist Autonomie das beste Mittel. Der mit den argentinischen Kolonien verbundene Plan schlug fehl, weil das Gefühl dabei nicht mitsprach; Autonomie wird in Ostafrika das sentimenta 1 e Element bilden. Wir dürfen hier nicht nur ein verherrlichtes Ghetto gründen — einen Ort, dem der Jude sich mehr oder weniger geizwunge'nermassen zuwendet. Wir müssen eine Niederlassung schaffen, die für ihn auch aus anderen als materiellen Gründen Anziehungskraft besitzt. Die Sache läge anders, wenn wir kleine Kolonien oder Staaten für Juden gründeten, hier wollen wir aber eine grosse Niederlassung schaffen, von ungefähr halb der Grösse von Palästina, unld für eine solche Niederlassung ist Autonomie ein wesentliches Erfordernis. Wenn wir keine Autonomie in Ostaf rika. haben sollen, so ist der ganze Plan mehr oder weniger nutzlos. Denn Baum ist in Argentinien und anderswo noch für zahllose jüdische Kolonisten vorhanden, wenn die Sache nur eine Frage von Baum und Gelegenheit wäre. Autonomie, auch ausserhalb Palästinas, würde in denen, die nach Ostafrika auswandern, und noch mehr in denen, die dort geboren werden, die praktischen Anfänge eines jüdischen Nationalbewusstseins hervorrufen, und ein solches Bewusstsein des Judentums im weiteren Sinne würde seinerseits ein berechtigtes Unabhängigkeitsgefühl und ein bleibendes Interesse an. dem Gebiete hervorrufen. Es ist ausserdem ein Grund für jüdische Autonomie in Ostafrika vorhanden, der, wie ich hoffe, praktische Leute für sich gewinnen wird. Die Einwanderer, welche die Niederlassung bilden sollen, werden wahrscheinlich aus aller Herren Länder stammen und Untertanen verschiedener Regierungen sein. Es ist wahr, dass der Jude sich schnell neuen Verhältnissen und Leuten anpasst, es würde aber sicherlich zur baldigen und dauernden Gründung der Niederlassung beitragen, wenn eine Begierungsform eingeführt würde, die jeder Ansiedler als die seine anerkennen kann, ob er Busse, Oesterreicher, Engländer oder Amerikaner ist; diese Begierungsform, die alle anerkennen, nmss eine jüdische sein. Der Unterschied, den die Autonomie bilden würde, soll derjenige sein, der diesen Versuch der Hebung des jüdischen Volkes vor allen anderen bisherigen auszeichnen soll. Die anderen sind fehlgeschlagen oder sind im besten Falle nur von. teilweisem Erfolge begleitet gewesen. Sie hatten fast alle Vorteile, die der jetzige bietet, aber sie boten keine Autonomie. Wäre es nicht unlogisch, wenn diejenigen, denen das Wohl ihres Volkes am Herzen liegt, eine Gelegenheit, diese Unterlassung gutzumachen, zurückwiesen!, besonders da sich die Gelegenheit nicht wieder bieten könnte? Was aber auch geschehen mag, hüten wir uns vor der Schande, die uns notwendigerweise zuteil werden muss, wenn wir Juden dieses Anerbieten der englischen Regierung unbeachtet lassen! Den Zionisten wird der geringere Teil dieser Schande zufallen; denn sie haben wenigstens das Anerbieten erlangt, sie haben jedenfalls die Kommission ausgesandt, um das Gebiet zu erforschen. Sobald der Berieht eintrifft, ist es die Pflicht aller Juden, Zionisten oder nicht, zuzusehen, dass der Vorschlag einer eingehenden Prüfung unterworfen wird, wenn der Bericht dies rechtfertigt. Die Entschuldigung, dass ein solches Experiment dieser oder jener Körperschaft nicht zukommt, ist nicht stichhaltig. Die Sache ist keine solche, die dadurch umgangen werden kann, dass jeder in seiner eigenen engen Sphäre arbeitet und an seines Bruders Arbeit keinen Anteil nimmt, ja sie manchmal mit neidischem Auge betrachtet. Wir haben hier keinen Raum für das „Chewra"- Ideal, für kleinlichen Hader und engherzige Eifersucht. Ein Buf ist an das ganze Haus Israel ergangen, das Werk seiner eigenen Befreiung in grossem Massstabe zu begin~ nen, dadurch, dass es vor allem das schwerste