Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „bie # weit11 Nr. 7 sten Plätze als die Edlen der Welt eingenommen haben, und dass wir dies alles überlebt haben. Und,, wird gesagt, wir können noch mehr ertragen, so lange die vom Schicksal Begünstigten unter uns den weniger Glücklichen beistehen, bis wir wieder ein Volk in Palästina werden. Diese Schlussfolgerungen schiiessen aber viele bedeutende Aenderungen der Verhältnisse aus, die uns während der letzten fünfzig, sechzig oder siebzig Jahre umgeben haben, und die bis dahin seit der Diaspora nicht existiert hatten. Das durch die Synagoge gebildete Band, zum Teil religiös und zum grossen Teil national, ist überall gelockert worden. Das hat mehr als eine Ursache. Die „Emanzipation^ der Juden in den westlichen Ländern und der Einfluss grösserer Gedankenfreiheit in der Welt, veranlassten die Synagoge, ihr jüdisches Volkstum dort zu verwässern, wo die Juden durch „Emanzipation" mehr und mehr Staatsbürger in ihrem Geburtslande wurden, und in ihrer Wachsamkeit über solche Gemeindegiieder nachzulassen, die unter den Einfluss der allgemeinen Kultur kamen. Die Synagoge, unterstützt durch Verfolgung und Verachtung der Juden, war durch Jahrhunderte die einzige Macht, die die Juden vor Verschmelzung mit den anderen Völkern der Welt schützte — das heisst Verschmelzung der Gedanken, des Geistes, der Einheit der menschlichen Interessen. Heute ist die Synagoge als eine solche Macht überall, schwach und wird von Tag zu Tag schwächer. Sogar in-Ländern,- wo die Verfolgung noch herrscht, weicht die Synagoge der „Kultur''', und der junge Jude des Ghetto wird heutzutage oft ebensowenig beachtet und hat viel weniger Achtung vor rechtgläubigen Gebräuchen, als der junge Jude des Westens. Ich brauche hier auf diesen Puükt nicht näher einzugehen. Zionisten sind darüber einig, iass die jadische Frage ihrer Lösung harrt. Viele meinen aber, dass das indolente „laissez faire", dass sie in anderen so streng verurteile]!, für sie gerechtfertigt ist, einfach weil sie sich zu zionistischen Grundsätzen bekannt haben. Wenn sie sieh einmal dazu bekannt haben, glauben sie ihre Pflicht getan zu haben; weil sie, mit Recht, ihren Sinn auf Zion gerichtet haben, geben sie sich damit zufrieden, die Dinge ihren Ganggehen zu lassen bis Zion ihr eigen wird; sie lassen die Zwecke ausser acht, um derentwillen wir Zions bedürfen, und das andere Werk, das als Vorläufer notwendig wird oder jedenfalls sehr hilfreich sein kann. In der Tat, in ihrem Falle ist das „laissez faire" nur einen Schritt von demjenigen entfernt, dass ihre Gegner beseelt. Wenn wir, die wir uns weigern, die Lage unseres Volkes mit Gleichmut anzusehen, Avonn wir, die wir uns weigern, die Hände zu falten und auf Zion zu warten, unserem Bangen Ausdruck verleihen, so spotten sie unser und sagen uns, dass wir des Glaubens ermangeln; sie sagen, dass wir Gottes. Versprechen - und die Prophezeiungen haben. Es scheint mir aber, dass in jedem Falle, wenn die Erfüllung von Prophezeiungen mit mathomatischer Genauigkeit nachgewiesen wurde, die menschliche Arbeit dabei eine bedeutende, eine wesentliche Polle gespielt hat. Wenn Zionisten demnach nicht berechtigt sind, dem est afrikanischen Anerbieten fernzubleiben, wenn die Verantwortung dafür, dass das Anerbieten nicht durch Uebersehen seiner unendlichen Wichtigkeit fehlschlägt, auf ihnen ruht, so behaupte ich, dass ihre diesbezügliche Tätigkeil Grenzen hat. I)ie Geldmittel, über die wir verfügen, sind keine zu grossen, und müssen mit grosser Vorsicht verwaltet werden, bis es uns möglich ist, sie für ihre wirkliehen Zwecke in Palästina zu verwenden. Dies bezieht sich auch auf die Zeit und die Kraft, die der Zionistische Bund als Körperschaft auf jeden Plan, so wichtig er auch sei, verwendet, der ausserhalb Palästina liegt. Manche unter unseren Gegnern haben uns häufig gesagt, dass sie mit unseren Idealen