Problem löst, das es bedrückt. Und wenn Israel sich heute als lässig, träge und entartet erweist, so dass es zur Arbeit für das allgemeine Beste nicht mehr fähig ist, so entnationalisiert sich zeigt, dass es seines Volkes nicht mehr achtet, dann stehen ihm noch mehr Leiden bevor und es wird in den Augen der Welt noch t i e f e r s i n k e n. Wenn dies geschehen sollte, so werden aber vielleicht. wir Zionisten dadurch wenig Ruhm ernten, denn es würde beweisen, dass unsere Ideale noch wenig Eingang bei den Juden gefunden haben. Und darin liegt für Zionisten eine Pflicht, die sie sich zu Herzen nehmen müssen, denn die.se Sache geht sie vor allen anderen an. Sie sollten es sieb angelegen sein lassen, überall das Nationalgefühl in den Juden zu pflegen, ohne notwendigerweise sich auf irgend einen bestimmten Plan zu beziehen. Sie sollten überall ihr äusserstes tun, den Juden klarzumachen, wie wichtig es ist, dass sie der Nachwelt ein Erbe hinterlassen, das trotz allen was geschehen, ein herrliches ist, und durch die letzte Generation, der es gehörte, nichts eingebüsst hat. Die Reihe von Problemen, die in der sogenannten Juden frage mit einbegriffen sind, gehen uns alle an, Männer, Frauen und Kinder, und die Kinder ganz besonders, denn sie werden ernten, was wir säen; sie gehen den Armen sowohl wie den Reichen an, den Juden im Osten und im Westen. Eins dieser Probleme, das uns die Ereignisse der letzten Zeit zu einem besonders dringenden gemacht haben, ist eine Lebensfrage. Wir sind berufen, ein Mittel zu finden, durch welches die Juden als Volk der Welt erhalten werden können, und durch welches ihre historische Fortdauer gesichert werden kann. Es hängt davon ab, dass während weniger Jahre in nächster Zukunft — eine Kleinigkeit in. der Existenz eines Volkes — wir fähig sind, die Verfolgungen, die Leiden und die Opfer zu rechtfertigen, die uns durch Jahrtausende auferlegt worden1 sind, und wieder ein. grosses Volk zu werden — gross im besten Sinne des Wortes — oder ob wir allmählich, aber sicher, untergehen müssen. Heute stehen wir am Kreuzwege und müssen uns entscheiden. Seit c n hat ein Volk eine m. grösseren P r o b 1 e m gegenübergestanden, keine ernstere Frage ist den Juden jemals gestellt worden. Wir müssen Mittel finden, um unser verstreutes Volk zu einer Einheit des Denkens und der Ziele zurückzuführen. Wir müssen viele mannigfaltige Interessen, viele verschiedene Ideale um unser Nationalideal versammeln, welches aus unserem unerschütterlichen Glauben an die Möglichkeiten, die in unserem Volke liegen, entspringt. Heute sind die Juden durch ein Band der Gemeinschaft vereinigt, das von Tag zu Tag schwächer wird, und das bald, ganz aufhören mag. Die Hoffnung für Juden liegt im Festhalten am nationalen Ideal und die Zionisten müssen sich dem Verbreiten, dieses Ideals als Kultus widmen, ohne Rücksicht auf Menschen und Verhältnisse. Es gibt keinen geraden Weg zum Wiederaufbau einer jüdischen Nation; diese nationale Arbeit muss ihren Anfang und ihr Ende in dem Herzen des Volkes finden. Ich habe von Zionisten die Behauptung gehört dass wenn wir von der türkischen Regierung eine Urkunde für die Besitznahme von Palästina oder auch nur für einen Teil davon erlangen könnten, alle Juden sofort Zionisten werden würden. Ich bin nicht dieser Ansicht, Ich glaube, dass dies in jedem Falle ein verfrühter Schritt sein würde. Lasst uns zuerst Mut und Entschlossenheit in unserem Volke pflegen und Bereitwilligkeit, persönliche Opfer zur Rettung unseres Volkes als Nation zu bringen; bis dieser Geist nicht unter den Juden vorherrscht, bauen wir auf Sand und jede Urkunde, die wir erlangen könnten, würde das Pergament nicht wert sein, auf der sie geschrieben Die Zionisten haben allerdings in vielen Fallen bewie^n, dass sie eines