sympathisieren und dass unsere Ziele ihren Beifall haben, dass aber Palästina unmöglich ' ist. Und ebenso wie der ostafrikanische Plan nicht die ganze Kraft der Zionisten erfordert, so sollte er den Beifall aller Juden finden, die vorgeben, dass sie e t w a s Greif b a res für die Besserung der Lage ihres Volkes tun möchten. Es sollte daher nicht schwer sein, in Anbetracht der zu erwartenden Vorteile eine speziellen Bund ad hoc zu bilden, der sich mit dem Anerbieten der Begierimg befassen würde, vorausgesetzt, dass der Bericht das Verfolgen desselben rechtfertigt. Eine Gesellschaft zur Uebernahme und Exploitierung des Gebietes sollte gebildet werden, der Gewinn der Aktionäre sollte sich, sagen wir, auf 5 Prozent beschränken, und alle restlichen TJeberschüsse sollten zum Besten des Gebietes verwendet werden. Ich habe keinen Zweifel, dass eine solche Gesellschaft ohne Schwierigkeit günstige und gerechte Bedingungen erhalten wird. Die Gesellschaft würde. Pionierarbeit übernehmen, und eine allmähliche lieber Siedlung von Juden nach dem Gebiete würde stattfinden, welches auf diese Weise leicht eine jüdische Niederlassung werden würde. Ihre Bewohner würden dort unter unendlich viel günstigeren Bedingungen leben, als in Osteuropa, oder in den Armenvierteln Englands oder der Vereinigten Staaten. Sie würden in dieser Niederlassung w i 11 k o m m e n geheissen werden; das wäre jedenfalls dem auswandernden Juden etwas N e u e s. Ein wichtiger Einwand gegen den ostafrikanischen Plan ist nun der, dass eine jüdische Autonomie bewilligt ist, und ich muss von vornherein sagen, dass für diejenigen, die die Juden nur als eine religiöse Sekte betrachten wollen, deren Begriffe vom Judentum so paroehial sind, class sie sich fürchten, die Juden als ein Volk anzusehen, und deren Ideen von Keligion so beschränkt sind, dass sie sie sich nur als umgeben und eingeschlossen von Formeln und Bekenntnissen vorstellen können, ich will sagen, dass für solche der Einwand stichhaltig, ist. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Leute mit so engherzigen Ideen sich damit zufriedengeben können, die Juden bedrückt zu sehen und sie mehr und mehr verkommen zu lassen, um nur nicht an einem Versuch, sie als Volk zu heben, teilzunehmen. Es würde mir aber unendlich leid tun, zugeben zu müssen, dass unser Volk als ein Ganzes so tief gesunken ist, oder dass von. all dem Patriotismus, den die Juden mit orientalischer Freigebigkeit allen Völkern zuteil werden lassen, unter denen sie wohnen, nichts für ihr eigenes Volk übrig geblieben ist. Dieses Schreekbild der Autonomie, aus dem man so viel Nutzen zu ziehen gesucht, ist aber in Wirklichkeit durchaus nicht so b e u n r u h i g e n d. Alles, was vorgeschlagen wird, ist, dass das Gebiet unter die Verwaltung von Juden gestellt werden sollte, die von der englischen Kegierung ernannt oder bestätigt werden würden. Doktor Hcrzl hob diesen Punkt hervor, weil eine solche Autonomie das einzige natürliche Mittel ist, durch welches das ganze grosse Gebiet ein speziell jüdisches werden und bleiben könnte. Es ist dies die einzige mögliche Garantie, denn es wäre sicher lächerlich, von der englischen Kegierung zu erwarten, irgend ein Projekt zu billigen, durch das der Ausschluss von Nichtjuden aus einem unter der Kontrolle der Krone befindlichen Gebiete eine definitive Bestimmung wird. Es ist auch nicht anzunehmen, dass durch irgend ein anderes Mittel Bestimmungen und Gesetze, die eine jüdische Bevölkerung brauchen würde, so leicht einzuführen wären. Ich gebe nur ein. Beispiel — ein sehr wichtiges — ich meine den gesetzliehen "Ruhetag. Unter der in Aussicht genommenen Autonomie würde natürlich der Sabbat dieser Tag sein. Ist es nicht augenscheinlich, dass dies von unendlichem Werte wäre, wenn auch nur für die physische Wiederbelebung unseres 'Volkes? Das Wesentliche in dem vorgeschlagenen Plan ist, das Gebiet für Juden an-